Die Ruhrpolen
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Die „Ruhrpolen“ - Hörspiel von "COSMO Radio po polsku" auf Deutsch
Landsmannschaftliche Prägung der Zuwanderer
Bei dem Großteil der ruhrpolnischen Zuwanderer handelte es sich um Angehörige einer ländlich geprägten, westslawischen Bevölkerung, die Mundarten bzw. Dialekte des Polnischen sprach. Im Hinblick auf Brauchtum und Traditionen waren die Menschen in den Herkunftsregionen fest eingebettet in den jeweiligen regionalen und lokalen Kontext, wohingegen sie kaum Kontakt zu den deutschsprachigen Eliten hatten. Der dörfliche Raum blieb relativ isoliert und besaß innere Hierarchien, Regeln und Rituale. Der Jahresablauf war durch die kirchlichen Sonn- und Feiertage strukturiert und die physische Mobilität des Einzelnen stark eingeschränkt.[10] Hinzu kam die spezifische Volksreligiosität in den ländlichen polnischen Teilungsgebieten, die die Moral- und Wertvorstellungen der Menschen, ihr Handeln und Denken bestimmte, und damit einen der entscheidenden bewusstseinsprägenden Faktoren darstellte.[11] Trotz aller oder vor allem wegen der Einschränkungen bot die Heimat allerdings auch Sicherheit; und so führte die erstmalige Migration der Arbeitswanderer zur vollständigen Entwurzelung aus dem bekannten sozialen und kulturellen Umfeld. Fremdheitserfahrungen, fehlende Sprachkenntnisse und Unverständnis für die vor Ort herrschenden Zustände und Bedingungen sowie der gleichzeitige Mangel an eigenen Eliten, die Struktur, Orientierung und auch Seelsorge bieten können, führten vor allem in den Anfangsjahren der Zuwanderung zu sozialen Problemen,[12] die durch die schwere, den meisten bis dahin unbekannte Arbeit unter Tage, noch verstärkt wurden: „Die ganzen physischen Schmerzen waren nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu den moralischen Leiden […] Ich hatte Angst vor der mich umgebenden Dunkelheit. Ständig musste ich an die ‚Geister‘ denken, mit denen man uns durch Erzählungen und Märchen geängstigt hatte. Ich habe mir vorgestellt, dass solche Geister, wenn es sie denn gab, nur in einer solchen Dunkelheit existieren konnten.“[13]
Vor dem Hintergrund lokaler und regionaler Bindungen und Mentalitätsprägungen, der aus der Heimat mitgebrachten Volksreligiosität, sowie bedingt durch die spezifische Migrationsform der Pionierwanderung entwickelten sich einerseits landsmannschaftlich geprägte Wohnbezirke, andererseits ein zunächst durch die regionale Herkunft bestimmtes Vereinswesen mit religiöser Ausrichtung. Die weitgehende Kontinuität in der Siedlungsstruktur zwischen Herkunfts- und Zielregion wurde durch den Bau von Zechensiedlungen und das sich entwickelnde Kostgängerwesen forciert. Gelang es Arbeiterfamilien, eigenen Wohnraum anzumieten, so versuchten sie, ihr Einkommen durch die Aufnahme und Versorgung von Untermietern zu erhöhen. Aufgenommen wurden in erster Linie Familienangehörige, Bekannte und Nachbarn aus der Heimat oder Personen, die aus dem eigenen Milieu stammten, über einen guten Leumund verfügten und konfessionell mit der aufnehmenden Familie übereinstimmten. Der darüber entstehende Vertrauensmechanismus weitete sich nur sehr langsam und mit zunehmender Verweildauer am Aufenthaltsort im rheinisch-westfälischen Industriegebiet auf potenzielle Kostgänger aus anderen Herkunftsregionen aus. Auf diese Weise entstanden am Zielort ganze Straßenzüge, Siedlungen und Stadtteile, die in hohem Maße von Zuwanderern aus bestimmten Regionen im Osten Preußens bewohnt waren.[14] Generell konzentrierten sich beispielsweise die Zuwanderer aus der Provinz Posen insbesondere auf bestimmte Bezirke von Dortmund, Bochum und Essen, der Gelsenkirchener Raum bildete den Kernsiedlungsbereich der Masuren,[15] während Oberschlesier vor allem im nördlichen Ruhrgebiet in und um Bottrop, Gladbeck, Borbeck und Osterfeld anzutreffen waren.[16]
[10] Skrabania: Keine Polen?, S. 93–95.
[11] Ebenda, S. 104–105.
[12] Matwiejczyk, Witold: Katolickie towarzystwa robotników polskich w Zagłębiu Ruhry 1871–1894. Rozwój organizacyjny a świadomość narodowa, Bd. 1, Lublin 1999, S. 87.
[13] Pamiętniki emigrantów 1878–1958, mit einem Vorwort von: Kazimierz Koźniewski, Warszawa, S. 23 [Übersetzung: David Skrabania].
[14] Vgl. Budraß: Von Birtultau, S. 127–133.
[15] Kornatowski, Wiktor/Malczewski, Kazimierz (Hgg.): Wspomnienia Opolan, Warszawa 1960, S. 103–104.
[16] Kleßmann, Christoph: Integration und Subkultur nationaler Minderheiten. Das Beispiel der „Ruhrpolen“ 1870–1939, in: Bade, Klaus J. (Hg.): Auswanderer. Wanderarbeiter. Gastarbeiter. Bevölkerung, Arbeitsmarkt und Wanderung in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Ostfildern 1984, S. 491.