Zdzisław Nardelli
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Nardellis Gefangenschaft dauerte wesentlich länger an, als die siebenmonatige Haft Messiaens, und verlief bis zum Kriegsende unter immer dramatischeren Vorzeichen. Gemeinsam mit seinen polnischen Mitgefangenen aus Görlitz kam Nardelli am 3. Februar 1941 im Lager in Fullen (im Emsland an der niederländischen Grenze) an, das zum Stalag VI B in Neu Versen gehörte. Hier verbrachten die Kriegsgefangenen über zwei Monate, bevor sie in das Lager in Hoffnungsthal verlegt wurden.[25] Nach der körperlich aufzehrenden Arbeit in den Fullener Torfmooren lebte Nardelli im Lager in Hoffnungsthal am Wahn (das ebenfalls zum Lagerkomplex Stalag VI B Neu Versen gehörte) wieder auf. Von den Deutschen wurde er zum Theaterleiter ernannt, gab Unterricht in Form von geheimen Kursen, beteiligte sich gemeinsam mit Kameraden an Sabotageaktionen und kooperierte mit einer konspirativen Zelle der Heimatarmee. In dieser Zeit arbeitete er überdies eng mit Świętosław Krawczyński[26] zusammen, der die Musik zu den Aufführungen im Lager komponierte, arrangierte und als Pianist agierte. So wurden u.a. die Werke Nardellis aufgeführt, an die sich Krawczyński wie folgt erinnerte: „[Seine Kunst] war märchenhaft, humorvoll, gereimt; in ihrer symbolischen, grotesken Handlung versteckte sich der Gedanke an die Unbestechlichkeit eines polnischen Gefangenen durch einen Deutschen.“[27] Überdies kam es zur Premierenaufführung der Komödie Dom Otwarty [Das offene Haus] und einiger Revuen von Michał Bałucki, die sich als Erinnerung an die kleinen Theater und Kabaretts der Vorkriegszeit in Warschau immer großer Beliebtheit beim Publikum erfreuten.
Leider verheimlichte Nardelli seine linken Ansichten auch vor seinen Leidensgenossen im Lager nicht, obwohl einige Kameraden ihn davor warnten. In den Lagern gab es viele Denunzianten und heuchlerische Personen, die – deprimiert von den Umständen und Lebensbedingungen – um jeden Preis versuchten, ihren Kopf über Wasser zu halten oder die eigene Position gar zu verbessern. Am 21. Dezember 1943 wurde Nardelli in Hoffnungsthal, im Arbeitskommando Nummer 281, unter dem Vorwurf kommunistischer Tätigkeit verhaftet und in das Gefängnis in Bonn-Hardthöhe gebracht. Mit ihm zusammen wurden auch die Fähnriche Witold Karcz und Jan Sokal festgenommen.[28] An Heiligabend gelang es dem polnischen Arzt und Fähnrich Jan Merkel sie mit Lebensmitteln, Tabak und Arzneimitteln zu versorgen. Nach Weihnachten und einer Reihe von Verhören wurden sie in ein Lager nach Monschau verlegt, wo Nardelli als Koch arbeitete.
Am 6. Juni 1944 kamen Angehörige der Gestapo Gestapomänner mit einem Citroën vorgefahren, nahmen Nardelli und Karcz fest und brachten sie nach Brauweiler, abermals in ein Gefängnis. Jan Sokal blieb im Lager, an ihm hatte die Gestapo kein Interesse mehr. Nardelli wurde in Folge eines Verfahrens vor dem Kriegsgericht verurteilt. Er kam ins Gefängnis Monschau, wo er bis zum 14. September 1944 einsaß. Danach wurde er nach Köln verlegt. Schließlich wurde Nardelli von der Gestapo in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, wo er im letzten Kriegswinter 1944/45 um sein Überleben kämpfte. Im April 1945, also noch vor der Evakuierung des Lagers und der Befreiung der Häftlinge durch amerikanische Truppen, gelang Nardelli die Flucht.[29] Nach fünf Jahren Gefangenschaft unter menschenverachtenden Bedingungen erlangte er die Freiheit auf deutschem Boden.
Im Mai traf Nardelli im Polnischen Zentrum in Erfurt ein, wo sich die polnischen Displaced Persons, also ehemalige Konzentrationslagerinsassen, Kriegsgefangene und Soldaten der Polnischen Streitkräfte versammelten. Er nahm die Stelle als Leiter des „künstlerischen Referats“ an und organisierte eine „Theatertruppe“. Allerdings entschied er sich bald für eine zügige Rückkehr nach Polen. Zur Jahresmitte 1945 setzte er dieses Vorhaben gemeinsam mit zwei Kameraden, Tadeusz Findziński und Janusz Zarzycki, um. Die Warnung eines Wächters auf der Grenzbrücke hatte ihnen dabei allerdings Angst bereitet. Dieser hatte ihnen zugerufen:
„Wozu in Teufels Namen kehrt ihr zurück. Wollt ihr in Sibirien enden? […] So rief ihnen ein polnischer Soldat zu – schrieb Nardelli – als wir nach Überschreitung der Grenze begannen, den vaterländischen Boden zu küssen…“[30]
[25] Quelle: ACMJW, Attestation du Comité Internationale de la Croix-Rouge. Zdzisław Nardelli, Genf, 9, Dezember 1971.
[26] ŚWIĘTOSŁAW KRAWCZYŃSKI (geb. am 03.05.1913 in Łazy, gest. am 10.03.1977 in Kielce, Gefangenennummer 2404) war Fähnrich der Reserve, Zugführer und arbeitete nach dem Krieg als Anwalt in Kielce. Er war Schriftsteller und ein großer Musikliebhaber; siehe: Jerzy Stankiewicz, Świętosław Krawczyński i Olivier Messiaen. Pamiętne spotkanie w Stalagu VIII A w Görlitz [Świętosław Krawczyński und Olivier Messiaen. Ein denkwürdiges Treffen im Stalag VIII A in Görlitz]. „Palestra Świętokrzyska” [Rechtsanwaltschaft Heiligkreuz], Kielce, Nr. 9 (2009), S. 31-43.
[27] Świętosław Krawczyński, Z raptularza [Aus dem Tagebuch], Zakład poligraficzno-wydawniczy „U Poety”, Kielce 1999, S. 17. Der polnische Leidensgenosse Messiaens bemerkte sogar folgendes: „[...] später kam es zu einer Koproduktion von Messiaen und Ździsiek Nardelli […]. Ich erinnere mich daran, dass Ździsiek das Gedicht „Otchłan Ptaków“ [Die Hölle der Vögel] schrieb, während Messiaen ein Musikstück [unter dem Titel] „Abîme des oiseaux” komponierte […]. Soweit ich mich erinnern kann, hatten möglicherweise die Gedichte von Zdzisław Nardelli Einfluss auf die künstlerischen Konzeptionen der damals im Umriss entstehenden Kompositionen Messiaens vom Ende der Welt.“ Ebd., S. 16.
[28] JAN SOKAL (geb. am 23.12.1913 in Warschau, Gefangenennummer 35), Sohn von Franciszek Sokal (gest. 1932 in Bern, Schweiz), der Ingenieur und Diplomat und seit 1926 Sonderbeauftragter der Republik Polen im Rang eines vollwertigen Ministers beim Völkerbund in Genf war. Jan wohnte dort bei seinem Vater und nahm ein Studium auf. Unter den polnischen Kriegsgefangenen, die sich um die polnische Bibliothek im Stalag in Görlitz kümmerten, war er der wichtigste Gesprächspartner Messiaens sowie Dolmetscher und Übersetzer, u.a. der Gedichte von Nardelli. Nach Kriegsende hielt er sich in Brüssel auf und hatte regelmäßigen Kontakt zu B. Samulski. ACMJW, Gestapo-Liste Nr. 7/35.
[29] Quelle: ACMJW, Relacja (ankieta osobowa) [Personalbogen] von Zdzisław Nardelli, Warszawa, 12. Oktober 1971.
[30] Zdzisław Nardelli, Płaskorzeźby dyletanta, S. 5.