Geschichten aus dem Berg. Schicksale polnischer Zwangsarbeitender an der Porta Westfalica 1944/45
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Einleitung
Im nordöstlichen Teil Nordrhein-Westfalens befindet sich die malerische Stadt mit dem außergewöhnlichen, latinisierten Namen Porta Westfalica – eine direkte Anspielung auf die Lage des Ortes an der sogenannten „Westfälischen Pforte“, im Volksmund kurz als Porta bezeichnet. Im Stadtteil Barkhausen ragt das große Kaiser-Wilhelm-Denkmal, ein Wahrzeichen der Region, aus dem Wittekindsberg hervor und bietet einen atemberaubenden Ausblick auf den Durchbruch des Flusses Weser zwischen dem idyllischen Wiehen- und Wesergebirge (Bild 1
„Man lud uns auf dem Güterbahnhof eines kleinen Städtchens mit dem merkwürdigen Namen ‚Porta Westfalica‘[1] aus. Unser Erstaunen wurde noch größer, als wir dieses stille Städtchen sahen, das sich an beiden Ufern des Flusses an Gebirgshängen mit typischen Ferienhäusern ohne jegliche Spuren von Industrieobjekten hinzog. Wo waren denn hier die Philipswerke, in denen wir arbeiten sollten?“[2]
Dass die besagten Werke wie auch viele weitere für die NS-Kriegswirtschaft tätige Firmen unter der Erdoberfläche eingesetzt werden sollten, erfuhren die Zwangsarbeitenden erst vor Ort – die sogenannten „U-Verlagerungen“ wurden mit Decknamen versehen und strengstens geheim gehalten. Um kriegswichtige Rüstungsproduktionsstätten vor alliierten Bombenangriffen zu schützen, verlagerten die Nationalsozialisten diese nämlich ab 1943 auch unter Tage. Obwohl es in den Gebirgen an der Porta schon früher Sandsteinbrüche gegeben hat, mussten diese dennoch erst einmal in mühevoller Arbeit ausgebaut werden, bevor dort Fabriken für die Kriegs- und Rüstungswirtschaft einziehen konnten. Ein extrem aufwändiger Plan, der für seine Umsetzung vor allem eines erforderte: Arbeitskräfte. Nicht wenige ausländische Zwangsarbeitende mussten mit ihrem Leben bezahlen, doch die genaue Zahl der Todesopfer ist bis heute unbekannt.
Seit der Gründung der KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica e. V. im Jahre 2009 erfährt nun das Gedenken an die ausgebeuteten Zwangsarbeitenden in der Region Konjunktur und hält damit wider dem Vergessen die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte wach.
Wie stellte sich die U-Verlagerung an der Porta Westfalica dar? Welches Quellenmaterial und welche persönlichen Erinnerungen sind überliefert? Was waren die Arbeits- und Lebensbedingungen der KZ-Häftlinge, die an der Porta für Arbeiten unter der Erdoberfläche herangezogen wurden? In meiner wissenschaftlich-historischen Recherche begebe ich mich auf die Spuren der NS-Rüstungsproduktion und der Schicksale polnischer Zwangsarbeitender an der Porta Westfalica.
[1] Die Stadt Porta Westfalica entstand erst 1973 im Rahmen der kommunalen Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen. Der Autor verwendet an dieser Stelle die Bezeichnung Porta Westfalica vermutlich deshalb, weil diese für die Region am Weserdurchbruch bereits zu jener Zeit geläufig war.
[2] Kielar, Wiesław: Anus Mundi. Fünf Jahre Auschwitz, S. 369.