ERINNERUNG ENTSTEHT GEMEINSAM
Bevor es zu diesem bescheidenen, doch sehr berührenden Festakt kam, gingen fast drei Jahre ins Land. Drei schwere Jahre, sowohl für die Organisatoren des Wettbewerbs als auch für die Schöpfer der Gedenkstätte.
Bei alledem rief nicht nur die Pandemie Verzögerungen in der Umsetzung des Projekts hervor. Auch technologische Probleme waren zu bewältigen; aus den zahlreichen Angeboten für die Glastafeln, ihre Einrahmungen und die Stahlbetonfundamente mussten die ausgewählt werden, die der künstlerischen Vision der Autoren des Projekts entsprachen und die zugleich die Standards in Bezug auf die Sicherheit der Besucher dieses Orts gewährleisteten. Außerdem stellten sich Behinderungen bei den Erdarbeiten jenseits des Grabfelds der Ermordeten ein. Dort wurden Urnen aus den 1950er Jahren freigelegt, die nach den geltenden Rechtsvorschriften und aus Pietätsgründen im Sinne des Totengedenkens an eine eigens dafür eingerichtete Stelle verlegt worden sind.[2]
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Erzbischof Dr. Heiner Koch eröffnete den interreligiösen Ritus unter anderem mit folgenden Worten: „Diese neugestaltete Begräbnisstätte soll ein Ort unserer Erinnerung an sie und ihr Schicksal sein. Neben 18 polnischen Priestern, die hier begraben sind, betrifft dieses Schicksal besonders unsere jüdischen Schwestern und Brüder im Glauben. Sie alle lebten aus ihrem Glauben heraus.“
Der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland, Prof. Dr. Nachama, rief dazu auf, aller zu gedenken, „die starben, als Wahnsinn die Welt regierte und das Böse in der Welt wohnte.” [Gedacht wurde auch jener] „nichtjüdischen Frauen und Männer, die den Mut hatten, außerhalb der Masse zu stehen und mit uns zu leiden. Möge ihr Opfer nicht umsonst gewesen sein, möge die Welt in ihrem alltäglichen Kampf gegen Grausamkeit und Vorurteile, gegen Tyrannei und Verfolgung aus ihrem Todt Kraft schöpfen für ein Zusammenleben in Frieden und gegenseitigem Respekt.“
Und Claudia Max vom Zentrum für Demokratie, eine der über Tausend freiwilligen Patinnen und Paten der Gedenkstätte, stellte fest: „Ich habe die Namenspatenschaft für einen anonymen Toten übernommen, da ich die Idee sehr schön finde, dass ich persönlich Teil der Erinnerung sein kann mit meiner Handschrift und weil ich die geleistete Arbeit von Leutners und Struber und Gruber auch persönlich sehr schätze.“
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Jahrzehntelang ruhten die Gebeine der namenlosen Opfer in einem Feld an der Friedhofsmauer und nur ein einfacher Stein aus den 1950er Jahren erinnerte im Duktus der politischen Poetik Ostdeutschlands an die dort bestatteten „Antifaschisten“.
Heute bildet eine Glaswand mit den Namen der Verstorbenen das beherrschende Element der Erinnerungsstätte, die sich vom Ende des Urnenfeldes in L-Form an der Friedhofsmauer bis zur südwestlichen Begrenzung der Nekropole erstreckt und einen tiefen einzigartigen Eindruck hinterlässt.
Je nachdem, aus welcher Richtung und in welchem Winkel die Sonnenstrahlen auf die Glaswand treffen, das heißt also, je nach Tages- und Jahreszeit, beginnen die in Glas geätzten Namen zu schimmern, sie werden schärfer oder, ganz im Gegenteil, sie verschmelzen mit den Spiegelbildern der Friedhofslandschaft.
Nähert man sich dem Glasmonolith, erkennt man die Schriftzüge immer mehr. Sie sind unverwechselbar und individuell wie die Handschriften der Menschen, die sie schufen, und wie die Schicksale all jener, die hinter den scheinbar unbedeutenden Vor- und Nachnamen sowie deren Geburts- und Todesdaten stehen. Plötzlich wird klar, dass diese ständige Veränderung der „Tiefenschärfe“ (Skeptiker würden sagen, es handle sich eher um die Akkommodation des Auges) sowie die zweifache und manchmal sogar dreifache Spiegelung und das Ineinanderfließen der vertikalen Flächen kein Zufall ist, sondern von den Schöpfern des Denkmals so gewollt.
[2] Bautagebuch in Bildern unter: https://www.erinnerungsort-altglienicke.de/bautagebuch/