Der „Polenmarkt“ am Potsdamer Platz in Berlin

Leider hinterließ der lawinenartige Ansturm der Polen, die nach getaner Arbeit auf dem Polenmarkt scharenweise zur Kantstraße pilgerten, auch in dieser Gegend abträgliche Eindrücke. Was sich damals dort abspielte, schilderte „Der Spiegel“ 1990 so: „Weil die sperrigen Verpackungskartons beim Transport nur stören, werden sie an Ort und Stelle deponiert – in der Parklücke auf der Straße oder im nächstgelegenen Hausflur. In der Gosse sammeln sich leere Bierdosen und zerbrochene Limo-Flaschen, Pappbecher und Hamburger-Behälter. Und da die Reisenden stundenlang unterwegs sind, überfällt sie auch schon mal ein dringendes Bedürfnis.“[5]
Die Anwohner, die immer mehr Abneigung gegen die polnischen Händler entwickelten, wurden von Politikern unterstützt. Ulf Fink, der damalige Senator für Gesundheit und Soziales in Berlin, hatte noch 1987 die Meinung vertreten, dass Westberlin aus wirtschaftlichen und demographischen Gründen an polnischen Einwanderern interessiert sein sollte. Doch nur zwei Jahre später stellten die Politiker fest, dass „das Boot voll sei“ und dass Berlin eine schwere Situation auf seinem Wohnungsmarkt zu bewältigen habe, die sich durch den weiteren Zuzug von Umsiedlern aus der Sowjetuniona verschärfen würde.[6]
Um den Ansturm der „polnischen Handelstouristen“, wie das Phänomen in der Presse oft bezeichnet wurde zu bändigen, forderte der Westberliner Senat die Bundesregierung auf, die Einreisebestimmungen in die Bundesrepublik Deutschland zu lockern und von Frankfurt an der Oder bis Aachen eine „Einreise-Union“ zu schaffen. Damit wollte man erreichen, dass die Reisenden aus Polen eben nicht nur Westberlin, sondern auch andere deutsche Städte besuchten. Auch insofern sorgte der Polenmarkt in den Sitzungen des Berliner Senats ständig für Diskussionen. Zugleich gingen in Warschau zunehmend schärfere Schreiben des Inhalts ein, die Massenreisen der Polen zu Handelszwecken zu unterbinden.
Ende 1990 war es dann doch so weit, dass sich der Polenmarkt quasi von selbst aufgelöst hat. Im Zuge der von Leszek Balcerowicz eingeführten Reformen stiegen die Preise für Handelswaren in Polen stark, während auch die Fahrten nach Berlin und das Benzin teurer wurden. Zugleich sank der Kurs der DM so sehr, dass sich der Handel nicht mehr lohnte. Daraufhin lebte der Polenmarkt 1992 kurzzeitig noch einmal auf, ohne aber seine früheren Ausmaße zu erreichen. Heute ist der mit verglasten Bürogebäuden gefüllte Potsdamer Platz auch ein Ort des Handels. Mit der Einrichtung mehr oder minder exklusiver Geschäfte kamen auch Polen wieder, diesmal allerdings als Kunden.
Monika Stefanek, Dezember 2017
[5] „Arme Teufel“, Der Spiegel, 17/1990, S. 105.
[6] „Von Danzig bis Berlin“, Uwe Rada, blog www.uwe-rada.de