Der Polnische Pavillon der NordArt 2022
Foto- und Videokunst
Tadeusz Rolke (*1929 Warschau) ist einer der bedeutendsten polnischen Fotografen der Gegenwart. Bereits vor dem Warschauer Aufstand fotografierte er zum ersten Mal. 1944 wurde er als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert. Nach dem Krieg arbeitete er in Polen als Fotojournalist für verschiedene Zeitschriften. Von 1970 bis 1980 lebte er in Hamburg und fotografierte für die Zeitschriften Stern, Der Spiegel und Die Zeit. Vorwiegend in der Schwarzweiß-Fotografie machte er Reportagen, fotografierte Mode und arbeitete als freier Fotograf. Er gilt in Polen als führender Vertreter einer „humanistischen Fotografie“. Während seiner Zeit in Deutschland fotografierte unter anderem typische Szenen auf dem Hamburger Fischmarkt, aber auch bedeutende Kunst-Events und Kunstschaffende wie etwa den Aktionskünstler Joseph Beuys. Sein Archiv umfasst über 50.000 Fotografien, von denen das Warschauer Museum für moderne Kunst rund 6.000 in einem Online-Archiv veröffentlichte. (Abb. 16, 17)
Die wichtigste polnische Protagonistin der Feministischen Kunst war Natalia LL (eigentlich Natalia Lach-Lachowicz, *1937 Zabłocie bei Żywiec), die während der Laufzeit der Ausstellung am 12. August 2022 in Wrocław verstarb. Die intermedial arbeitende Konzeptkünstlerin betätigte sich mit Fotokunst, Body-Art und Performance, Video und Experimentalfilm, Grafik, Malerei und Skulptur. Nach einem Studium an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste in Wrocław wurde sie seit Anfang der 1970er-Jahre erst in Polen und dann international mit erotisch determinierten Fotos und Videos unter anderem von essenden Personen bekannt. Ihre Arbeiten wurden in Polen umgehend zensiert und erregten anschließend im Westen in internationalen Magazinen und Ausstellungen Aufsehen. Nach einer schweren Operation und einer Nahtoderfahrung wandte sie sich mit Beginn der Achtzigerjahre übernatürlichen, mystischen und sogar satanischen Themen zu. In verschiedenen Serien von Selbstporträts in einer Mischtechnik aus Fotografie auf lichtempfindlichem Stoff und Malerei (Abb. 18) störte oder verhüllte sie ihr eigenes Gesicht oder verwandelte es zu Totenmasken. Noch 2019 wurde eine ihrer frühen Videoinstallationen auf Anweisung des Kulturministeriums aus dem Warschauer Nationalmuseum entfernt, konnte aber nach öffentlichen Protesten wieder dorthin zurückkehren.
Agata Zbylut (*1974 Zgorzelec), seit 2013 Professorin und Leiterin des Studios für Fotografie und postkünstlerische Aktivitäten an der Kunstakademie in Stettin, seit 2018 dort auch Leiterin der Abteilung Fotografie, promovierte im Bereich Angewandter Kunst und habilitierte an der Filmschule Łódź. Sie vertritt mit ihren Arbeiten gesellschaftspolitische und vor allem feministische Positionen. Ihr künstlerisches Statement betrifft, wie sie selbst schreibt, das „obsessive Beobachten anderer Frauen, wie sie leben, welche Entscheidungen sie treffen, ihre Emotionen, kulturellen, soziologischen und rechtlichen Rahmenbedingungen“. Sie befasst sich unter anderem mit den Themen Altersdiskriminierung, Body-Shaming, der öffentlichen Bewertung von Frauen hinsichtlich ihrer körperlichen Attraktivität sowie mit der Schönheits- und Fitness-Industrie. In ihren fotografischen Selbstporträts, die eine zentrale Stellung in ihrem Werk einnehmen und von denen sechs Arbeiten in einem Seitenkabinett zusammen mit dem Selbstbildnis von Natalia LL gezeigt werden, dokumentiert sie unter anderem experimentelle kosmetische Behandlungen und deren Auswirkungen auf den eigenen Körper. (Abb. 19, 20)
Das Künstlerduo Leszek Golec & Tatiana Czekalska zeigt eine von 2009 bis 2012 entstandene 26teilige Serie von Fotografien mit dem Titel „Catwalk“ (Abb. 21, 22), die 2015 zu einer gleichnamigen Buchpublikation führte. Hatte sich Czekalska (*1966 Łódź) seit ihrem Studium an der Kunstakademie in Łódź mit feministischen Themen beschäftigt, so befasste sich das Ehepaar seit dem Beginn seiner Zusammenarbeit 1996 mit Porträts von Katzen, die eine vom Zen-Buddhismus her rührende Idee der Harmonie mit der Natur verkörpern. Die Fotoserie zeigt streunende Katzen in dunklen öffentlichen Räumen wie Kirchen oder Kinos und in der nächtlichen Landschaft. Golec (*1959 Świebodzice), der an der Hochschule für Fotografie in Warschau studierte, beschäftigte sich zunächst mit ökologischen Projekten. Gemeinsam widmet sich das Ehepaar außerdem spirituellen Themen, indem es verwaiste religiöse Artefakte wie Bücher, Stolen, Ikonen oder Altarsilber für ein zweites Leben in der Kunst transformiert. (Abb. 23)
Die 3-Kanal-Videoinstallation „Sexinsitu“ (Abb. 24, 25) der Multimediakünstlerin, Performerin und Filmautorin Martyna Miller (*1988 Kętrzyn) – ihr 2021/22 entstandenes Promotionsprojekt an der Universität der Künste in Poznań – basiert auf Videodokumentationen von Menschen, die ihre sexuellen Erinnerungen rekonstruieren. Das Projekt ist als soziale Praxis erfahrbar und wird fortlaufend künstlerisch erweitert. Miller studierte Anthropologie am Institut für polnische Kultur der Universität Warschau, Regie an der Akademie der darstellenden Künste in Sarajewo und nahm anschließend ein interdisziplinäres Studium in Poznań auf. Sie erforschte, wie Heilung und Entspannung in Gruppen und nach Traumata funktionieren. Ihr wichtigstes Medium sind Videocollagen, die nach intensiver Bearbeitung malerischen Charakter annehmen.