Die Slawische Bank

Bank Słowiański in der Zentrale des Bundes der Polen in Deutschland (Związek Polaków w Niemczech), Potsdamerstr, 61 in Berlin, ca. 1937.
Bank Słowiański in der Zentrale des Bundes der Polen in Deutschland (Związek Polaków w Niemczech), Potsdamerstr, 61 in Berlin, ca. 1937.

Info

Die Slawische Bank A.G. (Bank Słowiański) war in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre das wichtigste polnische Kreditinstitut in Deutschland, mit Sitz im Zentrum Berlins, an der Potsdamer Straße 61 (später 118).

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Die Bank wurde am 8. Februar 1933 von Kreditgenossenschaften gegründet, die sich im „Verein polnischer Genossenschaften in Deutschland“ (Związek Spółdzielni Polskich w Niemczech) organisierten. Das Gründungskapital betrug 150 000 RM,  1937 wurde es auf 500 000 RM erhöht. Der Schirmherr der Bank war Pfarrer Bolesław Domański. Die Bank tätigte die üblichen Geschäfte eines Finanzinstituts: Kredite gewähren, Tätigen von Finanztransaktionen. Die Kredite wurden zu 90 % von Genossenschaftsbanken und Agrar-Handelsgesellschaften in Anspruch genommen. Die Gesellschaften konnten Saisonkredite zum Ankauf von künstlichem Dünger und Samen vergeben. Die Bank finanzierte auch Tätigkeiten verschiedener polnischer Organisationen in Deutschland. Sie besaß verschiedene Immobilien, u a. das Gebäude des Studenteninternats in Breslau (Wrocław), ein Haus in Oppeln (Opole) an der Nikolaistraße, ein Haus und eine Parzelle auf dem St. Annaberg (Góra św. Anny), Bauland für das Mädchenlyzeum in Ratibor (Racibórz), den Bau des polnischen Gymnasiums in Marienwerder (Kwidzyń). Im Februar 1940 löste die nationalsozialistische Regierung die Slawische Bank auf. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es dem „Verein der Polen in Deutschland“ nur einen Teil dieses Vermögens zurückzuerlangen. Bis heute fordert ein Teil der Polen in Deutschland ein Wiederaufnahmeverfahren und einen entsprechenden Schadenersatz.

Die Geschichte der polnischen Banken in Deutschland reicht bis in die Jahre um 1900 zurück. Die ersten Finanzinstitute entstanden in Schlesien und in Ostpreußen. Sie hatten einen genossenschaftlichen Charakter und sollten die polnische Landwirtschaft unterstützen. Zudem sollten sie die Kommunikation zwischen dem polnischen Bauern und dem Kreditwesen verbessern. Somit erfüllten die polnischen Banken in Deutschland zwei Funktionen, die eng miteinander verbunden waren und noch während der nächsten Dekaden galten. Dies waren wirtschaftliche und nationale Funktionen.

Die Entstehung von polnischen Genossenschaftsbanken war in Deutschland von Anfang an eng organisatorisch und wirtschaftlich mit den Posener Banken, der „Bank Przemysłowców“ (Industriebank) und der „Bank Spółek Zarobkowych“, (Erwerbsgesellschaftlichen Bank) verbunden. In Deutschland erfreuten sich vor allem zwei Typen von Banken großer Popularität. Dies waren: Die „Bank Ludowy“ (Volksbank) und der „Rolnik“ (Bauer). Die erste wurde der Industriebank in Posen nachempfunden, die 1861 errichtet wurde und organisatorisch mit ihr in Zusammenhang stand. Der „Rolnik“ wurde in Agrarregionen gegründet. Zu seinen Aufgaben zählte die Betreuung von Bauern, wie der Ankauf von Getreide und der Verkauf von Waren, die für die Agrarproduktion nötig waren (Kunstdünger, Samen, Heizmaterial usw.) Die erste „Rolnik“-Bank wurde 1906 in Flatow  (Złotów) gegründet. In Deutschland entstanden noch andere branchengebundene polnische  Genossenschaften, z. B. Bau- und Konsumgenossenschaften Allerdings überstanden sie den 1. Weltkrieg nicht.

Eine wichtige Zäsur für die weitere Entwicklung der Bankgengenossenschaften war das Ende des 1. Weltkrieges. In Deutschland überstanden ihn 27 polnische Genossenschaften. Im Zuge der Entstehung Polens und der neuen Grenzziehung musste es zu notwendigen Reorganisationen kommen. Posen spielte nicht mehr die zentrale Rolle als Finanz- und Organisationspunkt. Auf die Entwicklung der Genossenschaften hatten auch politische (das Plebiszit und die schlesischen Aufstände), wirtschaftliche (die Inflation) und personelle (die Rückkehr polnischer Bankiers nach Polen) Ereignisse Einfluss. In diesem Zeitraum verdient die „Bank Rabotników“ (Arbeiterbank) in Bochum, die 1917 gegründet wurde, unsere Aufmerksamkeit. Nach der Auflösung aller Filialen der Posener Bank in Westfalen übernahm sie die Genossenschaftsfunktion und die Finanztransaktionen.

Es folgten Jahre der prächtigen Entwicklung für diese Bank. 1920 verfügte sie über ein Barvermögen von 115 000 Mark, hatte sieben Auszahlungspunkte im Ruhrgebiet (in Castrop, Wanne, Dortmund, Hamborn-Marxloh, Herne, Horst-Emscher und Recklinghausen). Zudem hatte sie eine Filiale in den Niederlanden und jeweils eine Filiale in Kattowitz (Katowice) und Thorn (Toruń). Diese Bank finanzierte das polnische Kulturleben und das Bildungswesen. Ihre Mittel wurden für den Polnischunterricht gebraucht. Die rege Entwicklung der Bank wurde Mitte der 1920er Jahre ausgebremst. Dies war mit den Ausreisen nach Polen und dem Rückzug der Depots verbunden. Weil es keine Einnahmen gab, verringerte sich die Tätigkeit der Bank von Jahr zu Jahr mehr, genauso wie ihre Bedeutung.

Die nach dem Krieg aufkommenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten blieben nicht ohne Einfluss auf das Schicksal polnischer Bankfilialen in Deutschland. Eine bessere Koordination wurde notwendig. Im Juli 1924 fand in Berlin eine Besprechung des „Bundes der Polen in Deutschland“ statt, deren Hauptthema das Problem der Genossenschaften war. Man beschloss eine  beim „Bund der Polen in Deutschland“ angesiedelte  Wirtschaftskommission zu gründen, zu deren Aufgaben die Beaufsichtigung und Koordination der polnischen Filialen sowie deren Unterstützung gehörte. Diese Schritte waren nötig, da von deutscher Seite zeitgleich das sogenannte „Notprogramm“ zur Erneuerung des Agrarwesens im Osten gestartet wurde, das an Bauern gerichtet war. Diese standen vor der  Wahl entweder die deutsche Hilfe anzunehmen und sich aus der Zusammenarbeit mit polnischen Banken zurück zu ziehen, oder weiteren politischen und wirtschaftlichen Schikanen ausgesetzt zu sein. Am 25. Juni 1927 organisierte der Betriebsrat des „Bundes der Polen in Deutschland“ eine Versammlung aller in Deutschland tätigen Genossenschaften in Oppeln. Man entschied sich dazu, das Tätigkeitsfeld des „Vereins der schlesischen Genossenschaften“ auf die restlichen in Deutschland bestehenden polnischen Institute zu erweitern. Sie erhielten auch materiellen und rechtlichen Beistand. Insgesamt meldeten sich rund 15 Banken und Agrarbanken aus allen Teilen Deutschlands. Der Verein bestand nun aus 22 Kreditgenossenschaften, 4 Agrar-Handels-Instituten und anderen. Vorsitzender wurde Pfarrer Bolesław Domański. Die Veränderungen hatten einen positiven Einfluss auf die polnischen Banken in Deutschland. Sie waren auch Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit den Banken in Polen. Der „Bund der Polen in Deutschland“ stellte einen Antrag auf Revision, erhielt die Erlaubnis dazu aber erst 1935.

Die zweite Hälfte der 20er Jahre war eine Zeit der relativ schnellen Entwicklung polnischer Bankgenossenschaften. Zu den wirtschaftlichen Aufgaben kamen nationale hinzu. Die Banken führten Schulungen sowie Rechts- und Fachberatungen für die Bauern durch und standen polnischen Organisationen und Institutionen mit finanzieller Hilfe bei. Die Treffen dieser Organisationen konnten oftmals in den Räumen der Banken stattfinden. Das Motto der damaligen Genossenschaften lautete: „Durch Genossenschaft zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit“. Zwischen den polnischen Banken existierte auch Konkurrenz und Rivalität. Dies war vor allem am Beispiel der schlesischen Institute und im Westen Deutschlands zu sehen. Es wurden neue Rechtssubjekte geschaffen. 1931 entstand die neue Bank „Unia“ (Union). Sie sollte das polnische Bildungswesen (Schulwesen, Jugendorganisationen, Jugendzeitschriften und andere mit der jungen Generation verbundene Aktionen) unterstützen. Disponent der Mittel war der „Bund der Polen in Deutschland“.

Am 9. Januar 1933 organisierte man in Berlin ein Treffen aller polnischer Bankgenossenschaften in Deutschland. Man entschloss sich, die „Zentralbank der polnischen Genossenschaften in Deutschland“ (kurz „Slawische Bank AG“) zu gründen. Einen Monat später, am 8. Februar 1933, fand die konstituierende Sitzung statt. Das Gründungskapital betrug 150 000 RM (im Juni 1937 wurde es auf 500 000 RM erhöht). Schirmherr wurde Pfarrer Bolesław Domański. Zum Direktor wurde Franciszek Lemańczyk gewählt. „Die Aufgabe dieser Bank“ –  schrieb der „Dziennik Berliński“ am 1. Juni 1933 – ist die Zentralisierung aller Interessen der Kreditgesellschaften, die auf Grund der geringen Kontakte zwischen den Genossenschaften, bisher sehr erschwert waren“. Die Bankaktionäre der „Slawischen Bank“ waren Genossenschaften, die sich im „Verein polnischer Genossenschaften in Deutschland“ organisierten. Ein Jahr nach der Gründung der Zentralbank wurde ihre Arbeit sehr positiv bewertet. „Mehrheitlich hat sie dazu beigetragen, gefährdete Genossenschaften zu retten und die gesamte Genossenschaftswirtschaft zu rationalisieren“ – sagte der Vorsitzende der Zentralbank Pfarrer Bolesław Domański im Resümee zur Tätigkeit. Im Juni 1937 fand eine Vollversammlung der Slawischen Bank statt. Die letzte Vollversammlung fand einige Monate vor dem Ausbruch des 2. Weltkriegs, am 27. April 1938, statt.

Die sich verschlechternden deutsch-polnischen Beziehungen blieben nicht ohne Einfluss auf die polnischen Finanzinstitute. Die deutsche Regierung schränkte die Möglichkeit Immobilien zu kaufen oder Land und Bauflächen zu verkaufen stark ein. Mit diesem Problem befasste man sich auf dem letzten Treffen des „Vereins der polnischen Genossenschaften in Deutschland“, das am 15. Dezember 1938 in Breslau (Wrocław) stattfand.

Die polnischen Banken besaßen viele Immobilien, die sie zu Treffen und Feiern zur Verfügung stellten. Sie nahmen auch aktiv an der Organisation des polnischen Lebens in Deutschland teil. Sie finanzierten den Ankauf von Gebäuden zu schulischem Zwecken. So kaufte z. B. die Bank „Pomoc“ (Hilfe) ein Gebäude für das erste polnische Gymnasium in Beuthen (Bytom). Aus den Mitteln der Arbeiterbank in Beuthen wurde 1932 die Ausstattung für die Schule finanziert. Die Slawische Bank war Eigentümerin des Studenteninternats in Breslau (in seinen Räumen arbeitete die Redaktion und Administration der Zeitschrift „Młody i Mały Polak w Niemczech“ (Junger und kleiner Pole in Deutschland). Die Slawische Bank war auch Eigentümerin des Gymnasiums in Marienwerder, wie auch Eigentümerin von Bauland  in Ratibor, auf dem das Mädchengymnasium errichtet werden sollte.

Am 27. Februar 1940 wurde aufgrund der „Verordnung über die Organisationen der polnischen Volksgruppe im Deutschen Reich“ das Verbot polnischer Tätigkeiten, darunter auch der Bankgenossenschaften, erlassen. Das Vermögen wurde beschlagnahmt. Nach dem II. Weltkrieg bemühte sich der „Bund der Polen in Deutschland“ um Rückerstattung des Vermögens oder um Schadensersatz. Diesen Anträgen wurde aber nur teilweise entsprochen. Das Problem der Restitution des beschlagnahmten Eigentums wird noch heute sehr kontrovers diskutiert.


Krzysztof Ruchniewicz

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