Der Polnische Turnverein „Sokół”

Der Polnische Turnverein „Sokół”
Der Polnische Turnverein „Sokół” (Falke), die Ortsgruppe Oborniki bei Posen am 22. August 1927.

Info

Die ersten Vereine des „Sokół” (Falke) in Deutschland entstanden Ende der 1880er Jahre. Die Organisation förderte die Erziehung der Polen durch sportliche Ertüchtigung bei gleichzeitiger Hervorhebung des nationalen und patriotischen Gemeinschaftsgedankens. In den Folgejahren entwickelte sich diese Bewegung prächtig. Seine Mitglieder kämpften nach dem 1. Weltkrieg für  die neuen Grenzen Polens im Schlesischen und Großpolnischen Aufstand. Der „Sokół” entwickelte sich besonders lebhaft in zwei Gebieten Deutschlands, in Berlin und im Industrierevier an der Ruhr. 

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Der polnische Turnverein „Sokół” ist 1867 in Lemberg (Lwów) entstanden. Ab den 1890er Jahren stand er unter dem Einfluss der „Narodowa Demokracja“ (Nationaldemokratie), einer national-konservativen Gruppierung. Im preußischen Teilungsgebiet war er seit 1885 tätig. Die erste Zelle auf deutschem Boden, „Nest“ genannt, entstand 1889 in Berlin, 1898 im Ruhrgebiet, 1894 in Breslau (Wrocław), 1895 in Beuthen (Bytom), 1901 in Leipzig und 1904 in Hamburg. Sie bildeten den 5. Bezirk des „Sokół” im Exil, der der Zentrale in Posen (Poznań) unterstellt war. Seine Mitgliederzahl stieg rasch und 1914 waren allein im Rheinland und in Westfalen 5 500 Personen im „Sokół” organisiert (139 Nester), das waren 46% aller Mitglieder auf deutschem Staatsgebiet. Polen wohnten dort in großer Zahl, was die Bildung von neuen Nestern erleichterte. Der „Sokół” hielt die jungen Polen wirksam davon ab, den deutschen Sportorganisationen beizutreten. Die Turnaktivitäten waren deutlich den nationalen Zielen untergeordnet. Lebhaft entwickelte sich vor allem die Bildungsarbeit. Im Umfeld des „Sokół” entstand die erste polnische Pfadfindergruppe in Deutschland, viele Mitglieder kämpften freiwillig in der polnischen Armee für die Unabhängigkeit Polens.

Nach dem 1. Weltkrieg begann man mit dem Wiederaufbau der Organisation. 1920 fand in Posen der 1. Kongress des „Sokół” statt, an dem zum letzten Mal Vertreter aus Deutschland teilnahmen. Dort fasste man den Beschluss über eine Reorganisierung. Auf dem Gebiet Deutschlands wurden zwei selbständige Regionen gebildet: In Berlin und im Westen Deutschlands. Vorsitzender der Erstgenannten wurde Stanisław Stroiński. In der Berliner Filiale wurde das sogenannte „Falkenrecht“ (prawo sokole) erarbeitet und in den Jahren 1920-1921 gab man dort die Zeitschrift „Sokół na Obczyźnie” (Der Falke in der  Fremde) heraus. 1921 wurden beide Regionen vereint und es entstand der Verein „Sokoły in Deutschland“ mit Sitz in Gelsenkirchen, doch die Selbständigkeit beider Regionen wurde im großen Maße beibehalten. Der Vorsitzende wurde Franciszek Cichy, Sekretär J. Ratajczak.

In den Reihen des „Sokół” gab es nun nicht mehr so viele Mitglieder wie vor 1914. Auf Grund der Rückwanderung nach Polen sank ihre Zahl ständig (1922 – 4 500, zwei Jahre später 1 200). Die Organisation musste sich auch mit finanziellen Problemen und mit der Abneigung der Behörden herumschlagen, die das Mieten von Sportobjekten, wie Sälen oder Spielfeldern erschwerten. Die deutschen Behörden behandelten den „Sokół” wie eine paramilitärische Organisation und begrenzten die Möglichkeiten seiner weiteren Entwicklung. Es gab auch andere Schwierigkeiten. Laut des Statuts der Organisation durften sich die Mitglieder nur dem Turnen widmen und keinen anderen, immer beliebteren Sportarten wie Fußball. Aus diesem Grund bevorzugte ein Teil der polnischen Jugend deutsche Sportvereine, die mit Erfolg u.a. mit einer besseren Ausstattung unter ihnen warben.

1927 wurde der Versuch einer Reform der Organisation unternommen, was zu ihrer Zersplitterung führte. In Westfalen begann der „Verband der Polnischen Turn- und Sportvereine in Deutschland“ zu wirken, der das Betreiben aller Sportdisziplinen propagierte. Sein Vorsitzender wurde Marian Kwiatkowski, sein Sekretär Kazimierz Pietrzak. Der „Sokół” erkannte die Beschlüsse aus Essen nicht an und begann sein „eigenes Leben“ zu führen. Man begann neue Mitglieder zu werben, man gestattete das Betreiben von anderen Sportarten. Außerdem trat die Berliner Organisation dem Deutschen Arbeiter-, Turn- und Sportbund bei, was das Mieten von Sälen und Sportplätzen erleichterte. Vom Berliner Magistrat mietete man damals den Sportplatz in Plötzensee, dort wurden Übungen und Vorführungen organisiert. Die Mitglieder trafen sich mit den Eltern der jungen Polen, um sie mit den Zielen und Aktivitäten der Organisation bekannt zu machen. Über die Veranstaltungen informierte der „Dziennik Berliński” (Berliner Zeitung). An den Veranstaltungen nahmen Vertreter der polnischen diplomatischen Vertretungen und des „Bundes der Polen in Deutschland“ teil. 1928 wurde in Berlin der „Verein der Polnischen Turn- und Sportvereine „Sok󳔓 gegründet. Anfang der 30er Jahre kam es zu einem langsamen Erliegen der Aktivitäten, was direkt der politischen Situation in Deutschland geschuldet war. Die Reihen des „Sokół” begannen sich wieder zu lichten. Um die Wende der 20er und 30er Jahre hatte er nur 700 Mitglieder und diese Zahl sank ständig. In den 30er Jahren haben fast alle Zirkel ihre Aktivitäten eingestellt oder auf Treffen zu besonderen Anlässen reduziert.

Zur endgültigen Auflösung des „Sokół” kam es im September 1939.

Krzysztof Ruchniewicz

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Gürtelklammer „Sokół“, ca. 1900, Sammlung Fujak.
Gürtelklammer „Sokół
Gürtelklammer „Sokół“, ca. 1900, Sammlung Fujak.
St. Pierszkalski, Mitglied von „Sokół“, Fotografie, ca. 1890, Dortmund.
„Sokół“-Mitglied
St. Pierszkalski, Mitglied von „Sokół“, Fotografie, ca. 1890, Dortmund.
St. Pierszkalski, Mitglied von „Sokół“, Fotografie, ca. 1890, Dortmund.
„Sokół“-Mitglied
St. Pierszkalski, Mitglied von „Sokół“, Fotografie, ca. 1890, Dortmund.
St. Pierszkalski, Mitglied von „Sokół“, Fotografie, handkoloriert, ca. 1890, Wanne.
„Sokół“-Mitglied
St. Pierszkalski, Mitglied von „Sokół“, Fotografie, handkoloriert, ca. 1890, Wanne.