Polnische Künstler in München 1828-1914

Aleksander Gierymski (1850-1901): Der Wittelsbacherplatz in München bei Nacht, 1890. Öl auf Leinwand, 67 x 52 cm.
Aleksander Gierymski (1850-1901): Der Wittelsbacherplatz in München bei Nacht, 1890. Öl auf Leinwand, 67 x 52 cm.

Info

Die Anwesenheit von weit über dreihundert polnischen Künstlern an der Münchner Kunstakademie, an privaten Kunstschulen und im Münchner Kunstverein zwischen 1828 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs geht auf Fluchtbewegungen zurück. Nach der Unterdrückung der Aufstände von 1830 und 1863 sahen viele polnische Künstler, in der Hauptsache Maler, in ihrer Heimat keine Zukunft und gingen ins Ausland. Seit den 1870er-Jahren bildeten sie unter den Münchner Künstlern die größte nationale Gruppe, sodass man in der Kunstliteratur von einer „Polenkolonie“ sprach. Fast alle pflegten ihr Nationalbewusstsein und hielten enge Verbindung nach Polen. Einige von ihnen blieben für immer in Deutschland und wurden angesehene Mitglieder der „Münchner Schule“.

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

1828 verzeichnet das Matrikelbuch der Königlichen Akademie der bildenden Künste in München mit dem Bildhauer Karol Ceptowski (1801-1847) aus Posen/Poznań den ersten polnischen Künstler, 1832 mit dem Litauer Jan Baniewicz den ersten Maler polnischer Herkunft.[1] Vor allem nach dem Novemberaufstand 1830/31 und dem Januaraufstand 1863/64 gegen die russische Herrschaft war die Bevölkerung Kongresspolens massiven Einschränkungen der Bürgerrechte ausgesetzt. Repressionen gegen alle polnischen Institutionen durch die Teilungsmächte, Einschränkungen des öffentlichen Schulwesens und der Hochschulen sowie die politische Zensur von literarischen Texten und Kunstwerken führten dazu, dass junge Polen ein Studium im Ausland aufnahmen, wo sie auch politisches Asyl fanden.  

Bis 1862 waren es allerdings jährlich nur ein bis drei, 1842 sechs Studenten pro Jahr, die ein Kunststudium an der Münchner Akademie begannen. Sie kamen aus den russischen und österreichischen Teilungsgebieten. Nachdem Studenten der Warschauer Schule der Schönen Künste am Januaraufstand 1863 teilgenommen hatten, wurde die Schule im darauffolgenden Jahr geschlossen. Bereits 1863 erreichte die Zahl der Neueinschreibungen von Polen an der Münchner Akademie einen Höchststand von zehn Studenten. Unter ihnen war auch Józef Brandt (1841-1915, Abb. 1), der zuvor in Warschau studiert hatte und jetzt sein Studium bei dem wichtigsten Vertreter der Historienmalerei, Carl von Piloty, aufnahm. Drei Jahre später leitete er schon sein eigenes Atelier, zog eine große Zahl vor allem polnischer Studenten an und wurde 1878 zum Honorarprofessor ernannt. Einige der Aufständischen von 1863 gingen erst in späteren Jahren nach München wie Maksymilian Gierymski (1867), Ludomir Benedyktowicz (1868), Adam Chmielowski (1870) und Antoni Kozakiewicz (1871).

Attraktiv war München für die polnischen Studenten, weil die Hauptstadt des Königreichs Bayern durch die 1836 und 1853 eröffneten Pinakotheken und durch private Galerien wie die 1862 eröffnete Galerie des Grafen Schack eines der führenden Kunstzentren Europas war und über einen regen Kunsthandel verfügte. Die Lebensbedingungen galten als günstig, die Bevölkerung als tolerant gegenüber Ausländern. Entscheidend waren jedoch der Bekanntheitsgrad und die künstlerische Ausstrahlung der an der Akademie lehrenden Professoren. Bis 1840 dominierte dort die Künstlergruppe der Nazarener mit Julius Schnorr von Carolsfeld, Heinrich Hess und dem Direktor der Schule, Peter Cornelius. Ihr künstlerisches Programm einer religiösen und moralischen Erneuerung und die angestrebte Wiedergeburt einer nationalen Kunst stimmten in vielerlei Hinsicht mit den Ideen der polnischen Romantik überein.[2]

Bei ihnen studierte der Warschauer Maler Aleksander Lesser (1814-1884, Abb. 2), der sich 1835 immatrikulierte und nach seinem Studium von 1840 bis 1846 in München ein eigenes Atelier unterhielt. Lesser und der aus Minsk stammende Tytus Byczkowski, seit 1837 Student der Akademie, waren die ersten polnischen Maler, die in den 1823 gegründeten Münchner Kunstverein aufgenommen wurden. Ein großer Teil der polnischen Kunstschüler wurde bald nach ihrer Ankunft in München und der Aufnahme des Studiums auch Mitglied dieses aus Künstlern und Kunstfreunden bestehenden Vereins. Mit der Teilnahme an dessen Ausstellungen, den von ihm organisierten Ankäufen und Verlosungen von Kunstwerken begannen sie ihre Laufbahn als freiberufliche Künstler im Kunstbetrieb der Stadt. Bis 1914 waren 150 polnische Künstler Mitglied des Münchner Kunstvereins. Neben Lesser und Byczkowski traten in dieser frühen Zeit auch siebzehn polnische Kunstfreunde dem Verein bei, meist Aristokraten, die als auswärtige Mitglieder gar nicht in München wohnten,[3] unter ihnen Graf Athanasius Raczynski, Autor der dreibändigen Abhandlung Histoire de l'art moderne Allemagne (1836-41) und Mäzen von Overbeck und Cornelius, der Overbeck einen Teil des 1842-44 in Berlin errichteten Palais Raczynski überließ. Ceptowski wurde unter Leo von Klenze an den Bildhauerarbeiten in der Münchner Residenz beteiligt, Byczkowski nahm als Freskomaler an der Ausgestaltung der Ludwigskirche teil. Enge Beziehungen zu den Nazarenern pflegten auch Korneli Szlegel (1819-1870) aus Lemberg/Lwów, der ab 1842 in München studierte, und der Warschauer Józef Simmler (1823-1868, Abb. 3), zuvor Schüler von Eduard Bendemann an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, der nach seinem Studium in München (ab 1841) und Paris in Warschau ein angesehener Maler realistisch aufgefasster religiöser und historischer Szenen und Porträts wurde.

 

[1] Listen der in das Matrikelbuch der Münchner Kunstakademie eigetragenen polnischen Studenten, der Studenten an Münchner Privatschulen und der polnischen Mitglieder des Münchner Kunstvereins finden sich bei Halina Stępień/Maria Liczbińska 1994, Seite 3-90

[2] Konstantynów 2011, Seite 463

[3] Ste̜pień 1990, Seite 165

Unter Wilhelm von Kaulbach, der 1849 zum Direktor der Münchner Akademie ernannt wurde, und Carl von Piloty, seit 1856 Professor an der Akademie, wurde die Kunstschule zu einem wichtigen Zentrum der realistischen Historienmalerei in Deutschland. 1858 schrieb sich Jan Matejko (1838-1893, Abb. 4) für die Naturklasse von Hermann Anschütz an der Münchner Akademie ein, nachdem er vorher schon ein volles Studium an der Akademie der Schönen Künste in Krakau absolviert hatte. Matejko fand zwar in München, so Dariusz Konstantinów, seine „künstlerischen Ideale“, im dortigen Studium sah er jedoch „keinerlei Nutzen, der hiesige Unterricht ist unendlich langweilig, nichts für uns, zu schwerfällig; wenn ich könnte, würde ich noch heute nach Frankreich reisen …“[4] Matejko ging nach einem kurzen Aufenthalt in Wien 1860 nach Krakau zurück. 1873 wurde er dort Direktor der Kunstakademie und gilt heute als bedeutendster Historienmaler Polens. Ebenfalls aus Krakau kam 1859 Parys Filippi (1836-1874), einer der bedeutendsten polnischen Bildhauer seiner Zeit, nach München und schrieb sich in die Bildhauerklasse ein.

Zwischen 1863, dem Jahr des Januaraufstands, und 1875 wurden über achtzig Polen an die Münchner Akademie aufgenommen. Neben der Historienmalerei gewannen der Realismus und die Freilichtmalerei nach dem Vorbild der französischen Schule von Barbizon an Bedeutung. Dabei bildeten die Polen im Münchner Kunstbetrieb eine geschlossene Gruppe. Sie pflegten Themen aus ihrer Heimat: Dorfansichten, Genremotive aus dem Alltag der Landbewohner, Reiterszenen, glorreiche Begebenheiten aus der polnischen Geschichte ebenso wie Szenen aus dem gescheiterten Aufstand, die wegen ihrer pittoresken Motive beim Publikum beliebt wurden. Aus Polen brachten sie Kostüme, Accessoires, vor Ort entstandene Skizzen und Aufzeichnungen mit, um typisch polnische Szenerien gestalten zu können.[5] Über Józef Brandt (Abb. 5) schrieb der 1850 in Bromberg/Bydgoszcz geborene Kunsthistoriker Adolf Rosenberg: „Die Motive zu seinen Genre- und Historienbildern schöpft er ausschließlich aus dem gegenwärtigen Leben und der Geschichte seiner Heimat, an welcher er mit der den Polen eigenen glühenden Vaterlandsliebe hängt. Durch eingehende Studien slawischer Typen, der Waffen und Kostüme der Vorzeit und der melancholischen Landschaft seines Heimatlandes wie der russischen Steppen gewinnen seine Bilder ihren hohen ethnographischen Wert. […] Man ist beinahe versucht, zu glauben, der polnische Patriot hätte in diese Bilder seinen Kummer über das politische Schicksal seines Vaterlandes und seine Missstimmung über die dortigen Zustände hineingemalt.“[6]

Mit der europäischen Kunstszene, insbesondere der französischen Malerei der Schule von Barbizon, kamen die polnischen Akademieschüler unter anderem durch die vom Kunstverein organisierte I. internationale Kunstausstellung im Königlichen Glaspalast in München in Berührung. An der Akademie bildeten sie häufig Gruppen. Für ihren Diplomabschluss bei Carl von Piloty wählten drei hoch bewertete Maler, Aleksander Gierymski, Władysław Czachórsky und Maurycy Gottlieb, gemeinsam ein literarisches Thema, ein Motiv aus Shakespeares Kaufmann von Venedig. Ende der 1860er-Jahre begannen polnische Akademiestudenten parallel Kurse an privaten Kunstschulen zu besuchen, deren Lehrer aus dem Kreis des Münchner Kunstvereins kamen, um ihre Fertigkeiten in speziellen Kursen wie der Freilichtmalerei zu verbessern. Bei dem Pferde- und Schlachtenmaler Franz Adam lernten neben Brandt acht polnische Maler, darunter Juliusz Kossak, Maksymilian Gierymski und Jan Chełmiński.

Brandt, wichtigster Vertreter der polnischen Kunst in München, blieb sein ganzes Berufsleben über in der bayerischen Hauptstadt. 1877 heiratete er Helena von Woyciechowski Pruszaków, die Besitzerin des Gutes Orońsko, auf dem er seitdem während der Sommermonate zusammen mit Künstlerkollegen eine Malakademie organisierte. Er gehört bis heute zu den berühmtesten Historienmalern Polens, gilt aber unter dem Namen Josef von Brandt auch als bedeutender Vertreter der Münchner Schule.[7] Auch Maksymilian Gierymski (1846-1874, Abb. 6), seit 1867 Student der Münchner Akademie, ist hier wie dort als Meister realistischer Schlachtenmalerei bekannt, der neben Motiven aus dem Januaraufstand vor allem Pferde- und Jagdszenen aus Masowien malte. Er wurde 1874 Ehrenmitglied der Berliner Akademie, starb noch im selben Jahr in Bad Reichenhall und ist bereits fünf Jahre später (als Max Gierymski) mit einem umfangreichen Artikel in der Allgemeinen Deutschen Biographie vertreten.[8] Sein Bruder Aleksander Gierymski (1850-1901, Abb. 7), der ein Jahr später nach München kam, studierte dort bis 1872 und ging anschließend nach Rom. Seine Gemälde mit Stadtansichten von München (Titelabb.) entstanden bei späteren Aufenthalten und befinden sich heute in der Nationalgalerie in Warschau. Władysław Czachórski (1850-1911, Abb. 8) war zuvor an den Akademien in Warschau und Dresden, bevor er von 1869 bis 1873 bei Piloty in München studierte. Nach Aufenthalten in Italien und Frankreich ließ er sich 1879 endgültig in München nieder, wurde (als Ladislaus von Czachorski) ein anerkannter Porträtmaler des wohlhabenden Bürgertums und Ehrenprofessor der Münchner Akademie.

 

[4] Jan Matejko in einem Brief an Leonard Serafiński, München 8. März 1858, zitiert nach Konstantinów 2011, Seite 463 f.

[5] Ste̜pień 2003, Seite 187

[6] Rosenberg 1887, Seite 46

[7] Josef von Brandt, Münchner Maler im 19./20. Jahrhundert, Band 1, München 1981

[8] Hyacinth Holland: Gierymski, Max,  in: Allgemeine Deutsche Biographie 9 (1879), Seite 150-151

Zwischen 1870 und 1875 nahmen 45 polnische Studenten ihr Studium an der Münchner Akademie auf, darunter ebenfalls bedeutende Maler. Adam Chmielowski (1845-1916, Abb. 9), der während des Januaraufstands ein Bein verloren hatte, ging nach Gent und Paris ins Exil und nahm 1870 sein Malereistudium in München auf. Dort interessierte er sich für die Malerei von Anselm Feuerbach und die Kunstsammlung des Grafen Schack und malte stimmungsvolle nächtliche Stadtansichten. 1875 ging er nach Warschau, widmete sich religiösen Bildmotiven, trat 1887 als Bruder Albert dem Franziskanerorden bei und wurde 1989 heiliggesprochen. Józef Chełmoński (1849-1914, Abb. 10), der aus masowischem Adel stammte, studierte ab 1872 für drei Jahre in München und ging anschließend nach Paris. Er wurde vor allem vom französischen Realismus beeinflusst und malte Landschaften sowie polnische und ukrainische Jagd- und Genreszenen, in denen er das Dorfleben seiner Heimat schilderte.

1873 kamen Jan Chełmiński, Wojciech Kossak und Alfred Wierusz-Kowalski an die Akademie. Chełmiński (1851-1925, Abb. 11) studierte bei Józef Brandt und Franz Adam. Seine Genre- und Jagdbilder hatten in der gehobenen Gesellschaft großen Erfolg. Jagdbilder verkaufte er an den Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha und an das bayerische Königshaus und hatte ab 1876 auch Verkaufserfolge auf Ausstellungen in Berlin, Wien, London und Paris. Ab 1884 ging er nach London und New York. Über Chełmiński schrieb Rosenberg: „Er leistet besonders im militärischen Genre in Verbindung mit einer charakteristischen Landschaft Hervorragendes. Sein Kolorit ist jedoch härter und bunter, seine Charakteristik minder energisch und seine Zeichnung nicht so keck und lebendig wie die seiner beiden Landsleute [Brandt und Max Gierymski].“[9]  Kossak (1856-1942, Abb. 12), der zuvor an der Kunstschule in Krakau studiert hatte, blieb drei Jahre in München. Anschließend studierte er an der École des beaux-arts in Paris und ging 1884 zurück nach Krakau. Ab 1893 arbeitet er am Panorama der Schlacht von Racławice in Lemberg/Lwów. 1895 folgte er einer Einladung seines Malerkollegen Julian Fałat nach Berlin und wurde aufgrund seiner hochkarätigen Schlachtenmalerei zwei Jahre später (als Adalbert Ritter von Kossak) Hofmaler Kaiser Wilhelms II. 1902 ging er nach Krakau zurück. Schüler von Józef Brandt waren auch Wierusz-Kowalski (1849-1915, Abb. 13), der durch Pferdeszenen, Hochzeitszüge mit polnischen Trachten und Schlittenfahrten mit jungen lachenden Menschen bekannt wurde, und Julian Fałat (1853-1929, Abb. 14), der seit 1875 in München studierte. Während Wierusz-Kowalski in München blieb und 1890 Honorarprofessor an der Akademie wurde, unternahm Fałat ab 1885 Reisen durch Europa und Asien und lernte bei einem Jagdaufenthalt beim Fürsten Anton von Radziwill den künftigen deutschen Kaiser Wilhelm II. kennen, dessen Hofmaler er 1889 wurde. 1895 ging er als Professor an die Kunstakademie in Krakau.

Von München aus beteiligten sich die polnischen Künstler an internationalen Ausstellungen wie den Weltausstellungen in Paris und Wien 1867 und 1873. Auf der ersten Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast zeigte Brandt sein Gemälde „Jahrmarkt in einem Städtchen in der Gegend von Krakau“ und eine Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg.[10] Maksymilian Gierymski war mit einer „Spinnstube in Polen“ und dem „Duell zwischen Tarlo und Poniatowski“, einer „Episode aus Polens Geschichte“, vertreten.[11] In Paris zeigte Brandt sein Gemälde „Schlacht bei Chotin“, in Wien das Bild „Sobieski bei Wien“. Insgesamt waren an der Wiener Weltausstellung 1873 acht polnische Künstler aus München an der deutschen Abteilung beteiligt, unter ihnen die Brüder Gierymski. Maksymilian zeigte Szenen vom Januaraufstand, die im russischen Teilungsgebiet wegen der Zensur nie hätten ausgestellt werden können, wie „Alarmierte Avantgarde“ (Abb. 6) und „Alarm im Insurgentenlager“, aber auch Reiterszenen und Genrebilder wie „Kosaken“ und „Vor der Schänke“.[12]

 

[9] Rosenberg 1887, Seite 47

[10] Katalog zur I. internationalen Kunstausstellung im Königlichen Glaspalaste zu München, München 1869, Nr. 720, 751 (www.digitale-sammlungen.de)

[11] Katalog zur I. internationalen Kunstausstellung im Königlichen Glaspalaste zu München, München 1869, Nr. 858, 990

[12] Welt-Ausstellung 1873 in Wien. Officieller Kunst-Catalog, Wien 1873, Nr. 408-413 (http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/digilit.html)

Auch nach 1875 hielt der Zustrom an polnischen Kunststudenten in München an, es fehlte jedoch an großen Begabungen. Mittelpunkt der polnischen Szene bildeten Brandt und Wierusz-Kowalski. Sie öffneten ihre wohlhabenden Häuser für die Neuankömmlinge und stellten ihnen „polnische“ Requisiten aus ihrem reichhaltigen Atelierfundus zur Verfügung.[13] Die Bedeutung der privaten Schulen nahm zu. Besonderer Anziehungspunkt für die Polen war die 1886 gegründete Privatschule des ungarischen Genremalers Simon Hollósy, der im Sommer Studienkurse für Freilichtmalerei in Ungarn anbot. Seine Schule besuchten bis 1911 rund dreißig polnische Malschüler. Die in dieser Zeit von Rosenberg so bezeichnete „Polenkolonie“[14] wurde von anderen auch als geschlossene „Schule“ wahrgenommen. Die Zeitschrift „Kunst für alle“ bildete im November 1887 eine von acht polnischen Künstlern, darunter Brandt und Fałat, mit einschlägigen Motiven gestaltete Malerpalette ab (eine in dieser Zeit für Künstlergruppen geläufige Kunstform, die auch aus anderen Akademiestädten bekannt ist, Abb. 15) und schrieb dazu: „Von der zahlreichen Kolonie polnischer Künstler, die wir in München beherbergen, haben sich einige der hervorragenderen zusammengetan, um sich mit artigen Scherzen auf einer Palette zu verewigen, deren Abbild wir hier bringen. Aus der Harmonie des Ganzen kann man leicht sehen, wie diese Künstler eine gemeinsame Schule bilden, die allerdings durch das Genie J. von Brandts ihren Charakter aufgeprägt erhalten hat, der die Einzelnen mehr oder weniger beeinflusste.“[15]

In der Zeitspanne zwischen 1890 und 1914 rückten neue Kunstrichtungen, der vom französischen Impressionismus beeinflusste Sezessionsstil und die von England und Schottland ausgehende Kunstgewerbebewegung, in den Vordergrund. München wurde mit Gründung der Zeitschrift Jugend 1896 zu einem der Zentren des deutschen Jugendstils. Polnische Künstlerinnen und Künstler nahmen an den Ausstellungen der 1892 gegründeten Münchener Secession teil wie Stanisław Grocholski, Wacław Szymanowski und Olga Boznańska (1865-1940, Abb. 16). Andere arbeiteten als Illustratoren für die Jugend wie Otolia Gräfin Kraszewska (1859-1945, Abb. 17, 18), Edward Okuń und Feliks Wygrzywalski. Unter den Privatakademien wurde die 1891 gegründete Schule des slovenischen Genre- und Porträtmalers Anton Ažbe populär, an der rund dreißig Polen und 1896/97 auch die später berühmten russischen Maler Alexej von Jawlensky und Wassily Kandinsky studierten. 1897 erschien noch einmal ein Gemeinschaftswerk der polnischen Künstler in München, die Jednodniówka Monachijska, die „Münchner Sonderausgabe“, eine einmalige Kunstzeitschrift im Stil der Jugend mit Vignetten, Illustrationen und Gemälde-Abbildungen sowie Gedichten und Prosatexten auswärtiger polnischer Autoren.[16]

Zwischen 1890 und 1914 immatrikulierten sich 125 polnische Studenten an der Münchner Akademie, darunter 45 nach 1900. Insgesamt nahmen zwischen 1824 und 1914 322 polnische Studenten dort ein offizielles Kunststudium auf. Zählt man alle in München dokumentierten polnischen Künstler, so gingen in diesem Zeitraum rund siebenhundert polnische Maler, Bildhauer und Architekten durch den Münchner Künstlerkreis.[17] Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 verloren die jungen polnischen Künstler das Interesse an einem Studium in München und orientierten sich nach Paris.

Axel Feuß

[13] Ste̜pień 2003, Seite 191

[14] „Die Polenkolonie: Brandt, Gierymski, Chelminski, Kowalski, Kozakiewicz“, Rosenberg 1887, Seite 47

[15] Die Kunst für alle. Malerei, Plastik, Graphik, Architektur, Bd. 3, München 1887/88, Seite 62, Bild nach Seite 60 (http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/digi/digilit.html). Ähnlich Friedrich Pecht 1888, S. 420: „So bildeten bald die sich von allen übrigen Künstlern gründlich unterscheidenden, dafür aber bestimmte gemeinsame,  mit dem Nationalcharakter eng zusammenhängende Züge offenbarenden Polen eine ganz besondere Abteilung. Dieselben sind in München allmählich immer häufiger aufgetreten, bis sie sich zuletzt zu einer förmlichen Schule gestalteten.“

[16] Vertreten waren 25 polnische Maler aus München, darunter Olga Boznańska, Józef Brandt, Władysław Czachórski, Aleksander Gierymski, Stanisław Grocholski,  Otolia Kraszewska, Władysław Wankie, Alfred Wierusz-Kowalski, Feliks Wygrzywalski. -  Reprint der Jednodniówka in der Publikation: Eintagszeitung. Neuausgabe, herausgegeben von Zbigniew Fałtynowicz / Eliza Ptaszyńska, Muzeum Okręgowe w Suwałkach, Suwałki 2008, zugleich Katalog der Ausstellung „Signatur - anders geschrieben. Anwesenheit polnischer Künstler im Lichte von Archivalien“, Polnisches Kulturzentrum, München 2008.

[17] Ste̜pień 2003, Seite 187

 

Literatur:

Adolf Rosenberg: Die Münchener Malerschule in ihrer Entwicklung seit 1871, Leipzig 1887, Seite 46-48

Friedrich Pecht: Geschichte der Münchener Kunst im neunzehnten Jahrhundert, München 1888, S. 420-424 („Die Polen, Magyaren und sonstigen Ausländer“), http://goobipr2.uni-weimar.de

Münchner Maler im 19./20. Jahrhundert in sechs Bänden, bearbeitet von Horst Ludwig, München 1981-1994

Halina Ste̜pień: Artyści polscy w środowisku monachijskim. W latach 1828-1855 (Studia z historii sztuki / Instytut Sztuki, Polska Akademia Nauk, 44), Breslau/Wrocław 1990

Halina Ste̜pień / Maria Liczbińska: Artyści polscy w środowisku monachijskim. W latach 1828-1914. Materiały źródłowe (Studia z historii sztuki / Instytut Sztuki, Polska Akademia Nauk, 47), Warschau 1994

Halina Ste̜pień: Artyści polscy w środowisku monachijskim. W latach 1856-1914 (Studia z historii sztuki / Instytut Sztuki, Polska Akademia Nauk, 50), Warschau 2003

Halina Stępień : Die polnische Künstlerenklave in München (1828-1914), in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 2, http://www.zeitenblicke.de/2006/2/Stepien/index_html

Dariusz Konstantynów: Polnische Künstler in München, in: Tür an Tür. Polen-Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte, herausgegeben von Małgorzata Omilanowska, Ausstellungs-Katalog Berliner Festspiele, Berlin, Köln 2011

Eliza Ptaszyńska (Hrsg.): Ateny nad Izarą. Malarstwo monachijskie. Studia i szkice, Suwałki 2012

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Józef Brandt (1841-1915): Jan Karol Chodkiewicz in der Schlacht von Chocim, 1867. Öl auf Leinwand, 190 × 337 cm
Abb. 1: Józef Brandt (1841-1915)
Józef Brandt (1841-1915): Jan Karol Chodkiewicz in der Schlacht von Chocim, 1867.
Aleksander Lesser (1814-1884): Ritter in Rüstung, 1835. Öl auf Leinwand, 65,5 x 53,5 cm
Abb. 2: Aleksander Lesser (1814-1884)
Aleksander Lesser (1814-1884): Ritter in Rüstung, 1835.
Józef Simmler (1823-1868): Tod der Barbara Radziwill, 1860. Öl auf Leinwand, 96 x 111 cm
Abb. 3: Józef Simmler (1823-1868)
Józef Simmler (1823-1868): Tod der Barbara Radziwill, 1860.
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Abb. 4: Jan Matejko (1838-1893)
Jan Matejko (1838-1893): Das Aufhängen der Glocke Zygmunt im Turm der Kathedrale zu Krakau im Jahre 1521, 1874.
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Abb. 5: Józef Brandt (1841-1915)
Józef Brandt (1841-1915): Die Gefangennahme eines kaukasischen Anführers, um 1880.
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Abb. 6: Maksymilian Gierymski (1846-1874)
Maksymilian Gierymski (1846-1874): Patrouille der Aufständischen (Alarmierte Avantgarde), 1873.
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Abb. 7: Aleksander Gierymski (1850-1901)
Aleksander Gierymski (1850-1901): Im Atelier des Künstlers [in München], 1869/70.
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Abb. 8: Władysław Czachórski (1850-1911)
Władysław Czachórski (1850-1911): Porträt Stanisław Czachórski, der Bruder des Künstlers, 1889.
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Abb. 9: Adam Chmielowski (1845-1916)
Adam Chmielowski (1845-1916): Die verlassene Pfarrei, 1888.
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Abb. 10: Józef Chełmoński (1849-1914)
Józef Chełmoński (1849-1914): Altweibersommer, 1875.
Jan Chełmiński (1851-1925): Mit der Meute auf der Jagd, München 1875. Öl auf Leinwand, 34 x 53 cm
Abb. 11: Jan Chełmiński (1851-1925)
Jan Chełmiński (1851-1925): Mit der Meute auf der Jagd, München 1875.
Wojciech Kossak (1856-1942): Selbstporträt mit Palette, 1893. Öl auf Leinwand, 151 x 105 cm
Abb. 12: Wojciech Kossak (1856-1942)
Wojciech Kossak (1856-1942): Selbstporträt mit Palette, 1893.
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Abb. 13: Alfred Wierusz-Kowalski (1849–1915)
Alfred Wierusz-Kowalski (1849–1915): Der Hochzeitszug, um 1890.
Julian Fałat (1853-1929): Selbstbildnis, 1896. Öl auf Leinwand, 133,5 x 86 cm
Abb. 14: Julian Fałat (1853-1929)
Julian Fałat (1853-1929): Selbstbildnis, 1896.
Die Polen in München, Die Kunst für alle. Malerei, Plastik, Graphik, Architektur, Bd. 3, München 1887/88, nach Seite 60
Abb. 15: Die Polen in München, 1887
Die Polen in München, Die Kunst für alle. Malerei, Plastik, Graphik, Architektur, Bd. 3, München 1887/88
Olga Boznańska (1865-1940): Mädchen mit Tulpen, 1898. Öl auf Karton,  71 x 73 cm
Abb. 16: Olga Boznańska (1865-1940)
Olga Boznańska (1865-1940): Mädchen mit Tulpen, 1898.
Otolia Gräfin Kraszewska (1859–1945): Selbstporträt, um 1890. Öl auf Holz, 28 x 21 cm
Abb. 17: Otolia Gräfin Kraszewska (1859–1945)
Otolia Gräfin Kraszewska (1859–1945): Selbstporträt, um 1890.
Otolia Gräfin Kraszewska (1859–1945): Die Reise ins Wunderland und zurück, 1896, Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1. Jahrgang, Nr. 24, München, Juni 1896, Seite 387
Abb. 18: Otolia Gräfin Kraszewska (1859–1945)
Otolia Gräfin Kraszewska (1859–1945): Die Reise ins Wunderland und zurück, 1896.