Aureli Topolnicki. Dokumente aus dem DP-Lager Wildflecken (Durzyn) 1945-1951.

Aureli Topolnicki (1.v.r.) ca 1951
Eine Gruppe von Männern vor einem Zugwaggon mit der Aufschrift „Emigration“, 1. v. r. Aureli Topolnicki, wahrscheinlich Anfang 1951

Info

Eine einmalige Sammlung von Originaldokumenten von Aureli Topolnicki aus der Zeit seines Aufenthaltes im Lager für polnische Displaced Persons in Wildflecken (Durzyn) zwischen 1945 und 1951 sowie aus der Vorkriegs- und Kriegszeit und den Jahren nach seiner Ausreise und des Exils in den USA.

 

Die Dokumente stammen allesamt aus seinem Nachlass und wurden Porta Polonica von der Witwe des Sohnes von Aureli Topolnicki, Frau Barbara Karbarz aus Breslau, Ende 2016 überlassen.

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Aureli Topolnicki. Dokumente aus dem DP-Lager Wildflecken (Durzyn) in Deutschland 1945-1951.

 

Der Nachlass von Aureli Topolnicki (1907–1988) umfasst 147 teils zwei- oder mehrseitige Dokumente (samt einigen Kopien), vornehmlich aus den Jahren 1944 bis 1951 und vereinzelt auch aus früheren bzw. späteren Zeiträumen. Überdies beinhaltet der Nachlass zwölf Stempel von institutionellen Einrichtungen des DP-Lagers Wildflecken (Durzyn).[1] Bei den Dokumenten handelt es sich um amtliche und private Korrespondenzen von ihm, Pässe, Ausweise (u.a. Mitgliedsausweise), Zeugnisse, Urkunden, Anträge, Bescheinigungen, Berichte und private Notizen. Zahlreiche Dokumente des Nachlasses sind Originale, einen großen Teil nehmen zudem Abschriften, Übersetzungen – mitunter beglaubigt – und Kopien ein. Die meisten Schriftstücke betreffen Aureli Topolnicki entweder privat (Lebensweg, Ausbildung, Studium), in seiner Funktion als Lehrer bzw. Schulleiter der polnischen Grundschule in Wildflecken oder als Leiter des polnischen Schulkreises Wildflecken. Viele Dokumente lassen sich überdies dem Kontext der Emigration der Familie Topolnicki 1951 in die USA zuweisen. Darüber hinaus beinhaltet der Nachlass Unterlagen seiner Ehefrau Irma und ihres gemeinsamen Sohnes Otto. Ein gewisser Teil der Dokumente setzt sich aus Berichten über das schulische und kulturelle Leben im DP-Lager und aus allgemeinen Angaben zur schulischen Arbeit zusammen. Sprachlich gesehen ist die Dokumentensammlung überaus vielfältig: 48 Dokumente sind in englischer Sprache verfasst, 43 in polnischer, 27 in deutscher, 2 in lateinischer und je ein Dokument ist Niederländisch und Chinesisch. Weiterhin sind viele Dokumente zweisprachig: der Nachlass enthält 18 polnisch-englische und 2 deutsch-englische Dokumente sowie je ein polnisch-russisches, englisch-lateinisches und deutsch-tschechisches. Überdies existieren zwei dreisprachige Dokumente: ein deutsch-polnisch-englisches und ein deutsch-polnisch-russisches.

Frau Barbara Karbarz brachte den kompletten Nachlass im Jahr 2014 aus den USA nach Polen mit, wohin sie nach dem Tod ihres Ehemannes Otto Topolnicki zurückgekehrt war. Bei der Wohnungsauflösung des Verstorbenen war sie auf die in einem Album aufbewahrten und gut sortierten Dokumente gestoßen. Anhand einer ersten Durchsicht hatte sie erkannt, dass das Material dem Vater ihres verstorbenen Ehemannes offensichtlich sehr wichtig gewesen war und eine einschneidende Phase im Leben der Familie abbildete. Sie bat ihren Bruder, den Kunsthistoriker Romuald Nowak aus Breslau, eine Institution zu finden, die Interesse an der Übernahme des Nachlasses zeigte und eine sinnvolle Verwendung sowie angemessene Lagerung der Inhalte gewährleisten konnte. Romuald Nowak fragte diesbezüglich bei zahlreichen Institutionen (wissenschaftliche Institute, Museen, Archive u. Ä.) in Polen an, jedoch ohne Erfolg. Schließlich erfuhr er von der Wanderausstellung „Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Kunst, Kultur und Alltag polnischer Displaced Persons in Deutschland 1945–1955“,[2] die 2015 vom LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Kooperation mit der Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland (Porta Polonica) konzipiert und erarbeitet worden war. Daraufhin setzte sich Nowak mit dem Leiter von Porta Polonica, Dr. Jacek Barski, in Verbindung, der den Nachlass schließlich übernahm.

 

[1] Da sich in diesem großen DP-Lager vornehmlich Polen aufhielten, übergaben die amerikanischen Besatzungsbehörden ihnen die Administration des nun stadtähnlich verwalteten Lagers. Daraufhin wurde in einer Abstimmung unter den im Lager lebenden Menschen der Name des Lagers in Durzyn geändert und bestand seitdem parallel zur offiziellen Bezeichnung.

[2] Osses, Dietmar (Hg.): Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Kunst, Kultur und Alltag polnischer Displaced Persons in Deutschland 1945–1955, Begleitbuch zur Ausstellung, LWL-Industriemuseum, Essen 2016.

Aufgrund seines Umfangs und seiner Vielschichtigkeit kann der dokumentarische Nachlass von Aureli Topolnicki aus dessen Zeit als Displaced Person im DP-Lager Wildflecken in der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland für die historische Forschung gar nicht hoch genug bewertet werden, insbesondere im Hinblick auf seine alltags- und kulturgeschichtliche Bedeutung. Anhand des Materials lassen sich die Jahre zwischen der Einrichtung eines der größten polnischen DP-Lager in Deutschland nach Kriegsende und dessen Auflösung zu Beginn der 1950er Jahre exemplarisch am Beispiel der Person Aureli Topolnickis und darüber hinaus rekonstruieren. So leistet der Nachlass einen Beitrag zum Verständnis der allgemeinen Lebensbedingungen in einem großen DP-Lager und deren Wandel in diesen Jahren sowie zum Nachvollzug des Aufbaus der administrativen und kulturellen Einrichtungen der Lagerselbstverwaltung. Vor allem aber ermöglicht der Inhalt des Nachlasses die Rekonstruktion der Gründung und Weiterentwicklung von Schulen und Bildungseinrichtungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene am konkreten Beispiel des DP-Lagers Wildflecken. Anhand der Dokumente wird zudem deutlich, welchen Einfluss die erhoffte Emigration für den Alltag der Menschen im Lager hatte und welch hohe Hürden sie zu überwinden hatten, um emigrieren und damit sich und ihren Familien eine neue Lebensperspektive eröffnen zu können.

Dass es sich bei der Problematik der Displaced Persons (DPs) nicht um eine Randerscheinung der europäischen Nachkriegsgeschichte handelte, zeigt schon die Zahl der betroffenen Menschen: Unmittelbar nach Kriegsende befanden sich auf dem ehemaligen deutschen Reichsgebiet ca. 11 Millionen Displaced Persons aus 20 Staaten, davon 6,5 Millionen allein in den westlichen Besatzungszonen. Wenngleich die meisten noch 1945 in ihre Ursprungsländer – teils freiwillig, teils unter Zwang – repatriiert worden waren, befanden sich zu Beginn des Jahres 1946 noch ca. 1,7 Millionen DPs auf dem besetzten deutschen Territorium.[3] Mit dem einsetzenden Kalten Krieg unterließen die westlichen Alliierten schließlich die Zwangsrückführungen in östlicher Richtung, gegen die sich viele Menschen vehement wehrten, sodass 1947 noch über 700.000 DPs verschiedener Nationalität in den westlichen Besatzungszonen verharrten, die nunmehr als nicht repatriierbar galten.[4]

Unmittelbar nach Kriegsende befanden sich unter den oben erwähnten ca. 11 Millionen DPs etwa 1,7 Millionen Polen auf deutschem Territorium, davon allein 0,7 Millionen in der sowjetischen Besatzungszone, aus der sie relativ zügig nach Polen repatriiert wurden.[5] Ein Großteil der polnischen DPs wurde in den darauf folgenden zwei Jahren ebenfalls nach Polen repatriiert, dennoch betrug die Zahl der polnischen DPs in den westlichen Besatzungszonen im Juni 1947 noch etwa 190.000 (ca. 103.000 in der US-Zone, 76.000 in der britischen Zone und 10.000 in der französischen Zone).[6] Dabei handelte es sich vornehmlich um Menschen, die eine Rückkehr nach Polen aus politischen oder ideologischen Gründen kategorisch ablehnten oder deren polnische Heimatgebiete von der Sowjetunion bzw. der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik annektiert worden waren, und die es noch nicht geschafft hatten, zu emigrieren und in anderen westeuropäischen Staaten oder in Übersee eine neue Heimat zu finden.

 

[3] Brandes, Detlev/Wiesemann, Falk: Displaced Persons, in: Brandes, Detlev/ Sundhaussen, Holm/Troebst, Stefan (Hg.): Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts, Wien 2010, S. 212.

[4] Ebenda, S. 213.

[5] Loew, Peter Oliver: Wir Unsichtbaren. Geschichte der Polen in Deutschland, München 2014, S. 192.

[6] Brzoza, Czesław: Między repatriacją a emigracją. Polacy w Niemczech Zachodnich w latach 1945-1951 [Zwischen Repatriierung und Emigration. Polen in Westdeutschland zwischen 1945-1951], in: Paczyńska, Irena (Hg.): Śląsk. Polska. Emigracja. Studia dedykowane Profesorowi Andrzejowi Pilchowi [Schlesien. Polen. Emigration. Professor Andrzej Pilch gewidmete Studien], Kraków 2002, S. 296.

Für den auf seine adlige Abstammung großen Wert legenden Aureli de Sas Topolnicki trafen offenbar beide Gründe zu und schlossen somit eine Repatriierung der Familie nach Polen aus. Topolnicki wurde am 26. November 1907 im beschaulichen Obertyn im Bezirk Horodenka im Osten des damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Kronlandes Galizien geboren.[7] Als Polen seine Unabhängigkeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wiedererlangte, kamen die im Hinblick auf ihre ethnische, kulturelle, sprachliche und konfessionelle Zusammensetzung (Polen, Ruthenen bzw. Ukrainer, Juden, Deutsche und weitere kleinere Minderheiten) heterogenen Gebiete zur Zweiten Polnischen Republik. In diesem Teil der polnischen Ostgebiete hatte die Familie Topolnicki ihre Wurzeln. Zwar enthalten die Dokumente keine Angaben über die Kindheit und Jugend von Aureli Topolnicki, jedoch muss er das Abitur abgelegt haben, weil er 1929 eine Aufnahmeprüfung am Staatlichen Lehrerseminar in Nieszawa erfolgreich absolvierte und dort 1932 die Diplomprüfung zum Volksschul- bzw. Grundschullehrer bestand. Danach absolvierte Topolnicki, zu dessen besten Fächern Religion, Musik und Deutsch gehörten und dessen Ausbildung mit einem staatlichen Stipendium gefördert worden war, eine zweijährige Lehramtsdienstzeit,[8] vermutlich in Bolechów, einer Kleinstadt im Kreis Dolina in der Wojewodschaft Stanisławów, etwa 130 Kilometer nordwestlich von (seinem in derselben Wojewodschaft liegenden Geburtsort) Obertyn entfernt.[9] Hier heiratete er am 19. Oktober 1934 seine sieben Jahre jüngere Ehefrau Irma Saling.[10] Ihr Vor- und Nachname lassen vermuten, dass sie väterlicherseits einer deutschen bzw. deutschsprachigen Familie entstammte. Diese Annahme wird einerseits dadurch erhärtet, dass mit der österreichischen Herrschaft tatsächlich Ansiedlungsprozesse von Deutschen in der Stadt Bolechów und den umliegenden Regionen einsetzten, andererseits von der Tatsache, dass Irma Saling am 20. April 1915 an ihrem ersten Geburtstag in Fleißen (tschechisch Plesná) getauft wurde, einer überwiegend von Deutschen bewohnten Stadt im Kreis Eger (Cheb) im Sudetenland, das seit 1918 bis zum Münchener Abkommen vom 29. September 1938 zur Tschechoslowakei gehörte. Hingegen war Irmas Mutter, Tekla Łatyk, wohl polnischer Abstammung.[11] Am 26. August 1935 legte Aureli Topolnicki seinen Diensteid ab und wurde mit Wirkung vom 1. September 1935 zum vorläufigen Lehrer an der dreiklassigen öffentlichen Volksschule in Raków im Kreis Dolina ernannt.[12] Im Dezember 1937 bestand er die praktische Prüfung für Lehrer an Volksschulen mit der Gesamtnote gut und erlangte damit die berufliche Befähigung für eine Anstellung an öffentlichen Volksschulen.[13] Daraufhin stellte Topolnicki einen Versetzungsantrag und wurde zum 1. September 1938 an die Volksschule für Jungen in Bolechów versetzt.[14]

 

[7] Übersetzung eines Auszuges aus dem Taufbuch von Obertyn vom 7.6.1949 (lateinisches Original vom 1.9.1919), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 008].

[8] Beglaubigte Übersetzung des Volksschullehrerdiploms des Staatlichen Lehrerseminars in Nieszawa vom 5.9.1944 (Original ausgestellt am 3.6.1932), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 097].

[9] Handschriftliche Notiz mit Topolnickis Aufenthaltsorten und -daten zwischen 1933 und 1947, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 045].

[10] Kopie des Auszuges aus dem Kirchenbuch von Bolechów (Latein) vom 1.12.1949 (Original ausgestellt am 9.1.1936), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 011].

[11] Abschrift aus der Geburtsurkunde von Irma Saling, ausgestellt am 20.4.1940, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 039].

[12] Beglaubigte Übersetzung der Ernennung von Aureli Topolnicki zum Lehrer in Raków vom 5.9.1944 (Original ausgestellt am 1.9.1935), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 098].

[13] Beglaubigte Übersetzung des Zeugnisses über die praktische Prüfung als Lehrer an öffentlichen Volksschulen von Aureli Topolnicki vom 5.9.1944 (Original ausgestellt am 18.12.1937), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 099].

[14] Beglaubigte Übersetzung des Schreibens über die Versetzung von Aureli Topolnicki an die Volksschule für Jungen vom 5.9.1944 (Original ausgestellt am 12.7.1938), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 100].

Bereits zuvor, am 20. Mai 1938, war Otto geboren worden,[15] der das einzige Kind der Familie Topolnicki bleiben sollte. Den Kriegsbeginn erlebten Aureli, Irma und Otto in Bolechów. Nach der Zerschlagung des polnischen Staates und infolge des geheimen Zusatzprotokolls des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes (sog. Hitler-Stalin-Pakt) gingen die polnischen Territorien östlich der Narew, der Weichsel und des San an die Sowjetunion. Am 22. Juni 1941 überfiel die Wehrmacht („Unternehmen Barbarossa“) die Sowjetunion und gliederte die Gebiete als Distrikt Galizien an das Generalgouvernement an. Topolnicki arbeitete sowohl nach dem Einmarsch der Roten Armee als auch demjenigen der Wehrmacht weiterhin an der Volksschule in Bolechów.[16] Etwa drei Monate nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, am 30. September 1941, wurde er vom Kreishauptmann in Kałusz (Kalusch) als Schulleiter der Volksschule in Bolechów eingesetzt. Dabei wirkten sich seine Deutschkenntnisse und womöglich auch die Deutschstämmigkeit seiner Ehefrau sicherlich alles andere als hinderlich aus.[17] Laut Familienüberlieferung verließ die Familie Topolnicki Bolechów im Sommer/Herbst 1943 in Richtung Niederösterreich bzw. Südmähren. Grund dafür soll die Angst vor der immer weiter vorrückenden Roten Armee gewesen sein.[18] Aus den im Nachlass überlieferten Dokumenten ergibt sich über im Hinblick auf den genauen Zeitraum, die Gründe sowie auch die Frage, ob alle drei Familienangehörigen Bolechów gemeinsam und mit demselben Ziel verließen, allerdings ein uneinheitliches Bild. Laut einer handgeschriebenen Notiz fand die Abreise aus Krakau am 17. September 1943 statt und die Ankunft im niederösterreichischen Retz drei Tage später. Im südmährischen Lundenburg, etwa 100 Kilometer östlich von Retz gelegen, soll Topolnicki jedoch erst im September 1944 angekommen sein.[19] Dagegen ist in seinem im Dezember 1945 in Wildflecken-Durzyn ausgestellten Personalausweis vermerkt, er sei am 16. Juli 1943 nach Lundenburg in Deutschland deportiert worden („Civilian deported to Germany“).[20] Im ebenfalls von der Stadtverwaltung in Wildflecken-Durzyn ausgestellten Personalausweis von Irma Topolnicka ist wiederum ihre Deportation nach Lundenburg am 15. August 1944 festgehalten worden.[21] Die Vordrucke dieser Personalausweise boten insgesamt fünf Möglichkeiten für die Angabe der Begründung des Aufenthaltes in Deutschland: 1. Politischer Häftling, 2. Häftling, 3. Häftling in einem Konzentrationslager, 4. Kriegsgefangener und eben 5. Als Zivilperson nach Deutschland deportiert, womit u.a. eine Zwangsarbeit verbunden sein konnte. Diese Angaben waren nicht unbedeutend, denn von ihnen hing der Status einer Displaced Person ab und damit u.a. die Möglichkeit des Aufenthaltes in einem DP-Lager sowie die spätere Möglichkeit der Emigration, beispielsweise in die Vereinigten Staaten. Die familiäre Überlieferung und die Tatsache, dass Aureli Topolnicki noch im September 1941 vonseiten einer Behörde der deutschen Besatzungsmacht in der Westukraine zum Schulleiter eingesetzt worden war lassen eine Deportation der Familie zum Zwecke der Zwangsarbeit (ob nun 1943 oder 1944) als unwahrscheinlich erscheinen. Überdies belegen Bescheinigungen über geleistete Gehaltsvorschüsse der Firma „Alois Gasser Kom. Ges. Eisengroßhandlung und Schlosserwarenwerkzeug“ in Retz/Niederdonau von September und Oktober 1944, dass sich Topolnicki tatsächlich in Retz aufhielt und dort einer bezahlten Arbeit nachging und nicht,[22] wie im oben genannten Ausweisdokument festgehalten, bereits 1943 nach Lundenburg ausreiste oder gar deportiert worden war. Zudem ließ sich Aureli Topolnicki im September 1944 in Wien sein Volksschullehrerdiplom, seine Ernennung zum Lehrer und sein Zeugnis über die praktische Lehrtätigkeit ins Deutsche übersetzen,[23] was ebenfalls nicht davon zeugt, dass er im Alltag in Niederösterreich irgendwelchen Einschränkungen ausgesetzt war. Ganz im Gegenteil, offensichtlich hoffte er auf eine Einstellung in seinem erlernten Beruf.

 

[15] Volksschulzeugnis aus der 5. Klasse der Volksschule in Wildflecken von Otto Topolnicki, ausgestellt am 30.4.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 058].

[16] Meldekarte von Aureli Topolnicki vom Arbeitsamt in Drohobycz mit Berufsbezeichnung, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 125].

[17] Aufforderung des Kreishauptmanns in Kalusch an Topolnicki, seinen Dienst als Schulleiter der polnischen Volksschule in Bolechów anzutreten, 30. September 1941, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 074].

[18] Telefoninterview mit Barbara Karbarz vom 18.03.2017.

[19] Handschriftliche Notiz mit Topolnickis Aufenthaltsorten und -daten zwischen 1933 und 1947, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 045].

[20] Personalausweis von Aureli Topolnicki, ausgestellt am 22.12.1945 von der Städtischen Verwaltung in Wildflecken-Durzyn, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 127].

[21] Personalausweis von Irma Topolnicka, ausgestellt am 28.12.1945 von der Städtischen Verwaltung in Wildflecken-Durzyn, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 131].

[22] Bescheinigungen über geleistete Gehaltsvorschüsse an Aureli Topolnicki von der Fa. „Alois Gasser Kom. Ges. Eisengroßhandlung und Schlosserwarenwerkzeug“ in Retz von September und Oktober 1944, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 042].

[23] Beglaubigte Übersetzung des Volksschullehrerdiploms von Aureli Topolnicki vom 5.9.1944, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 097]; beglaubigte Übersetzung der Ernennung von Aureli Topolnicki zum Lehrer vom 5.9.1944, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 098]; beglaubigte Übersetzung des Zeugnisses über die Prüfung der praktischen Lehrtätigkeit von Aureli Topolnicki vom 5.9.1944, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 099].

Am 4. April 1945 begab sich Aureli Topolnicki – vermutlich mit seiner Frau Irma und seinem Sohn Otto – in das Sudentenland nach Fleißen, wo seine Ehefrau – wie bereits angemerkt – 1915 getauft worden war und vermutlich Verwandte hatte. Die Familie blieb dort bis Ende Juli 1945, als die „wilden“ Vertreibungen der Sudetendeutschen bereits in vollem Gange waren.[24] Danach reiste sie über Pilsen, Nürnberg und Bamberg nach Eichstätt, wo sie am 30. Juli ankam.[25] Unmittelbar nach der Ankunft wurde Aureli Topolnicki Leiter der Schule im DP-Lager im bayerischen Eichstätt.[26] Bereits am 16. August verließ die Familie Topolnicki das Lager aber wieder.[27] Ziel ihrer erneuten Reise war Wildflecken in Nordbayern, wo auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes (Rhön-Kaserne) eines der größten DP-Lager sowohl in der amerikanischen Besatzungszone, als auch in ganz Deutschland eingerichtet worden war – vornehmlich für Polen. Schon zwei Tage nach der Ankunft wurde Topolnicki Lehrer an der Volksschule in Wildflecken-Durzyn.[28] Diese war bereits am 4. Juli 1945 mit anfangs vier Klassen und etwa 200 Schülern eingerichtet worden. Sehr zügig stieg die Zahl der Klassen auf über 20 und die Zahl der Schüler auf etwa 800 an. Daran änderte auch die Fluktuation der Schüler- und Lehrerschaft zunächst nichts, die einerseits aufgrund der Repatriierungen nach Polen, andererseits wegen der Schließung kleinerer DP-Lager und der Überführung der Bewohner in größere Lager – wie das in Wildflecken – immens hoch war, wenngleich die Schüler- und Lehrerzahl ab 1947 allmählich, aber stetig kleiner wurde.[29] Am 5. März 1947 wurde Topolnicki vom Zentralkomitee für Schul- und Bildungsangelegenheiten des Polnischen Verbandes in Deutschland, mit Sitz in München, zum Leiter des polnischen Schulkreises Wildflecken-Durzyn ernannt.[30] Nur wenige Wochen später übernahm er zudem die Verantwortung für das weiterführende Schul- und Bildungswesen im genannten Schulkreis. Die Ausübung dieser Funktionen wurde von seiner Ausreise nach Belgien am 16. Juni 1947 unterbrochen.[31] Dieser bereits zweite Versuch der Emigration – schon im Juni 1946 hatte Topolnicki in den Niederlanden gearbeitet[32] – endete nach nur wenigen Wochen mit seiner Rückkehr im August 1947 nach Wildflecken,[33] wo er ab dem 29. August erneut als Volksschullehrer angestellt war.[34] Wahrscheinlich übernahm Topolnicki zu Beginn der zweiten Jahreshälfte 1949 auch die Schulleitung der Volksschule.[35]

 

[24] Handschriftliche Notiz mit Daten und Aufenthaltsorten, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 043].

[25] Handschriftliche Notiz mit Reiseroute und Daten von Juli 1945, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 044].

[26] Bescheinigung über die Zuteilung von Lebensmitteln außerhalb der Reihe, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 007].

[27] Handschriftliche Notiz mit Daten und Aufenthaltsorten, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 043].

[28] Englischsprachige Arbeitsbescheinigung für A. Topolnicki über seine Tätigkeit als Lehrer an der Grund- und Weiterführenden Schule in Durzyn (Wildflecken) seit dem 18.8.1945, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 009].

[29] Bericht über die Entstehung und Entwicklung des kulturellen, schulischen und organisatorischen Lebens der polnischen DPs in Durzyn (Wildflecken), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 069]; mit dem einsetzenden Kalten Krieg und der Tatsache, dass mehrere Hunderttausend DPs von den Alliierten nunmehr als nicht repatriierbar eingestuft worden waren, setzte nach und nach die Emigration vornehmlich nach Übersee ein.

[30] Ernennungsschreiben des Zentralkomitees für Schul- und Bildungsangelegenheiten in der amerikanischen Besatzungszone – Topolnicki wird Leiter des Schulkreises Durzyn (Wildflecken), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 073].

[31] Englischsprachige Arbeitsbescheinigung für A. Topolnicki über seine Tätigkeit als Lehrer an der Grund- und Weiterführenden Schule in Durzyn (Wildflecken) seit dem 18.8.1945, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 009].

[32] Niederländische Krankenkassenkarte, ausgestellt für Topolnicki am 18.6.1946, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 107].

[33] Dienstlicher Befehl über den Transport von acht polnischen DPs nach Wildflecken am 7.8.1947, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 016].

[34] Bescheinigung für Aureli Topolnicki über seine Tätigkeit als Volksschullehrer im DP-Lager Wildflecken vom 29.8.1947 bis 30.4.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 012].

[35] Ein Zeugnis von Mai 1949 hat noch ein anderer Schulleiter unterschrieben, siehe: Volksschulzeugnis aus der 4. Klasse von Otto Topolnicki vom 21.5.1949, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 060]; ein anderes Schriftstück vom 25.7.1949 ist aber bereits an Topolnicki als Schulleiter adressiert, siehe: Antwort des „Directors of Education for US & French Zone“ auf ein vorausgegangenes Schreiben von A. Topolnicki (in seiner Funktion als Schulleiter), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 070].

Zum Jahresende 1949 erhielt er in seiner Funktion als Schulleiter ein Schreiben von der International Refugee Organization (IRO)[36] über die für Ende Januar vorgesehene Schließung der Schule im Zusammenhang mit der Auflösung des DP-Lagers Wildflecken-Durzyn.[37] Zwar gelang es in Folge von Protesten, die Schließung der Schule hinauszuzögern, jedoch nur bis Ende des Schuljahres im April 1950.[38]

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Schulleiter gestaltete Topolnicki auch aktiv andere Bereiche des Lagerlebens – als leidenschaftlicher Musiker beispielsweise als Musiklehrer.[39] Zudem engagierte er sich in zahlreichen polnischen Organisationen und Verbänden in Deutschland: Er war Mitglied des Polnischen Verbandes in der US-Zone Deutschlands und zugleich Vorsitzender des polnischen Komitees dieses Verbandes in Wildflecken,[40] Mitglied des Verbandes der Polnischen Lehrer im Exil[41] sowie der Zentrale für Polnisches Schulwesen in Deutschland.[42] Überdies waren beide Eheleute Mitglieder des Polnischen Nationalfonds.[43]

Topolnickis Frau Irma ging während der Zeit im DP-Lager Wildflecken-Durzyn mehreren Tätigkeiten nach. Im Dezember 1945 übernahm sie die Verwaltung des Kasinos,[44] zwischen Januar 1946 und September 1947 war sie Blockwärterin,[45] von Juni bis Oktober 1949 als Schreib- und Bürokraft bei der Registrierungsstelle der IRO in Wildflecken eingestellt und zwischen November 1949 und April 1950 als Volksschullehrerin tätig.[46] In diesem Zusammenhang wurden gegen Schulleiter Aureli Topolnickii Vorwürfe der Vetternwirtschaft  vonseiten der Lehrerschaft laut, die sich aber nicht überprüfen ließen.[47] Zwischen Januar und Juni 1947 belegte Irma Topolnicka überdies einen Schneiderkurs an der Berufsschule für Frauen in Wildflecken-Durzyn.[48] Sohn Otto besuchte zwischen 1945 und 1950 die Volksschule des Ortes.[49] Bis zu diesem Zeitpunkt war es der Familie Topolnicki nicht gelungen, zu emigrieren. Nach den misslungenen Versuchen der Auswanderung in die Niederlande und nach Belgien bildete eine Ausreise in die Vereinigten Staaten inzwischen das erklärte Ziel. Topolnicki schien sich darüber im Klaren zu sein, dass er als Lehrer ohne ausreichende Englischkenntnisse keine reale Möglichkeit haben würde, in den USA in seinem erlernten Beruf zu arbeiten, zumal er bereits jenseits der 40 war. Da sein Interesse auch dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich galt,[50] belegte er Berufskurse im Bereich Elektrik.[51] Aber auch darüber hinaus bemühten sich die Topolnickis, den Einwanderungsbehörden der USA weitere Argumente zu liefern, um die Emigration, die sich immer weiter hinauszog, zu forcieren. So ließ sich Aureli Topolnicki im März 1950 vom Seelsorger der polnischen Gemeinde in Wildflecken-Durzyn, Pfarrer Marian Świtka, eine Sittlichkeitsbescheinigung ausstellen, in der er als „guter Pole und Katholik“ sowie als „arbeitsam und vorbildhaft“ bezeichnet wurde.[52] Irma besaß eine solche in englischer und polnischer Sprache ausgestellte Sittlichkeitsbescheinigung bereits seit zweieinhalb Jahren.[53] Überdies stellte die IRO Topolnicki einen Bericht über die Fähigkeits- und Leistungsbewertung für einheimisches Personal – worunter er als Lehrer geführt wurde – als  Ausdruck zur Verfügung, in dem Faktoren wie körperliche Eignung, Kenntnisse und Fähigkeiten, Initiative, Leistung, Zuverlässigkeit etc. bewertet wurden.[54]

 

[36] Die International Refugee Organization wurde 1946 gegründet und übernahm 1947 als Nachfolgeorganisation der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) u. a. die Verwaltung der DP-Lager und die Betreuung der Displaced Persons auf deutschem Territorium. Damit ging jedoch auch eine stetige Verminderung des finanziellen Rahmens für die Arbeit der IRO einher, was sich auch im DP-Schulwesen widerspiegelte. Die IRO stellte 1952 ihre Arbeit ein, nachdem das Gros der DPs entweder repatriiert war oder in der Emigration eine neue Heimat fand.

[37] Schreiben des IRO Welfare Officers an Schulleiter A. Topolnicki über die Schließung der Volksschule in Durzyn (Wildflecken) aufgrund der Schließung des Lagers vom 30.12.1949, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 066]; bereits ab Sommer 1949 wurde das DP-Lager Wildflecken-Durzyn als Durchgangslager für DPs verschiedener Nationalitäten sowie als Arbeitsstätte für die im Lager beschäftigten DPs genutzt. Damit ging auch die Auflösung der polnischen Selbstverwaltung des Lagers einher, siehe: An die polnische Bevölkerung in Durzyn – Abschiedsschreiben des polnischen DP-Lagerleiters, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 107].

[38] Schreiben des IRO Welfare Officers vom 03.03.1950 an Schulleiter A. Topolnicki über die Wiedereinstellung der Lehrer der Volksschule in Durzyn (Wildflecken) zum 1.2.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 067]: Bescheinigung für Aureli Topolnicki vom 14.07.1950 über seine Tätigkeit als Volksschullehrer im DP-Lager Wildflecken vom 29.8.1947 bis 30.4.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 012].

[39] Telefoninterview mit Barbara Karbarz vom 18.03.2017.

[40] Mitgliedsausweis von A. Topolnicki des Polnischen Verbandes (Polnische Union) in der US-Zone Deutschlands vom 1.5.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 110].

[41] Topolnickis Mitgliedsausweis  des Verbandes der Polnischen Lehrer im Exil in Deutschland mit Lichtbild vom 15.5.1947, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 112].

[42] Ausweis Topolnickis über seine Mitgliedschaft bei der Zentrale für Polnisches Schulwesen in Deutschland, gültig bis zum 31.07.1946, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 126].

[43] Der Nationalfonds wurde auf Grundlage eines Dekrets des Präsidenten vom 14.11.1949 eingerichtet – mit dem Ziel, finanzielle Mittel zu generieren, um die Unabhängigkeit Polens zu stärken und die nationale Kultur und Bildung der Polen im Exil zu fördern. Ausweise von Aureli und Irma Topolnicki über ihre Mitgliedschaft im Polnischen Nationalfonds, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 122 und 132].

[44] Bescheinigung über die Ernennung von Frau (sic!) Aurelia Topolnicka zur Kasinoverwalterin (gemeint war offenbar Irma Topolnicka) vom 05.12.1945, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 088].

[45] Bescheinigung über die Beschäftigung bei der Verwaltungsabteilung als Blockwärterin vom 1.1.1945 (1946) bis 14.9.1947, ausgestellt für Irma Topolnicka, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 080].

[46] Bescheinigung über die Beschäftigung von Irma Topolnicki als Bürokraft bei der Registrierungsstelle des IRO US Zone Staging Centers Wildflecken (1.6.49-31.10.49) und als Volksschullehrerin (1.11.49-30.4.50), [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 079].

[47] Schreiben der Lehrerschaft (Durzyn-Wildflecken) mit dem Vorwurf der Vetternwirtschaft und der schlechten Führung der Volksschule gegen Aureli Topolnicki, o.D. [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 083].

[48] Zeugnis über einen sechsmonatigen Schneiderkurs, vom 1.1.1947 bis 30.6.1947 von Irma Topolnicka an der Berufsschule für Frauen in Durzyn-Wildflecken, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 078].

[49] Volksschulzeugnisse von Otto Topolnicki von der 1. bis zur 5. Klasse der Volksschule in Wildflecken-Durzyn, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 058–062 ].

[50] Neben den bereits genannten Fächern hatte er seine Stärken nachweislich auch in Physik, Chemie und Zeichnen, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 097]; während seines Aufenthaltes im DP-Lager besaß er als einer der wenigen DPs einen Radioempfänger und eine Fotokamera, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 020, 028, 032, 037].

[51] Bescheinigung der Vorbereitungskommission der IRO über eine mit einem Test abgeschlossene berufsbildende Maßnahme und die Einordnung von Aureli  Topolnicki als „Elektriker 2. Ranges/Klasse“ vom 13.05.1948, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 003].

[52] Sittlichkeitsbescheinigung für Aureli Topolnicki vom 05.03.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 105; englischsprachige Version Nr. 019].

[53] Sittlichkeitsbescheinigung für Irma Topolnicka vom 6.10.1947, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 096].

[54] Bericht der Fähigkeits- und Leistungsbewertung für einheimisches Personal über die Person Aureli Topolnicki vom 30.03.1949, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 013].

 

Wenngleich nicht zu klären ist, wann Aureli Topolnicki den Emigrationsantrag für sich und seine Familie in die USA stellte,[55] scheint sich die erwartete positive Antwort trotz aller Mühen erheblich verzögert zu haben. Im Februar 1950 gab Topolnicki auf einem Personalblatt des Resettlement Center in Schweinfurt (Auswanderungszentrale) als „Sponsor“[56] und Reiseziel eine Karolina Talaga, offenbar eine Vertreterin des Amerikanischen Komitees für die Ansiedlung polnischer DPs, an.[57] Am 24. März 1950 erhielt er vom besagten Komitee die Nachricht,[58] dass die Bürgschaft bestätigt sei und die Information darüber an den Repräsentanten des Komitees in Deutschland weitergeleitet worden war.[59] Am 19. Mai 1950 wurde Topolnicki von der Displaced Persons Commission in Frankfurt darüber informiert, dass er alle Voraussetzungen erfüllte und somit in den nächsten Monaten mit seiner Familie in die USA einreisen könne. Darüber sollte er seinen „Sponsor“ informieren, damit dieser das Nötige in die Wege leitete. Interessanterweise wurde in diesem Dokument nun ein William E. McGuirk aus East Islip im Bundesstaat New York als Bürge genannt.[60] Einige Wochen später wandten sich Ludwika und Elwira Saling, Verwandte von Topolnickis Frau Irma, die bereits in die USA ausgewandert waren, an den Kongress der Amerikanischen Polonia mit der Bitte um Intervention in der Sache der Auswanderung von Aureli, Irma und Otto Topolnicki, die sich weiter verzögerte. Ende August 1950 übersandte diese Organisation Formulare an Aureli Topolnicki mit der Bitte um Ausfüllung und Rücksendung, damit sie tätig werden konnte.[61] Mitte November 1950 erhielt Topolnicki vom amerikanischen Generalkonsulat in München die Anweisung zur Registrierung,[62] nachdem er noch drei Wochen zuvor aufgrund fehlender Bürgschaftsunterlagen von Schweinfurt nach Wildflecken zurückgeschickt worden war.[63] Anfang Februar befand sich die Familie schließlich im Auswanderungszentrum in Schweinfurt, wo Aureli und Irma gegen Pocken geimpft wurden[64] und an einem Orientierungsprogramm teilnahmen.[65] Vom nur kurzen Aufenthalt in Schweinfurt zeugt die Tatsache, dass Aureli Topolnicki lediglich fünf Stunden Englischunterricht und einen Vorbereitungsfilm besuchte.[66] Am 13. März 1951 begann für Familie Topolnicki das neue Leben – mit dem in Bremerhaven ausgelaufenen Transportschiff „Gen. Muir“ kamen sie im Hafen von New York an.[67]

Aureli Topolnicki zögerte nicht, sich um Arbeit zu bemühen. In den 1950er Jahren war er bei verschiedenen Arbeitsstellen tätig[68] und absolvierte 1953/1954 einen Berufskurs in Technischem Zeichnen am Laski Institute of Technology in Chicago.[69] Sohn Otto wurde im Jahr 1958 im Alter von 20 Jahren eingebürgert, zwei Jahre später leistete er in einer Luftwaffenbasis in New York seinen Wehrdienst ab.[70] Im Jahr seiner Einbürgerung war er bereits verheiratet und im Dezember des Jahres kam sein erstes Kind Adam Aurelius zur Welt. Es folgten die Töchter Evelyn 1961 und Teresa 1962.[71] Aureli und Irma Topolnicki arbeiteten hart und gelangten zu gewissem Wohlstand. Zweimal besuchten Aureli Topolnicki und seine Frau Polen, ihre verloren gegangenen Heimatgebiete sahen sie allerdings nie mehr wieder. Die letzten Lebensjahre verbrachte das Ehepaar in San Diego/Kalifornien, wo es ein kleines Altenheim führte. Aureli Topolnicki verstarb 1988, Irma zwei Jahre später. Beide wurden in einem Mausoleum in San Diego bestattet, ebenso wie auch ihr Sohn Otto, der am 7. Mai 2014 verstarb.[72]

 

Dawid Skrabania

 

[55] Emigrationsantrag in die USA von A. Topolnicki und seiner Familie mit zusätzlichen Angaben, ohne Ort und Datum, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 087].

[56] Die einwandernden Personen mussten als Zusicherung zwingend einen Bürgen („Sponsor“) benennen, ohne den die Einreise in die USA nicht möglich war.

[57] Personalblatt des Antragstellers A. Topolnicki mit Frau Irma und Sohn Otto beim Resettlement Center der IRO in Schweinfurt vom 08.02.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 026].

[58] The American Committee for the Resettlement of Polish DPs (ACRPDP) war eine Organisation, die polnischen Displaced Persons bei der Einwanderung in die USA maßgeblich half und sie vor amerikanischen Behörden in Deutschland und in den USA vertrat, siehe: Jaroszyńska-Kirchmann, Anna: The Exile Mission. The Polish Political Diaspora and Polish Americans 1939–1956, Athens/Ohia 2009, S. 117-118.

[59] Information über die Bestätigung der Bürgschaft für Topolnicki und seine Familie vonseiten der Displaced Persons Commission in Washington vom 24.03.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 091].

[60] Information an A. Topolnicki über die Erfüllung der Bedingungen für die Einreise in die USA vom 19.05.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 038].

[61] Anfrage des Kongresses der Amerikanischen Polonia über die Verzögerung der Ausreise der Fam. Topolnicki und Bitte um Ausfüllung der Emigrationsformulare vom 24.08.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 085].

[62] Anweisung des Generalkonsulats der USA zur Registrierung an A. Topolnicki  vom 14.11.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 048].

[63] Statusformular über den Stand des Auswanderungsvorhabens von Aureli Topolnicki und seiner Familie in die USA vom 24.10.1950, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokument Nr. 095].

[64] Internationale Impfbücher von Aureli und Irma Topolnicki vom 7.2.1951, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 111 und 130].

[65] Anwesenheitskarte von A. Topolnicki zum Nachweis der Teilnahme an Orientierungsprogrammen, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 111].

[66] Ebenda.

[67] Namentliche Aufstellung polnischer Emigranten, die mit dem Transportschiff „Gen. Muir“ aus Deutschland in New York angekommen sind, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 056]; Anforderungsschreiben von Pfarrer O`Neill aus NY mit Formblatt und Antwortschreiben des „Immigration and Naturalization Service“, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 072].

[68] Stellenanzeige aus der „Tribune“ vom 29.7.1951, Chicago, Illinois – gekennzeichnet: „Draftsman“ [Technischer Zeichner] sowie handschriftliche Einträge über Beschäftigungszeiten, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 049]; Zettel mit Name und Adresse der Firma Hoffman Semiconductor Division aus Evanston, Illinois, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 055].

[69] Bescheinigung über das erfolgreiche Absolvieren eines Vorbereitungskurses im Technischen Zeichnen vom 27.2.1954, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 004].

[70] Anforderungsschreiben von Pfarrer O`Neill aus NY mit Formblatt und Antwortschreiben des „Immigration and Naturalization Service“, [Nachlass Aureli Topolnicki, Dokumente Nr. 072]; wann Aureli und Irma Topolnicki eingebürgert wurden, geht aus den Dokumenten nicht hervor.

[71] Familienstammbaum der Familie von Otto Aurelius Topolnicki.

[72] Telefoninterview mit Barbara Karbarz vom 18.03.2017.

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