Polnische Überlieferungen in katholischen Kirchen des Ruhrgebiets
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Kirchen als Zeugen von Ruhrgebietsgeschichte
Das „Ruhrgebiet“ ist ein weiträumiges westdeutsches Montanrevier zwischen Ruhr und Lippe im Zentrum von Nordrhein-Westfalen. Es entstand erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als dort die Industrialisierung von Steinkohlenförderung und Stahlerzeugung eine vormals ländliche Region innerhalb weniger Jahrzehnte in eine gigantische Stadtlandschaft verwandelte. Als Landmarken dominierten fortan Fördergerüste und Hochöfen in Konkurrenz zu den traditionellen Kirchtürmen. [ . ]
Unter den massenhaft zugewanderten Arbeiterfamilien machten Personen mit polnischer Muttersprache die größte nationale Bevölkerungsgruppe aus. Vor dem Ersten Weltkrieg leben mehr als 300.000 Pol:innen katholischer Konfession im Ruhrgebiet, die gebürtig vor allem aus den preußischen Provinzen Posen, Schlesien und Westpreußen stammten. Dazu kamen noch ca. 150.000 protestantische Masuren aus der Provinz Ostpreußen. Zu ihrer Unterbringung errichteten die Konzerne zahlreiche Werkssiedlungen, sogenannte „Kolonien“. [ . ] Im Umfeld der Zechen und Hüttenwerke expandierten Ortskerne mit weiteren Wohnhäusern, Verwaltungsgebäuden, Geschäften und Gaststätten, Schulen und Kirchen. [ ., ., . ]
Die Gotteshäuser des Industriereviers spiegeln Ruhrgebietsgeschichte vielfältig wider. So erforderte der enorme Zustrom von Gläubigen in manchen Revier-Dörfern die bauliche Erweiterung der kleinen Kirche, die noch aus dem Mittelalter stammte. In Dortmund-Kirchlinde wurde der alte Glockenturm abgebrochen und durch einen monumentalen Kirchturm ersetzt, an den man an der anderen Seite ein ausladendes neugotisches Kirchenschiff anschloss. [ ., . ] Bei zahlreichen Neubauten waren Ziegelsteine der maßgebliche Baustoff. [ ., . ] Häufig stammten sie aus Zechen-Ziegeleien und waren aus dem Mergelton gebrannt, der zusammen mit der Steinkohle als Abfallprodukt zutage gefördert werden musste. In protestantischen Sakralbauten fallen gelegentlich Stahlsäulen auf, die der Gemeinde vermutlich vom benachbarten Hüttenwerk gestiftet worden waren. [ ., . ]
Der Katholizismus bevorzugte zunächst ausgedehnte Kirchenräume, die neben dem zentralen Langhaus für den Hauptgottesdienst auch abgeschiedene Bereiche für private Frömmigkeit und Heiligen-Verehrung enthielten. Im frühen 20. Jahrhundert fällt allerdings auf, dass die Innenräume immer übersichtlicher gestaltet wurden. Jetzt nahm das breite, hohe Mittelschiff sämtliche Bänke auf, die beiden Seitenschiffe wurden auf die Funktion von schmalen Seitengängen reduziert. [ ., . ] Dieses Raumverständnis kann – so der Gladbecker Seelsorger Johannes van Acken in seiner „christozentrischen“ Architekturtheorie – als Reaktion auf eine dramatische Situation im Ruhrgebiet verstanden werden, wo sich der Pfarrklerus um 1900 von einem dissonanten Bevölkerungsprofil herausgefordert sah: „Größere Massen einer rasch zusammengeströmten Bevölkerung, oft verschiedener Nationalität, zuweilen mit geringer religiöser Vorbildung, sollen, losgelöst von heimatlichen religiösen Gewohnheiten, lernen, sich im Gotteshause als Mitglieder einer Gemeinde und Kinder eines Vaters heimisch zu fühlen. Schon die Wichtigkeit dieses lebendigen Gemeinde- und Heimatgefühles für das religiöse Leben im neuen Bezirk weist auf den Zusammenschluss der Gemeinde in einem mehr einheitlichen Kirchenraume hin“. Am Beispiel der Heilig-Kreuz-Kirche in Gladbeck-Butendorf erläuterte van Acken, dass dieses Raumideal beim gemeinsam gefeierten Gottesdienst helfen solle, nationalistischen Spannungen unter den Gläubigen zu mildern: Ausdrücklich erfolge die „Ausweitung des mittleren Kirchenraumes“ mit der Wirkungsabsicht, „dass der Altar das Zentrum der Aufmerksamkeit, der Augen- und Herzpunkt möglichst für alle sei.“ [ ., ., Zitate: van Acken, S. 8f.]