IZAIZA. Kreativität zwischen Grafik-Design und Kunst
Zawadzkie ist ein ländlicher Flecken im Powiat Strzelecki (ehem. Kreis Groß Strehlitz), der von 1936 bis 1945 Andreashütte hieß und nach der Teilung Oberschlesiens bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs am äußersten Rande des Deutschen Reiches lag. Der Ort zählt heute keine 10.000 Einwohner, spielte aber in der Blütezeit des oberschlesischen Eisenhüttenwesens im 19. Jahrhundert eine Rolle als Industriestandort. Auch noch im 20. Jahrhundert wurde in Zawadzkie ein Stahlwerk betrieben. Izabela Krzysciks Oma mütterlicherseits arbeitete dort als Kranführerin, die Mutter selbst als technische Zeichnerin. Zu Hause sprach die Familie oft Deutsch, zum Beispiel, wenn Izabela und ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester etwas nicht verstehen sollten. Ja, die Oma war 1929 hier geboren und betrachtete sich als Deutsche. Als Zawadzkie wie das übrige Schlesien 1945 gemäß den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz Polen zugeteilt wurde, wäre die Urgroßmutter gerne nach Deutschland ausgewandert. Aber als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern wagte sie den Umzug nicht und blieb in der Gegend, die nun polnisch war. Izabela Krzysciks Großeltern mütterlicherseits blieben zwar ebenfalls als Erwachsene in Polen, identifizierten sich aber keinesfalls mit dem durch sowjetischen Einfluss etablierten Sozialismus. Der Opa äußerte sich so kritisch, dass er als politischer Gefangener zu zehn Jahren in der berüchtigten Haftanstalt Wronki verurteilt wurde. Zwar wurde ernach acht Jahren begnadigt, eine Ausreise war für die Familie Krzyscik nun aber erst recht verboten.
Am 22.12.1987 verließ Izabela als gerade Zwölfjährige mit Mutter und Schwester dann aber doch das Land und brach nach Hamburg auf. Der Vater war bereits ein Jahr früher dorthin aufgebrochen, angeblich zu einem zweiwöchigen Besuch, von dem er aber wie geplant und abgesprochen nicht zurückkehrte. Nun sollte der Rest der Familie endlich nachkommen. Für die Ausreise nutzten Frau Krzyscik und ihre zwölf und zehn Jahre alten Töchter ein kleines privates Logistikunternehmens, das üblicherweise Pakete auslieferte, manchmal aber auch im PKW Passagiere über die Landesgrenzen brachte. Viel Gepäck passte dort nicht hinein, deshalb ließ die Mutter Holzkisten anfertigen, die sie gut gefüllt mit weiteren Habseligkeiten per Bahn nach Hamburg bringen ließ. Izabela erinnert sich noch gut an die Grenze zur DDR: „Alles wirkte grau, trist, gruselig. Sie hatten da Schäferhunde und Männer in Uniform, die unser Auto durchsuchten.“ Den Neubeginn in Deutschland beschreibt Izabela Krzyscik deutlich positiver: „Ich hatte mir zurechtfantasiert, dass in Deutschland an den Bäumen Süßigkeiten wachsen. Das war zwar nicht so, aber mir gefiel es in Hamburg von Anfang an gut. Es gab einfach viele gute Sachen.“ Sie erzählt auch, dass sie als Kind den Geruch von Shampoos und Waschpulver liebte, die ihre Tante aus Deutschland mitbrachte, eben jene Tante, bei der der Vater erstmal untergekommen war. Als Izabela mit Mutter und Schwester in Hamburg ankam, konnte der Vater sie bereits in einer eigenen Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Bahrenfeld empfangen.
Izabelas Mutter fand schnell eine Anstellung in der Verwaltung des Krankenhauses Altona, später arbeitete sie bis zu Rente bei der städtischen Polizei. Es half sicher sehr, dass sie bereits gut Deutsch sprach. Izabela lernte die zumindest vom Hören her vertraute Sprache schnell: „Ich war sechs Monate in so einer integrativen Klasse“, sagt sie. „Und es war für mich als polnisches Landei sehr aufregend, weil ich plötzlich mit Kindern aus allen möglichen Ländern zusammenlernte: mit Türkinnen, Indonesiern, Afghanen.“ Auch wenn Izabela Krzyscik ihre Kindheit in Zawadzkie keineswegs als unglücklich beschreibt: Heimweh hatte sie nicht. „Vermutlich war es das Alter“, sagt sie. „Und all die neuen Eindrücke und Möglichkeiten. Ich habe einfach nicht zurückgeschaut.“ Die Schule fiel ihr nicht schwer. Sie hätte durchaus Abitur machen können. Aber die Idee, schon mit 16 Jahren in einer Ausbildung eigenes Geld zu verdienen, fand sie verlockender. Auch weil sie möglichst bald unabhängig sein wollte und sich schon auf eine eigene Wohnung freute. Die Eltern unterstützten dieses Vorhaben: Warum Abitur machen und studieren, wenn man es auf kürzerem und sicherem Weg in Deutschland zu etwas bringen kann? Weil Izabela Krzyscik an der Schule in Chemie, Mathe und Physik gut gewesen war, bewarb sie sich für eine Ausbildung zur Chemikantin bei Beiersdorf. Der weltweit agierende Konsumgüter-Konzern mit Hauptsitz in Hamburg hatte einen guten Ruf. Izabela Krzyscik schloss die Ausbildung ab, bekam eine Festanstellung und – fand die Arbeit in der Nivea-Produktion bald langweilig. Auch hatte sie nicht das Gefühl, dass sie in den Betrieb passte. Während ihre meist älteren Kollegen von Haus und Auto, bezahltem Urlaub und Familiengründung träumten, konnte Izabela mit all diesen Zielen damals wenig anfangen. „Ich habe mich im Team wie ein Alien gefühlt“, sagt sie. „Nicht nur, weil ich die einzige Frau war, sondern auch verglichen mit den anderen ein Paradiesvogel.“