(Spät-)Aussiedler aus Polen im Übergangswohnheim in Herne-Eickel
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Das Ziel des Projekts war es, verschiedene Ansichten des Ruhrgebiets durch 10 beteiligte Fotografen (ich war die einzige Fotografin) entstehen zu lassen. Wir hatten ein Jahr Zeit an dem Thema zu arbeiten. Das Projekt wurde gefördert durch Stipendien der Kulturstiftung Ruhr. Die zeitgenössische Darstellung des Ruhrgebiets sollte das langfristige Vorhaben, ein Foto- und Filmarchiv zur Geschichte des Ruhrgebiets zu schaffen, unterstützen. Das Ergebnis des gesamten Projektes wurde zuerst im Museum Folkwang ausgestellt und später noch an weiteren Ausstellungsorten gezeigt. Die Fotografien wurden ein Teil der Fotografischen Sammlung im Ruhr Museum. Ich habe in jener Zeit meine Liebe zur Langzeitdokumentation entdeckt und das Thema kulturelle Vielfalt im Ruhrgebiet begleitet meine fotografische Arbeit bis heute.
1985 habe ich mit meiner analogen Leica M6 auf schwarz-weißem Filmmaterial die verschiedensten „Nationalitäten“ fotografiert. Eine Gruppe waren (Spät-)Aussiedler aus Polen,[1] die Mitte der 1980er Jahre hauptsächlich aus Oberschlesien nach Wanne-Eickel gekommen waren. Oberschlesien war historisch und kulturell über Jahrhunderte hinweg eine Region mit starker deutscher Prägung, die jedoch in einer komplexen Mischung mit polnischen und tschechischen Einflüssen eine eigene oberschlesische Identität ausgebildet hatte. Allein in den Jahren 1980–85 kamen von den insgesamt 167.000 Aussiedlern aus Polen in die BRD drei Viertel aus oberschlesischen Gebieten.[2]
Die (Spät-)Aussiedler wurden vom Deutschen Roten Kreuz in Wanne-Eickel begleitet. Das DRK versuchte viel, ihnen in der neuen, fremden, deutschen Heimat die Anfangszeit zu erleichtern. Die aus Polen gekommenen Menschen sprachen zwar meistens bereits deutsch, aber trotzdem war es wichtig, die deutsche Sprache in den Kursen beim Roten Kreuz zu intensivieren. Es gab Freizeitangebote, es wurde Karneval gefeiert, das DRK half bei der Wohnungssuche oder auch bei der Familienzusammenführung, denn oft waren die Männer oder auch die Frauen zuerst ohne Ehepartner:in gekommen. Die (Spät-)Aussiedler waren in einem städtischen Wohnhaus aus den 1950er Jahren im Herner Stadtteil Eickel untergebracht. Vorher wurde das Haus von geflüchteten Vietnamesen, später von anderen Flüchtlingen bewohnt. Jede Person hatte dort ein eigenes Zimmer. Badezimmer und Küche gab es für die Gemeinschaft auf jeder Etage.
Ich habe die Bewohner:innen dort regelmäßig über einen längeren Zeitraum besucht. So sind Fotografien vom Alltag der (Spät-)Aussiedler aus Polen im Übergangswohnheim, bei Festen im DRK-Haus und auch in der ersten eigenen Wohnung in Deutschland entstanden.
Brigitte Kraemer, März 2026
(Das Ruhr Museum konnte im Jahr 2022 mit Hilfe der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung das Gesamtwerk von Brigitte Kraemer ankaufen. Es besitzt rund 360.000 Negative und Abzüge in Schwarzweiß und Farbe.)
[1] Otto, Marius: (Spät-)Aussiedler aus Polen, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): (Spät-)Aussiedler in der Migrationsgesellschaft [Informationen zur politischen Bildung, 340], Bonn 2019, S. 44–55 (auch URL: https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/izpb/spaetaussiedler-in-der-migrationsgesellschaft-340/298577/spaet-aussiedler-aus-polen/); Panagiotidis, Jannis: Aussiedler/Spätaussiedler, in: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: http://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32717 (Stand 31.08.2020).
[2] Vgl. Skrabania, David: Aussiedlung nach 1950 und ihre Rückwirkung in die Herkunftsregion bis in die Gegenwart, in: Ders./Michalczyk, Andrzej (Hg.): Migrationsgeschichte Oberschlesiens. Von 1800 bis zur Gegenwart, Paderborn 2024, S. 324–367, 333f.