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Polnische Überlieferungen in katholischen Kirchen des Ruhrgebiets

Marienaltar der St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Eving, um 1900

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  • Stadtpanorama von Oberhausen, ca. 1955 - Im Zentrum ein Fördergerüst der Zeche Concordia, im Hintergrund links die Gutehoffnungshütte, rechts die katholische Kirche St. Marien
  • Koloniehäuser für Bergarbeiterfamilien in Castrop-Rauxel-Habinghorst - Ansichtskarte von ca. 1910 mit polnischer und deutscher Beschriftung
  • Typische Ruhrgebietsmotive aus Essen-Katernberg: Zeche Zollverein I/II, Amtshaus, Bahnhof und zwei Kirchen - Ansichtskarte, gestempelt 1905
  • Zeche Prosper, Herz-Jesu-Kirche und polnische Buchhandlung - Ansichtskarte aus Bottrop mit polnischsprachiger Beschriftung, gestempelt 1907
  • Zwei Zechen, Kirche, Warenhaus, Post und Molkerei - Ansichtskarte aus Dortmund-Derne, gestempelt 1898
  • Zeche Zollern I/III, Kriegerdenkmal und Dorfkirche aus vorindustrieller Zeit - Ansichtskarte aus Dortmund-Kirchlinde, um 1900, mit tschechischem Schreibtext
  • Katholische Kirche St. Josef in Dortmund-Kirchlinde - Um mehr Platz für zugewanderten Bergarbeiterfamilien zu gewinnen, erhielt die alte Dorfkirche 1904–1906 einen neuen, monumentalen Glockenturm und dahinter ein ausladendes neugotisches Langhaus.
  • Doppelturmfassade der neugotischen Marienkirche in Herne-Baukau - Verwandt wurde Ziegelstein, typisch für das Ruhrgebiet im Industriezeitalter
  • Korinthische Kapitelle aus Ziegelton - Am Hauptportal der Baukauer Marienkirche
  • Evangelische Kirche („Alte Kirche“) in Essen-Altenessen - Errichtet 1887–1890
  • Stahlsäulen in der „Alten Kirche“ in Essen-Altenessen - Vermutlich eine Stiftung der Essener Stahlindustrie
  • St.-Nikolaus-Kirche in Essen-Stoppenberg - Errichtet 1906–1907
  • St.-Nikolaus-Kirche in Essen-Stoppenberg - Der Kirchenraum folgt den Idealen der christozentrischen Architekturtheorie: Vereinigung von Gläubigen unterschiedlicher Nationalität bei der gemeinsamen Feier der heiligen Messe.
  • Heilig-Kreuz-Kirche in Gladbeck-Butendorf - Errichtet 1912–1914 nach dem christozentrischen Raumideal auf Initiative des Gladbecker Krankenhaus-Seelsorgers Johannes van Acken
  • Heilig-Kreuz-Kirche in Gladbeck-Butendorf - Christozentrischer Innenraum
  • Festlich gekleidete Gruppe vor dem Portaleingang von St. Barbara in Röhlinghausen - Ansichtskarte (polnisches Marienfest?), frühestens von 1912 (Einweihungsjahr der Kirche)
  • Das Redemptoristenkloster in Bochum - Das Kloster war 1885–1894 Wohnsitz von Ruhrgebiets-Seelsorgern polnischer Nationalität, die aus Westpreußen angeworben worden waren. Ansichtskarte, ca. 1910
  • Franziskanerkloster und Kirche in Dortmund - Patres aus diesem Kloster waren zeitweilig mit der Ruhrpolen-Seelsorge betraut.
  • Schwarze Madonna im Kloster Jasna Góra in Tschenstochau - Ikone auf Holz aus dem 14. Jahrhundert
  • Populärer Farbdruck des Gnadenbilds der Schwarzen Madonna - Aus dem Besitz einer ruhrpolnischen Familie, Anfang 20. Jahrhundert
  • Darstellung der Schwarzen Madonna von Tschenstochau auf einer ruhrpolnischen Vereinsfahne aus Gladbeck - Anfang 20. Jahrhundert
  • Jesus, Maria und Josef in der Stanislaus-Kostka-Kathedrale in Lodz - Detail aus dem Stanislaus-Kostka-Altar, ca. 1911–12
  • Der heilige Josef in seiner Zimmermannswerkstatt. Der Jesusknabe hilft ihm bei der Arbeit. - Detail aus einem Fenster in der St.-Johannes-Kirche in Recklinghausen-Suderwich. Glasmalerwerkstatt Wilhelm Derix / Kevelaer, 1907
  • Die heilige Barbara zwischen zwei Bergleuten - Skulpturengruppe in der St.-Josef-Kirche in Chorzów / Königshütte (Oberschlesien), ca. 1910
  • Altargemälde in der Pfarrkirche von Ostrava-Mariánské-Hory (Tschechien) - Ein verunglückter Bergmann sieht als Vision, wie Barbara einen Priester schickt, um ihm die hl. Kommunion zu bringen. Der Apostel Petrus weist einen Teufel ab, der sich die Seele des Bergmanns sichern will. Ca. 1910
  • Barbara bringt einem Bergmann die heilige Kommunion. - Ruhrpolnische Vereinsfahne aus Gladbeck (s.o.). Rückseite
  • Die Bergbaupatronin in der St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Dorstfeld - Skulptur von 1898
  • Darstellung der heiligen Jadwiga (Hedwig von Anjou) auf einer Vereinsfahne aus Bochum-Gerthe - „Towarzystwo św[iętej] Jadwigi w Gerthe, zał[ożone], 17.5.1896“
  • Gedenktafel in der St.-Joseph-Kirche in Essen-Katernberg - Mit den Namen von 183 Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Dazu Martin von Tours und Gereon von Köln als Soldaten-Schutzpatrone. 1927–1928
  • Polnische und deutsche Namen von gefallenen Soldaten - Detail von der Katernberger Gedenktafel
  • Rosenkranzmadonna von ca. 1890 aus der St.-Joseph-Kirche in Gelsenkirchen-Schalke - Die Marienfigur erinnerte mit ihrem gedunkelten Gesicht an die „Schwarze Madonna“ von Tschenstochau. Das Osterbildchen von 1956 flankiert sie mit der hl. Klara (links) und der hl. Elisabeth (rechts).
  • Die heilige Hedwig als Schutzpatronin der Flüchtlinge und Vertriebenen im Nachkriegsdeutschland - Ausschnitt aus einem Farbfenster in der Kirche St. Aposteln in der Dortmunder Nordstadt von Günther Reul, 1958–1960
  • Die neue katholische Kirche in Herne-Röhlinghausen - Frontansicht, 2023
  • Der ehemalige Röhlinghauser Hochaltar - In ausgeklapptem Zustand, 2023
  • Der ehemalige Röhlinghauser Hochaltar - Mit zugeklappten Flügeln, 2023
  • Der Bischof und Missionar Adalbert wird 997 von heidnischen Pruzzen in Ostpreußen ermordet. - Relief am Bronzeportal (von ca. 1175) der Domkirche von Gnesen
  • Adalbertschrein im Dom von Gnesen - Die Silberfigur wurde 1986 gestohlen und weitgehend zerstört, so dass man sie durch eine Kopie ersetzen musste.
  • Adalbert-Denkmal von 1997 vor der ehemaligen protestantischen Pfarr- und Garnisonskirche von Gnesen (Gniezno) - Die Stadt gehörte bis 1918 zum Deutschen Kaiserreich. 1945 wurde das Bauwerk katholisiert und polonisiert, d.h. als „Kirche der heiligen Maria, der Königin von Polen“ neu konsekriert.
  • Der Röhlinghauser Flügelaltar - Elisabeth von Thüringen und Adalbert von Prag
  • St.-Johannes-Kirche in Recklinghausen-Suderwich - Die Apsis im Vordergrund dient als Josefs-Kapelle.
  • Chorfenster von 1904 in der St.-Johannes-Kirche in Recklinghausen-Suderwich - Rechts unten u.a. Stanislaus Kostka
  • Tarcisius, Stanislaus Kostka, Thomas von Aquin  - Darstellung von drei Heiligengestalten im rechten Fenster des Hauptchors der St.-Johannes-Kirche in Recklinghausen-Suderwich
  • Im Auftrag der Bergbau-Patronin Barbara reichen zwei Engel dem erkrankten Stanislaus Kostka die heilige Kommunion - Kupferstich von Hieronymus Wierix (1563 – vor 1619)
  • Die Muttergottes überreicht Stanislaus das Jesuskind. - Darstellung auf dem Stanislaus-Kostka-Altar in der Kathedrale von Lodz, ca. 1910–1911
  • Stanislaus Kostka hält das Jesuskind auf dem Arm. - Darstellung im rechten Chorfenster der St.-Johannes-Kirche in Recklinghausen-Suderwich von 1904
  • St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Eving - Außenansicht
  • Marienaltar der St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Eving - Um 1900
  • Deutsche Stiftungsinschrift am Evinger Marienaltar - St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Eving
  • Polnische Stiftungsinschrift am Evinger Marienaltar - St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Eving
  • Kirche St. Aposteln in der Dortmunder Nordstadt - Außenansicht
  • Beichtstuhl von 1907 - Aus der Kirche St. Aposteln in der Dortmunder Nordstadt
  • Polnische Inschrift auf dem Beichtstuhl von 1907 - Aus der Kirche St. Aposteln in der Dortmunder Nordstadt
  • Missionskreuz in der Dortmunder Kirche St. Aposteln - 1907 gestiftet, vermutlich von Ruhrpolen
  • St.-Josef-Kirche in Dortmund-Nette - Außenansicht
  • Polnisches Missionskreuz von 1913 - In der St.-Josef-Kirche in Dortmund-Nette
  • Polnische Inschrift auf dem Missionskreuz - In der St.-Josef-Kirche in Dortmund-Nette
  • St.-Getrudis-Kirche in Recklinghausen-Hillerheide - Außenansicht
  • Missionskreuz aus der St.-Getrudis-Kirche in Recklinghausen-Hillerheide, 1911 - Heute im Besitz des Museums „RELiGIO“ in Telgte
  • Polnische Messinginschrift auf dem Missionskreuz von 1911 - Aus der St.-Getrudis-Kirche in Recklinghausen-Hillerheide
  • St.-Anna-Kirche im Unionviertel in Dortmund - Seit 2003 Kirche der Polnischen Katholischen Mission (Polska Misja Katolicka)
  • Ziborium aus der St.-Anna-Kirche in Dortmund, um 1910 - Laut einer Inschrift war das Hostiengefäß ein Geschenk der polnischen Frauen von St. Anna
  • Polnische Inschrift auf dem Hostiengefäß - Aus der St.-Anna-Kirche in Dortmund, um 1910
  • Dreifaltigkeitskirche in der Dortmunder Nordstadt - Außenansicht
  • Messkelch aus der Dortmunder Dreifaltigkeitskirche - Goldschmiedewerkstatt Hermann Cassau / Paderborn, 1913
  • Fuß des Messkelchs aus der Dortmunder Dreifaltigkeitskirche - Polnische Stiftungsinschrift, 1913
  • Ruhrpolnische Vereinsfahnen in der St.-Anna-Kirche in Dortmund (links) - Im Besitz von Porta Polonica
Marienaltar der St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Eving, um 1900 – Foto: Porta Polonica / Philipp Harms, 2026
Marienaltar der St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Eving, um 1900

Kirchen als Zeugen von Ruhrgebietsgeschichte
 

Das „Ruhrgebiet“ ist ein weiträumiges westdeutsches Montanrevier zwischen Ruhr und Lippe im Zentrum von Nordrhein-Westfalen. Es entstand erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als dort die Industrialisierung von Steinkohlenförderung und Stahlerzeugung eine vormals ländliche Region innerhalb weniger Jahrzehnte in eine gigantische Stadtlandschaft verwandelte. Als Landmarken dominierten fortan Fördergerüste und Hochöfen in Konkurrenz zu den traditionellen Kirchtürmen. [ .

Unter den massenhaft zugewanderten Arbeiterfamilien machten Personen mit polnischer Muttersprache die größte nationale Bevölkerungsgruppe aus. Vor dem Ersten Weltkrieg leben mehr als 300.000 Pol:innen katholischer Konfession im Ruhrgebiet, die gebürtig vor allem aus den preußischen Provinzen Posen, Schlesien und Westpreußen stammten. Dazu kamen noch ca. 150.000 protestantische Masuren aus der Provinz Ostpreußen. Zu ihrer Unterbringung errichteten die Konzerne zahlreiche Werkssiedlungen, sogenannte „Kolonien“. [ . ] Im Umfeld der Zechen und Hüttenwerke expandierten Ortskerne mit weiteren Wohnhäusern, Verwaltungsgebäuden, Geschäften und Gaststätten, Schulen und Kirchen. [ ., ., . ]

Die Gotteshäuser des Industriereviers spiegeln Ruhrgebietsgeschichte vielfältig wider. So erforderte der enorme Zustrom von Gläubigen in manchen Revier-Dörfern die bauliche Erweiterung der kleinen Kirche, die noch aus dem Mittelalter stammte. In Dortmund-Kirchlinde wurde der alte Glockenturm abgebrochen und durch einen monumentalen Kirchturm ersetzt, an den man an der anderen Seite ein ausladendes neugotisches Kirchenschiff anschloss. [ ., . ] Bei zahlreichen Neubauten waren Ziegelsteine der maßgebliche Baustoff. [ ., . ] Häufig stammten sie aus Zechen-Ziegeleien und waren aus dem Mergelton gebrannt, der zusammen mit der Steinkohle als Abfallprodukt zutage gefördert werden musste. In protestantischen Sakralbauten fallen gelegentlich Stahlsäulen auf, die der Gemeinde vermutlich vom benachbarten Hüttenwerk gestiftet worden waren. [ ., . ]

Der Katholizismus bevorzugte zunächst ausgedehnte Kirchenräume, die neben dem zentralen Langhaus für den Hauptgottesdienst auch abgeschiedene Bereiche für private Frömmigkeit und Heiligen-Verehrung enthielten. Im frühen 20. Jahrhundert fällt allerdings auf, dass die Innenräume immer übersichtlicher gestaltet wurden. Jetzt nahm das breite, hohe Mittelschiff sämtliche Bänke auf, die beiden Seitenschiffe wurden auf die Funktion von schmalen Seitengängen reduziert. [ ., . ] Dieses Raumverständnis kann – so der Gladbecker Seelsorger Johannes van Acken in seiner „christozentrischen“ Architekturtheorie – als Reaktion auf eine dramatische Situation im Ruhrgebiet verstanden werden, wo sich der Pfarrklerus um 1900 von einem dissonanten Bevölkerungsprofil herausgefordert sah: „Größere Massen einer rasch zusammengeströmten Bevölkerung, oft verschiedener Nationalität, zuweilen mit geringer religiöser Vorbildung, sollen, losgelöst von heimatlichen religiösen Gewohnheiten, lernen, sich im Gotteshause als Mitglieder einer Gemeinde und Kinder eines Vaters heimisch zu fühlen. Schon die Wichtigkeit dieses lebendigen Gemeinde- und Heimatgefühles für das religiöse Leben im neuen Bezirk weist auf den Zusammenschluss der Gemeinde in einem mehr einheitlichen Kirchenraume hin“. Am Beispiel der Heilig-Kreuz-Kirche in Gladbeck-Butendorf erläuterte van Acken, dass dieses Raumideal beim gemeinsam gefeierten Gottesdienst helfen solle, nationalistischen Spannungen unter den Gläubigen zu mildern: Ausdrücklich erfolge die „Ausweitung des mittleren Kirchenraumes“ mit der Wirkungsabsicht, „dass der Altar das Zentrum der Aufmerksamkeit, der Augen- und Herzpunkt möglichst für alle sei.“ [ ., ., Zitate: van Acken, S. 8f.]

 

Ruhrpolnische Seelsorge im Konflikt
 

Die Seelsorge sah sich durch den massenhaften Zustrom von fremdsprachigen Gläubigen sozial stark herausgefordert. Denn das Leben der Bergleute und Stahlarbeiter war von harter und gefährlicher Arbeit im Schichtbetrieb geprägt, von oft unzureichenden Wohnbedingungen, von Entwurzelung und Vereinsamung im unüberschaubaren Gewirr der schmutzigen und vergifteten Stadtlandschaft. Die ortsansässige Bevölkerung misstraute vor allem den polnischen Neuankömmlingen. Man unterstellte ihnen klischeehaft ein tölpelhaftes Verhalten, Leichtsinn, Verlogenheit, Faulheit und Trunksucht. Die farbenfrohe Kleidung der Polinnen galt als geschmacklos, ihre Haushaltsführung als unordentlich.

Vor allem im nördlichen Ruhrgebiet gab es um 1900 regelrechte „Polenzechen“, bei denen die Belegschaft zu mehr als 50 % aus polnischsprachigen Bergleuten bestand. Demzufolge dominierten die Pol:innen zahlenmäßig auch in manchen Kirchengemeinden, z.B. in der Herz-Jesu-Pfarrei in Bottrop [ . ], was bei der alteingesessenen Bevölkerung auf Irritation stieß. Polnische Mehrheiten in gewählten kirchlichen Gremien wurden ignoriert oder sabotiert. Etablierte kirchliche Vereine sperrten sich gegen die Aufnahme von fremdsprachigen Neubürger:innen. Auch deswegen entstand bald ein spezifisch polnisches Vereinswesen im Umfeld der Kirchen. Als Präses amtierte dort aber der deutsche Ortspfarrer oder sein Kaplan. [ .

Zu einem zentralen Konfliktfeld entwickelte sich die Verwendung der polnischen Sprache im Gottesdienst. Zunächst erfolgte die geistliche Versorgung im Ruhrgebiet durch Weltpriester polnischer Nationalität, die aus den preußischen Ostprovinzen angeworben wurden. Sie residierten im Bochumer Redemptoristenkloster, aus dem die deutschen Patres im Zuge des preußischen Kulturkamps 1873 ausgewiesen worden waren [ . ], und besuchten von dort aus die einzelnen Pfarrgemeinden. Höhepunkt dieser Seelsorge waren mehrtägige polnische „Volksmissionen“, mit einem breitgefächerten Angebot an Messfeiern, Beichtehören und religiöser Unterweisung.

Besonders rührig wirkte Franciszek Liss seit 1890 im östlichen Ruhrgebiet, der hier u.a. die populäre Zeitung „Wiarus Polski“ gründete. Der umtriebige Pastor geriet aber bald – nicht ganz zu Unrecht – in den Verdacht, im nationalpolnischen Interesse zu agitieren, so dass die preußischen Behörden 1894 beim Bischof von Paderborn seine Abberufung durchsetzen. Danach erfolgte die regionale Ruhrpolen-Seelsorge eine Zeitlang durch oberschlesische Patres aus dem Dortmunder Franziskanerkloster [ . ], nach 1900 verstärkt durch deutsche Weltpriester, die sich die notwendigen Sprachkenntnisse erst aneignen mussten. Diese Kleriker gerieten leicht in den Verdacht, die polnischen Gläubigen im Auftrag des Staates mit Hilfe der Seelsorge germanisieren zu wollen, und stießen daher häufig auf Misstrauen und Ablehnung.

Trotz dieser Konfliktsituation engagierten sich polnische Gemeindemitglieder und Polen-Vereine vielfach für den Bau und die Ausstattung von Kirchen im Ruhrgebiet. Dokumentiert sind finanzielle Zuwendungen u.a. für Dortmund (Franziskanerkloster, Dreifaltigkeitskirche), Gelsenkirchen-Schalke und Recklinghausen-Bruch. In Bottrop-Eigen und Bottrop-Batenbrock unterstützten polnische Gemeindemitglieder solche Projekte auch durch ihre Arbeitskraft: Rentner schafften Ziegel und Sand heran, Bergleute halfen nach der Schicht tatkräftig auf dem Bau. 

Zur Ausstattung von Gotteshäusern stifteten ruhrpolnische Gemeindemitglieder oder Vereine mehrfach Altäre, u.a. für Kirchen in Dortmund-Eving (St. Barbara), Herne (St. Bonifatius), Duisburg-Laar (St. Ewaldi) und Castrop-Rauxel-Schwerin (St. Franziskus). Die Stiftung von Beichtstühlen erfolgte wohl meistens aus Anlass einer ruhrpolnischen Mission. Beispiele sind u.a. für Dortmund (St. Aposteln), Dortmund-Marten (Heilige Familie), Herne-Börnig (St. Peter und Paul), Oberhausen-Osterfeld (St. Pankratius) und Duisburg-Meiderich (St. Michael) belegt. Diese Beichtstühle wurden nach der Volksmission auch weiterhin von polnischen Seelsorgern und Gläubigen benutzt.

Zur Erinnerung an solche Ereignisse wurden gelegentlich Missionskreuze mit polnischer Inschrift gestiftet, u.a. in Gelsenkirchen-Bismarck (St. Franziskus), Recklinghausen-Hillerheide (St. Gertrudis) und Dortmund-Nette (St. Josef). Einzelne Priester, denen sich die polnischen Gemeindemitglieder besonders verbunden fühlten, erhielten liturgisches Gerät als Geschenk, z.B. Messkelche oder Hostiengefäße in Witten (Liebfrauenkirche) und Dortmund (St. Anna, Dreifaltigkeitskirche). Von solchen Stiftungen ist im Ruhrgebiet nur noch wenig vorhanden. Diese Objekte werden weiter unten vorgestellt. [ ., ., ., ., ., . ]

 

Ruhrpolnische Heiligenverehrung
 

Die zugewanderten Pol:innen fühlten sich manchen Heiligen verbunden, die auch international große Verehrung genossen. Ihr Marienkult beinhaltete allerdings einen spezifischen nationalpolnischen Akzent. Unter Bezugnahme auf die Ikone der „Schwarzen Madonna“ im Wallfahrtsort Tschenstochau wurde die Gottesmutter auch im Ruhrgebiet als „Königin Polens“ verehrt. [ ., ., . ] Preußische Behörden beanstandeten diesen Kult als unzulässige nationalistische Propaganda. So musste z.B. in Essen-Schonnebeck eine kirchliche Vereinsfahne aufgrund einer Polizeiverordnung umgearbeitet werden; das Madonnenporträt wurde getilgt.

Der heilige Josef, der Ehemann der Gottesmutter und Pflegevater Jesu, wurde im Ruhrgebiet von deutschen wie von polnischen Katholik:innen gleichsam verehrt. [ ., . ] Allein auf Dortmunder Stadtgebiet waren ihm sieben Kirchen geweiht. Als gelernter Zimmermann (vergl. Matthäus-Evangelium, 13,55) gilt er katholischen Werktätigen noch heute weltweit als Schutzpatron. 

Enger noch als beim Holzhandwerker Josef besteht bei der Bergbau-Patronin Barbara eine emotionale Verbindung zur Montanindustrie. Einer weit verbreiteten Legende nach lebte Barbara in der römischen Spätantike. Nachdem sie zum Christentum übergetreten war, wurde sie zur Strafe von ihrem heidnischen Vater in einen steinernen Turm gesperrt und schließlich hingerichtet. Im Industriezeitalter interpretierte man Motive wie das Eingeschlossensein in der Dunkelheit und die ständige Todesgefahr als Anknüpfungspunkte für die Bergarbeit untertage. Als Schutzheilige der Bergleute wurde Barbara um 1890 durch Zuwander:innen aus Oberschlesien im Ruhrgebiet eingeführt. Nach 1945 erhielt ihr Kult durch schlesische Flüchtlinge und Vertriebene in Westdeutschland weitere Impulse. Auf Darstellungen in Kirchen der polnischen (und tschechischen) Bergbaureviere hält Barbara – wie auch im Ruhrgebiet – nicht selten ein Hostiengefäß in der Hand, um einem verunglückten Bergleuten die letzte Wegzehrung zu bringen. [ ., ., ., . ]

Mehrere Vereinsnamen verweisen auf polnische Nationalheilige, die im Ruhrrevier vor dem Industriezeitalter nicht verehrt worden waren: Kasimir und Hyazinth, Bronisław und Czesław, Wacław und Jadwiga. Bei Jadwiga handelt es sich um Hedwig von Anjou, 1373–1399 Königin von Polen. [ . ] Besonders populär waren Wojciech und Stanisław Kostka im Ruhrgebiet. Nur von ihnen blieben hier bildliche Darstellungen in zwei Kirchen in Herne und Recklinghausen bis heute erhalten. Sie werden weiter unten vorgestellt und interpretiert. [ ., . ]

An Ruhrpolen, die während des Ersten Weltkriegs für das Deutsche Kaiserreich gekämpft hatten, erinnern in manchen Revierkirchen noch polnische Familiennamen auf Gefallenen-Gedenktafeln. [ ., . ] Nach der Novemberrevolution von 1918 änderte sich die Situation erheblich. Zahlreiche Bergleute zogen in den neu gegründeten polnischen Staat oder in die nordfranzösischen Steinkohlenreviere. Obwohl in der Weimarer Republik kein Germanisierungsdruck mehr bestand, beschleunigte sich bei den verbliebenen Familien in Westdeutschland ein Assimilierungsprozess auf Kosten der polnischen Identität. Gleichzeitig verminderte sich die Wertschätzung der nationalpolnischen Überlieferung in den Kirchen des Ruhrgebiets.

Im Zweiten Weltkrieg fielen manche sakrale Zeugnisse den alliierten Bombenangriffen zum Opfer, z.B. ein Stanislaus-Kostka-Fenster in St. Magdalena in Dortmund-Lütgendortmund. Nach 1945 ersetzte man vielerorts Ausstattungsstücke durch modernes Inventar, u.a. einen Marienaltar in der Liebfrauenkirche von Herne-Baukau, der um 1900 von der örtlichen polnischen Rosenkranzbruderschaft gestiftet worden war. In Gelsenkirchen-Schalke gab es lange eine vielverehrte Rosenkranzmadonna, die mit ihrem gedunkelten Gesicht an die „Königin von Polen in Tschenstochau“ erinnerte. Noch nach ihrer Bergung aus den Trümmern der zerstörten Josefskirche erhielt die Marienfigur in der Notkirche der Nachkriegszeit einen Ehrenplatz, um dann in den 1960er Jahren „in Ersparung einer notwendigen Renovierung vernichtet“ zu werden. [ ., Zitat bei Brandt, Schalke, S. 391]. Währenddessen avancierte die Herzogin Hedwig von Schlesien (1174–1243) zu einer Schutzheiligen für Flüchtlinge und Vertriebene, die damals in der Bundesrepublik Deutschland eine neue Heimat finden mussten. [ . ]

 

Bis heute erhalten: Darstellungen polnischer Nationalheiliger im Ruhrgebiet 
 

Heute erinnern nur noch wenige Zeugnisse in den Gotteshäusern des Ruhrreviers an die große Zahl der polnischen Katholik:innen, die hier vor über Hundert Jahren ihren Glauben praktizierten. An erster Stelle ist ein Altarflügel von 1908–1911 aus der 1965 abgebrochenen alten Röhlinghauser Pfarrkirche zu nennen, die nicht nur der Bergbau-Patronin Barbara, sondern auch dem Heiligen Geist geweiht worden war. [ ., ., ., ., ., ., ., siehe Online-Ausstellung] Dort ist u.a. der heilige Bischof Adalbert (Wojciech) zu sehen, der bei der polnischen Staatsbildung im Mittelalter eine zentrale Rolle gespielt hatte. Drei Jahre nach seiner Ermordung – Adalbert war 997 bei einem gescheiterten Missionsversuch von den heidnischen Pruzzen erschlagen worden – ließ Kaiser Otto III. den Märtyrer nach in Gnesen (Gniezno) in die Marienkirche überführen, die heutig Domkirche. Während der folgenden Feierlichkeiten erklärte er den Polenherzog Bolesław Chobry zum „frater et cooperator imperii“ und zum „amicus populi romani“ und erhöhte somit dessen fürstlichen Rang. Dieser Rechtsakt wird als wichtiger Schritt in der Entwicklung eines vom deutschen „Regnum“ unabhängigen polnischen Königtums angesehen. 

Auf dem Herner Altarbild hält Adalbert eine Keule in der linken Hand, was an seinen gewaltsamen Tod erinnern soll. Links von ihm ist die Landgräfin Elisabeth von Thüringen zu sehen, die aufgrund ihres karitativen Engagements in Deutschland quasi als Nationalheilige verehrt wird. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Spannungen, die zur Entstehungszeit des Gemäldes (1908–1911) zwischen Deutschen und Ruhrpolen herrschten, wirkt dieses Personenpaar in Herne-Röhlinghausen wie ein Appell für ein friedliches Zusammenleben von Menschen und Völkern unterschiedlicher Nationalität! [ . ]

Als zweite Darstellung eines polnischen Nationalheiligen im Ruhrrevier soll ein Stanislaus-Kostka-Fenster in der St.-Johannes-Kirche in Recklinghausen-Suderwich interpretiert werden. [ ., ., ., ., ., ., siehe Online Ausstellung] Der historische Stanislaus (geb. um 1550 auf Schloss Roskowo in Masowien) erlebte 1564 als Schüler im Wiener Jesuitenkolleg während einer lebensgefährlichen Krankheit zwei mystische Visionen: Die heilige Barbara schickte zwei Engel, die ihm die heilige Kommunion brachten. Die Jungfrau Maria legte ihm den Jesusknaben in den Arm und forderte ihn auf, in Rom dem Jesuitenorden beizutreten. Trotz eines Verbotes seines autoritären Vaters folgte Stanislaus dieser Weisung. In Rom starb er bereits 1567. Während seines kurzen Lebens hatte er seine Mitmenschen durch ein fröhliches Wesen, persönliche Bescheidenheit und tiefe Frömmigkeit beeindruckt. Stanislaus Kostka gilt als Schutzpatron der studierenden Jugend, der Novizen des Jesuitenordens sowie von schwer Erkrankten und von Sterbenden. Weil seine Fürsprache zu mehreren Siegen bei wichtigen Schlachten geführt haben soll, wurde er 1674 zum Patron der polnisch-litauischen Krone proklamiert. 

In der Suderwicher Fensterdarstellung hält Stanislaus einen Pilgerstab mit einer Jakobsmuschel in der linken Hand, was auf seine Fußwanderung von Wien nach Rom anspielt. Auf dem rechten Arm trägt er den Jesusknaben, dessen universale Herrschaft durch eine kleine Weltkugel angedeutet wird. Das Farbfenster erinnert an die Marienerscheinung, die der Jesuitenschüler in Wien im Fieberwahn erlebt hatte: Er verinnerlichte als mystische Vision, dass ihm die Gottesmutter ihren Sohn gereicht habe. [ .

 

Ruhrpolnische Stiftungsinschriften auf Altären, Missionskreuzen und einem Beichtstuhl
 

Es gibt heute nur noch wenige Objekte, die durch Inschriften als ruhrpolnische Stiftungen ausgewiesen sind. Besonders hervorzuheben ist hier ein Marienaltar in der St.-Barbara-Kirche in Dortmund-Eving. [ ., ., ., . ] An den beiden Schmalseiten verläuft ein Schriftzug in deutscher und polnischer Sprache: gewid[met] v[om] S[ank]t Jos[efs] Polenverein in Eving 1900 / Pamiątka od Tawarzytwa (sic!) polskiego św[iętego] Józefa w Eving dnia 19.3.1900. Die ruhrpolnische Zeitung „Wiarus Polski“ hatte bereits am 9.3.1897 darüber informiert, dass der lokale Josefsverein im Vorjahr „40,60 Mark für einen Altar in Eving“ kollektiert habe. Die Pfarrchronik von St. Barbara vermerkte für 1900, dass polnische Gläubige insgesamt 4.291 Mark für dieses Projekt gespendet hätten. 

Es handelt sich um einen neugotischen Marienaltar. Die Gottesmutter trägt hier nicht den Jesusknaben auf dem Arm; sie ähnelt nicht der Darstellung auf dem populären Gnadenbild von Tschenstochau. Vielmehr hat sie die Hände gefaltet und tritt als „neue Eva“ mit dem linken Fuß auf den Kopf der Schlange aus dem Paradies, die den Apfel der Verführung im Maul hält. Links und rechts stehen deutlich kleinere Skulpturen von Marias Eltern, Joachim und Anna. 

Um die Jahrhundertwende bestand fast die Hälfte der Evinger Kirchengemeinde aus Zuwander:innen, die auch nationalpolnische Interessen verfolgten. Die „Rheinisch-Westfälische Zeitung“ berichtete am 30.3.1899, dass der Josefsverein 450 Mark aufgebracht habe, „die ausdrücklich zur Ausbildung nicht nur polnisch sprechender, sondern auch polnisch denkender Geistlicher“ verwendet werden sollten. [zit. nach Brandt, Polen, S. 148] Dies erfolgte gleichzeitig mit seinem Engagement für den Marienaltar in St. Barbara.

In Castrop-Rauxel-Schwerin wurde die katholische Notkirche von 1907/08, die dem heiligen Franziskus geweiht war, 1970 abgerissen und durch einen ansprechenden modernen Neubau ersetzt. Im Zuge dieser Maßnahmen gelangte ein neugotischer Marienaltar mit polnischer Stiftungsinschrift in das Diözesanmuseum Paderborn und ist dort zurzeit für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. 

In der Kirche St. Aposteln in der Dortmunder Nordstadt blieb ein Beichtstuhl erhalten, an dem eine Stiftungsinschrift in Polnisch an die erste Volksmission erinnert, die in diesem Gotteshaus abgehalten wurde: Pamiątka Missyi świętej 1907 (Andenken an die heilige Mission 1907). Sicherlich ist dies auch ein Hinweis darauf, dass ruhrpolnische Gläubige hier in ihrer Muttersprache beichten konnten. Eine weitere Inschrift wurde auf Latein formuliert: ab occultis meis munda me domine (Von meinen Sünden befreie mich, Herr!). Die lateinische Sprache verweist auf die universale Weltkirche, der auch das nationalreligiöse Glaubensverständnis der polnischen Katholik:innen unterzuordnen sei. Ein Kruzifix in St. Aposteln vermerkt die Jahreszahlen von sieben Volksmissionen zwischen 1907 und 1951. Es gibt allerdings keinen Hinweis darauf, dass dieses Kreuz aus Anlass der Mission von 1907 von Ruhrpolen gestiftet worden wäre. Die Kirche wurde 2020 geschlossen; der Beichtstuhl soll bei einer evtl. anstehenden Profanierung des Gotteshauses an einen anderen Ort überführt werden. [ ., ., ., . ]

Ein Missionskreuz mit polnischer Stiftungsinschrift befindet sich noch heute in der St.-Josef-Kirche in Dortmund-Nette und wird dort durchaus wertgeschätzt. Der Text lautet: I, SZA MISYA ŚW W MENGEDE KOL OD I.XII.XIII. DO X.XII.XIII. (Erste Heilige Mission in der Kolonie Mengede. Vom 1.12.[19]13 bis zum 10.12.[19]13). Zum besseren Verständnis dieser Inschrift: Die Ortschaft Nette gehörte seit 1889 zum Amt Mengede, das erst 1928 nach Dortmund eingemeindet wurde. Die Kirchengemeinde in Nette wurde erst 1941 selbständig; zuvor war sie Filialgemeinde der Hauptkirche St. Remigius in Mengede. Zur Filialgemeinde Nette gehörte 1913 auch die „Kolonie Mengede“, worauf die Stiftungsinschrift auf dem Kruzifix offenbar anspielt. [ ., ., . ]

Auch in Recklinghausen-Hillerheide wurde der Kirchengemeinde aus Anlass einer polnischsprachigen Volksmission ein Kruzifix gestiftet. Eine kleine Messingplakette vermerkt: Na pamiątkę Missyi św. 1911 (Zur Erinnerung an die Heilige Mission 1911). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befand sich dieses Missionskreuz nicht mehr in der modernen Pfarrkirche St. Gertrudis, die 1954 anstelle der Notkirche von 1908 errichtet worden war, sondern war in einem kircheneigenen Speicher gelagert. Heute gehört es zum Objektbestand des RELiGIO, des Westfälischen Museums für religiöse Kultur in Telgte bei Münster. [ ., ., .

 

Liturgisches Gerät mit polnischer Stiftungsinschrift
 

In wenigen Fällen ist liturgisches Gerät überliefert, das eine Kirchengemeinde oder einzelne Priester von Ruhrpolen geschenkt bekamen. Ein Ziborium zur Aufbewahrung von konsekrierten Hostien trägt die Inschrift: Podarunek od polskich niewiast św. Anny (Geschenk der polnischen Frauen der Gemeinde St. Anna). Gemeint ist damit die St.-Anna-Kirche im Dortmunder Unionviertel, seit 2003 Kirche der Polnischen Katholischen Mission (Polska Misja Katolicka).[ ., ., . ]

Aus der Dreifaltigkeitskirche in der Dortmunder Nordstadt stammt ein Messkelch, ein Trinkgefäß für konsekrierten Wein, bei dem unter dem Fuß eine polnische Widmungsinschrift eingraviert wurde: Swemu dyrektorowi, Wiel. k. Mehlerowi Bractwo Różańca św. parafii św. Trójcy. 10. XII. 1913. (An seinen Direktor, den ehrwürdigen Priester Mehler, die Bruderschaft des Heiligen Rosenkranzes der Pfarrei der Heiligen Dreifaltigkeit. 10. Dezember 1913). Auch der Name der Goldschmiedewerkstatt „H[ermann] Cassau“ aus „Paderborn“ ist unter dem Kelchfuß vermerkt.

In den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts machten Ruhrpolen mehr als ein Drittel der Gemeindemitglieder von St. Dreifaltigkeit aus. Es gab dort drei polnische Arbeitervereine sowie die 1911 gegründete Rosenkranz-Bruderschaft, die fast 1.000 Personen vereinigte. Gustav Mehler, der 1908–1930 an dieser Kirche als Kaplan amtierte, gehörte zu den deutschen Geistlichen, die mit finanzieller Unterstützung des preußischen Staates für die Polenseelsorge ausgebildet wurden und dabei die polnische Sprache erlernten. Der Messkelch dokumentiert, dass Mehler beliebt war. Offenbar wurde er nicht unter dem Verdacht abgelehnt, er wolle die polnischen Gläubigen im Auftrag des preußischen Staats germanisieren. Die Amtsbezeichnung dyrektor lässt sich mit „Vereinspräses“ der Rosenkranz-Bruderschaft übersetzen, die er seelsorgerisch betreute. [ ., ., ., . ]

Im vereinsmäßigen Umfeld von St. Dreifaltigkeit wurde im Dezember 1909 der BVB gegründet, der Fußballverein Borussia Dortmund. Dies geschah gegen den ausdrücklichen Willen des verärgerten Kaplans Hubert Dewald, eines Amtsbruders von Gustav Mehler. Dewald sah in dieser „Fußlümmelei“ eine Konkurrenzveranstaltung zu seiner sonntäglichen Jugendseelsorge. Vereinzelte polnische Familiennamen lassen vermuten, dass auch ruhrpolnische Jugendliche an diesem Konflikt beteiligt waren. Auf Dauer gesehen blieben die renitenten Fußballer allerdings treue Katholiken; mehrere von ihnen heirateten später in der Dreifaltigkeitskirche und ließen dort ihre Kinder taufen.

Als „BVB-Gründerkirche“ wird St. Dreifaltigkeit zurzeit zu einem „historischen Erinnerungsort“ umgebaut, „an dem Fußballfans, Gläubige, Nachbarinnen und Nachbarn sowie Menschen mit offenem Herzen zusammenkommen“ sollen. Erklärtermaßen handelt es sich hier um ein „multikulturelles und interreligiöses Projekt“ (bvb-gruenderkirche.de). Als Pfarrkirche wurde das Gotteshaus 2023 geschlossen. Einzelne Gottesdienste können hier aber auch in Zukunft wieder gefeiert werden. Der ruhrpolnische Messkelch wurde von der Dortmunder Nordstadt-Gemeinde „Heilige Drei Könige“ übernommen, zu der die Dreifaltigkeitskirche gehört.

 

Schlussbetrachtungen
 

Im Rückblick kann zum Thema der sakralen Überlieferung festgehalten werden: Bereits die christozentrische Architektur von katholischen Kirchen aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts erinnert an die massenhafte Zuwanderung und verweist auf die Notwendigkeit, latente Spannungen zwischen den Gläubigen unterschiedlicher Nationalität im Rahmen der gemeinsamen Messfeier zu überwinden. Die Pol:innen setzten eigene Akzente, indem sie im Ruhrgebiet nicht nur die dort bereits übliche Verehrung des Arbeiter-Schutzpatrons Josef sowie der Bergbau-Patronin Barbara intensivierten. Sie brachten auch einen spezifischen Heiligenkult in ihre neue Heimat mit, die Verehrung der Muttergottes von Tschenstochau sowie verschiedener polnischer Nationalheiliger. Sie engagierten sich bei der Errichtung neuer Kirchen und stifteten Inventar: Altäre und Beichtstühle, Missionskreuze und liturgisches Gerät.

Anzumerken ist, dass im Ruhrrevier heute noch mehrere Dutzend polnische Vereinsfahnen existieren. Manche befinden sich in Kirchen, andere inzwischen in Museen, in Privat- oder Vereinssammlungen. [ ., ., ., . ] Eine systematische Sichtung und wissenschaftliche Dokumentation steht noch aus.

Mit dem Wegzug einer großen Zahl von „Ruhrpolen“ nach 1918 und der nationalen Integration der in Deutschland verbliebenen Zuwander:innen verloren diese Stiftungsobjekte zunehmend an Symbolwert und damit auch an Wertschätzung. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurde vieles aus den Gotteshäusern entfernt, entsorgt und vernichtet. Umso wertvoller ist das Verbliebene, vor allem wenn dort eine Stiftungsinschrift in polnischer Sprache an die spannungsreiche Kultur- und Sozialgeschichte im Ruhrgebiet erinnert. 

 

Thomas Parent, März 2026

 

Literatur in Auswahl:
 

van Acken, J[ohannes]: Festschrift zur Einweihung der Kirchen zum Hl. Herzen Jesu und zum Hl. Kreuze in Gladbeck, Gladbeck i. W. 1914. Faksimilierter Nachdruck des Originals, hg. von Ralph Eberhard Brachthäuser, Gladbeck 2022.

Bachem-Rehm, Michaela: Die katholischen Arbeitervereine im Ruhrgebiet 1870–1914. Katholisches Arbeitermilieu zwischen Tradition und Emanzipation, Stuttgart 2002.

Brandt, Hans Jürgen: Die Polen und die katholische Kirche im Ruhrgebiet 1871–1919, Münster 1987.

Brandt, Hans Jürgen: Schalke 91. Eine katholische Arbeitergemeinde im Ruhrgebiet mit Tradition, Paderborn 1991.

Haida, Sylvia: Die Ruhrpolen. Nationale und konfessionelle Identität im Bewusstsein und im Alltag 1871–1918, phil. Diss., Bonn [masch.] 2012.

Kleßmann, Christoph: Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870–1945. Soziale Integration und nationale Subkultur einer Minderheit in der deutschen Industriegesellschaft, Göttingen 1978.

Murphy, R. C.: Gastarbeiter im Deutschen Reich. Polen in Bottrop 1891–1933, Wuppertal 1982.

Murzynowska, Krystyna: Die polnischen Erwerbsauswanderer im Ruhrgebiet während der Jahre 1880–1914, Dortmund 1979.

Parent, Thomas (Texte) und Thomas Stachelhaus (Fotos): Kirchen im Ruhrrevier, 1850–1935, Münster 1993.

Parent, Thomas: Gute Arbeit, hoher Lohn. Zukunftsversprechen für polnische Immigranten ins Ruhrgebiet und ihre Einlösung, in: War die Zukunft früher besser? Visionen für das Ruhrgebiet, Begleitbuch zur Ausstellung, Essen 2000, S. 43–60.

Peters-Schildgen, Susanne: „Schmelztiegel“ Ruhrgebiet. Die Geschichte der Zuwanderung am Beispiel Herne bis 1945, Essen 1997.

Stefanski, Valentina-Maria: Zum Prozess der Emanzipation und Integration von Außenseitern. Polnische Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet, 2. Aufl., Dortmund 1991.