Polnische Überlieferungen in katholischen Kirchen des Ruhrgebiets
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Schlussbetrachtungen
Im Rückblick kann zum Thema der sakralen Überlieferung festgehalten werden: Bereits die christozentrische Architektur von katholischen Kirchen aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts erinnert an die massenhafte Zuwanderung und verweist auf die Notwendigkeit, latente Spannungen zwischen den Gläubigen unterschiedlicher Nationalität im Rahmen der gemeinsamen Messfeier zu überwinden. Die Pol:innen setzten eigene Akzente, indem sie im Ruhrgebiet nicht nur die dort bereits übliche Verehrung des Arbeiter-Schutzpatrons Josef sowie der Bergbau-Patronin Barbara intensivierten. Sie brachten auch einen spezifischen Heiligenkult in ihre neue Heimat mit, die Verehrung der Muttergottes von Tschenstochau sowie verschiedener polnischer Nationalheiliger. Sie engagierten sich bei der Errichtung neuer Kirchen und stifteten Inventar: Altäre und Beichtstühle, Missionskreuze und liturgisches Gerät.
Anzumerken ist, dass im Ruhrrevier heute noch mehrere Dutzend polnische Vereinsfahnen existieren. Manche befinden sich in Kirchen, andere inzwischen in Museen, in Privat- oder Vereinssammlungen. [ ., ., ., . ] Eine systematische Sichtung und wissenschaftliche Dokumentation steht noch aus.
Mit dem Wegzug einer großen Zahl von „Ruhrpolen“ nach 1918 und der nationalen Integration der in Deutschland verbliebenen Zuwander:innen verloren diese Stiftungsobjekte zunehmend an Symbolwert und damit auch an Wertschätzung. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wurde vieles aus den Gotteshäusern entfernt, entsorgt und vernichtet. Umso wertvoller ist das Verbliebene, vor allem wenn dort eine Stiftungsinschrift in polnischer Sprache an die spannungsreiche Kultur- und Sozialgeschichte im Ruhrgebiet erinnert.
Thomas Parent, März 2026
Literatur in Auswahl:
van Acken, J[ohannes]: Festschrift zur Einweihung der Kirchen zum Hl. Herzen Jesu und zum Hl. Kreuze in Gladbeck, Gladbeck i. W. 1914. Faksimilierter Nachdruck des Originals, hg. von Ralph Eberhard Brachthäuser, Gladbeck 2022.
Bachem-Rehm, Michaela: Die katholischen Arbeitervereine im Ruhrgebiet 1870–1914. Katholisches Arbeitermilieu zwischen Tradition und Emanzipation, Stuttgart 2002.
Brandt, Hans Jürgen: Die Polen und die katholische Kirche im Ruhrgebiet 1871–1919, Münster 1987.
Brandt, Hans Jürgen: Schalke 91. Eine katholische Arbeitergemeinde im Ruhrgebiet mit Tradition, Paderborn 1991.
Haida, Sylvia: Die Ruhrpolen. Nationale und konfessionelle Identität im Bewusstsein und im Alltag 1871–1918, phil. Diss., Bonn [masch.] 2012.
Kleßmann, Christoph: Polnische Bergarbeiter im Ruhrgebiet 1870–1945. Soziale Integration und nationale Subkultur einer Minderheit in der deutschen Industriegesellschaft, Göttingen 1978.
Murphy, R. C.: Gastarbeiter im Deutschen Reich. Polen in Bottrop 1891–1933, Wuppertal 1982.
Murzynowska, Krystyna: Die polnischen Erwerbsauswanderer im Ruhrgebiet während der Jahre 1880–1914, Dortmund 1979.
Parent, Thomas (Texte) und Thomas Stachelhaus (Fotos): Kirchen im Ruhrrevier, 1850–1935, Münster 1993.
Parent, Thomas: Gute Arbeit, hoher Lohn. Zukunftsversprechen für polnische Immigranten ins Ruhrgebiet und ihre Einlösung, in: War die Zukunft früher besser? Visionen für das Ruhrgebiet, Begleitbuch zur Ausstellung, Essen 2000, S. 43–60.
Peters-Schildgen, Susanne: „Schmelztiegel“ Ruhrgebiet. Die Geschichte der Zuwanderung am Beispiel Herne bis 1945, Essen 1997.
Stefanski, Valentina-Maria: Zum Prozess der Emanzipation und Integration von Außenseitern. Polnische Arbeitsmigranten im Ruhrgebiet, 2. Aufl., Dortmund 1991.