Polnische Überlieferungen in katholischen Kirchen des Ruhrgebiets
Mediathek Sorted
Liturgisches Gerät mit polnischer Stiftungsinschrift
In wenigen Fällen ist liturgisches Gerät überliefert, das eine Kirchengemeinde oder einzelne Priester von Ruhrpolen geschenkt bekamen. Ein Ziborium zur Aufbewahrung von konsekrierten Hostien trägt die Inschrift: Podarunek od polskich niewiast św. Anny (Geschenk der polnischen Frauen der Gemeinde St. Anna). Gemeint ist damit die St.-Anna-Kirche im Dortmunder Unionviertel, seit 2003 Kirche der Polnischen Katholischen Mission (Polska Misja Katolicka).[ ., ., . ]
Aus der Dreifaltigkeitskirche in der Dortmunder Nordstadt stammt ein Messkelch, ein Trinkgefäß für konsekrierten Wein, bei dem unter dem Fuß eine polnische Widmungsinschrift eingraviert wurde: Swemu dyrektorowi, Wiel. k. Mehlerowi Bractwo Różańca św. parafii św. Trójcy. 10. XII. 1913. (An seinen Direktor, den ehrwürdigen Priester Mehler, die Bruderschaft des Heiligen Rosenkranzes der Pfarrei der Heiligen Dreifaltigkeit. 10. Dezember 1913). Auch der Name der Goldschmiedewerkstatt „H[ermann] Cassau“ aus „Paderborn“ ist unter dem Kelchfuß vermerkt.
In den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts machten Ruhrpolen mehr als ein Drittel der Gemeindemitglieder von St. Dreifaltigkeit aus. Es gab dort drei polnische Arbeitervereine sowie die 1911 gegründete Rosenkranz-Bruderschaft, die fast 1.000 Personen vereinigte. Gustav Mehler, der 1908–1930 an dieser Kirche als Kaplan amtierte, gehörte zu den deutschen Geistlichen, die mit finanzieller Unterstützung des preußischen Staates für die Polenseelsorge ausgebildet wurden und dabei die polnische Sprache erlernten. Der Messkelch dokumentiert, dass Mehler beliebt war. Offenbar wurde er nicht unter dem Verdacht abgelehnt, er wolle die polnischen Gläubigen im Auftrag des preußischen Staats germanisieren. Die Amtsbezeichnung dyrektor lässt sich mit „Vereinspräses“ der Rosenkranz-Bruderschaft übersetzen, die er seelsorgerisch betreute. [ ., ., ., . ]
Im vereinsmäßigen Umfeld von St. Dreifaltigkeit wurde im Dezember 1909 der BVB gegründet, der Fußballverein Borussia Dortmund. Dies geschah gegen den ausdrücklichen Willen des verärgerten Kaplans Hubert Dewald, eines Amtsbruders von Gustav Mehler. Dewald sah in dieser „Fußlümmelei“ eine Konkurrenzveranstaltung zu seiner sonntäglichen Jugendseelsorge. Vereinzelte polnische Familiennamen lassen vermuten, dass auch ruhrpolnische Jugendliche an diesem Konflikt beteiligt waren. Auf Dauer gesehen blieben die renitenten Fußballer allerdings treue Katholiken; mehrere von ihnen heirateten später in der Dreifaltigkeitskirche und ließen dort ihre Kinder taufen.
Als „BVB-Gründerkirche“ wird St. Dreifaltigkeit zurzeit zu einem „historischen Erinnerungsort“ umgebaut, „an dem Fußballfans, Gläubige, Nachbarinnen und Nachbarn sowie Menschen mit offenem Herzen zusammenkommen“ sollen. Erklärtermaßen handelt es sich hier um ein „multikulturelles und interreligiöses Projekt“ (bvb-gruenderkirche.de). Als Pfarrkirche wurde das Gotteshaus 2023 geschlossen. Einzelne Gottesdienste können hier aber auch in Zukunft wieder gefeiert werden. Der ruhrpolnische Messkelch wurde von der Dortmunder Nordstadt-Gemeinde „Heilige Drei Könige“ übernommen, zu der die Dreifaltigkeitskirche gehört.