Polnische Überlieferungen in katholischen Kirchen des Ruhrgebiets
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Ruhrpolnische Heiligenverehrung
Die zugewanderten Pol:innen fühlten sich manchen Heiligen verbunden, die auch international große Verehrung genossen. Ihr Marienkult beinhaltete allerdings einen spezifischen nationalpolnischen Akzent. Unter Bezugnahme auf die Ikone der „Schwarzen Madonna“ im Wallfahrtsort Tschenstochau wurde die Gottesmutter auch im Ruhrgebiet als „Königin Polens“ verehrt. [ ., ., . ] Preußische Behörden beanstandeten diesen Kult als unzulässige nationalistische Propaganda. So musste z.B. in Essen-Schonnebeck eine kirchliche Vereinsfahne aufgrund einer Polizeiverordnung umgearbeitet werden; das Madonnenporträt wurde getilgt.
Der heilige Josef, der Ehemann der Gottesmutter und Pflegevater Jesu, wurde im Ruhrgebiet von deutschen wie von polnischen Katholik:innen gleichsam verehrt. [ ., . ] Allein auf Dortmunder Stadtgebiet waren ihm sieben Kirchen geweiht. Als gelernter Zimmermann (vergl. Matthäus-Evangelium, 13,55) gilt er katholischen Werktätigen noch heute weltweit als Schutzpatron.
Enger noch als beim Holzhandwerker Josef besteht bei der Bergbau-Patronin Barbara eine emotionale Verbindung zur Montanindustrie. Einer weit verbreiteten Legende nach lebte Barbara in der römischen Spätantike. Nachdem sie zum Christentum übergetreten war, wurde sie zur Strafe von ihrem heidnischen Vater in einen steinernen Turm gesperrt und schließlich hingerichtet. Im Industriezeitalter interpretierte man Motive wie das Eingeschlossensein in der Dunkelheit und die ständige Todesgefahr als Anknüpfungspunkte für die Bergarbeit untertage. Als Schutzheilige der Bergleute wurde Barbara um 1890 durch Zuwander:innen aus Oberschlesien im Ruhrgebiet eingeführt. Nach 1945 erhielt ihr Kult durch schlesische Flüchtlinge und Vertriebene in Westdeutschland weitere Impulse. Auf Darstellungen in Kirchen der polnischen (und tschechischen) Bergbaureviere hält Barbara – wie auch im Ruhrgebiet – nicht selten ein Hostiengefäß in der Hand, um einem verunglückten Bergleuten die letzte Wegzehrung zu bringen. [ ., ., ., . ]
Mehrere Vereinsnamen verweisen auf polnische Nationalheilige, die im Ruhrrevier vor dem Industriezeitalter nicht verehrt worden waren: Kasimir und Hyazinth, Bronisław und Czesław, Wacław und Jadwiga. Bei Jadwiga handelt es sich um Hedwig von Anjou, 1373–1399 Königin von Polen. [ . ] Besonders populär waren Wojciech und Stanisław Kostka im Ruhrgebiet. Nur von ihnen blieben hier bildliche Darstellungen in zwei Kirchen in Herne und Recklinghausen bis heute erhalten. Sie werden weiter unten vorgestellt und interpretiert. [ ., . ]
An Ruhrpolen, die während des Ersten Weltkriegs für das Deutsche Kaiserreich gekämpft hatten, erinnern in manchen Revierkirchen noch polnische Familiennamen auf Gefallenen-Gedenktafeln. [ ., . ] Nach der Novemberrevolution von 1918 änderte sich die Situation erheblich. Zahlreiche Bergleute zogen in den neu gegründeten polnischen Staat oder in die nordfranzösischen Steinkohlenreviere. Obwohl in der Weimarer Republik kein Germanisierungsdruck mehr bestand, beschleunigte sich bei den verbliebenen Familien in Westdeutschland ein Assimilierungsprozess auf Kosten der polnischen Identität. Gleichzeitig verminderte sich die Wertschätzung der nationalpolnischen Überlieferung in den Kirchen des Ruhrgebiets.
Im Zweiten Weltkrieg fielen manche sakrale Zeugnisse den alliierten Bombenangriffen zum Opfer, z.B. ein Stanislaus-Kostka-Fenster in St. Magdalena in Dortmund-Lütgendortmund. Nach 1945 ersetzte man vielerorts Ausstattungsstücke durch modernes Inventar, u.a. einen Marienaltar in der Liebfrauenkirche von Herne-Baukau, der um 1900 von der örtlichen polnischen Rosenkranzbruderschaft gestiftet worden war. In Gelsenkirchen-Schalke gab es lange eine vielverehrte Rosenkranzmadonna, die mit ihrem gedunkelten Gesicht an die „Königin von Polen in Tschenstochau“ erinnerte. Noch nach ihrer Bergung aus den Trümmern der zerstörten Josefskirche erhielt die Marienfigur in der Notkirche der Nachkriegszeit einen Ehrenplatz, um dann in den 1960er Jahren „in Ersparung einer notwendigen Renovierung vernichtet“ zu werden. [ ., Zitat bei Brandt, Schalke, S. 391]. Währenddessen avancierte die Herzogin Hedwig von Schlesien (1174–1243) zu einer Schutzheiligen für Flüchtlinge und Vertriebene, die damals in der Bundesrepublik Deutschland eine neue Heimat finden mussten. [ . ]