Polnische Überlieferungen in katholischen Kirchen des Ruhrgebiets
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Ruhrpolnische Seelsorge im Konflikt
Die Seelsorge sah sich durch den massenhaften Zustrom von fremdsprachigen Gläubigen sozial stark herausgefordert. Denn das Leben der Bergleute und Stahlarbeiter war von harter und gefährlicher Arbeit im Schichtbetrieb geprägt, von oft unzureichenden Wohnbedingungen, von Entwurzelung und Vereinsamung im unüberschaubaren Gewirr der schmutzigen und vergifteten Stadtlandschaft. Die ortsansässige Bevölkerung misstraute vor allem den polnischen Neuankömmlingen. Man unterstellte ihnen klischeehaft ein tölpelhaftes Verhalten, Leichtsinn, Verlogenheit, Faulheit und Trunksucht. Die farbenfrohe Kleidung der Polinnen galt als geschmacklos, ihre Haushaltsführung als unordentlich.
Vor allem im nördlichen Ruhrgebiet gab es um 1900 regelrechte „Polenzechen“, bei denen die Belegschaft zu mehr als 50 % aus polnischsprachigen Bergleuten bestand. Demzufolge dominierten die Pol:innen zahlenmäßig auch in manchen Kirchengemeinden, z.B. in der Herz-Jesu-Pfarrei in Bottrop [ . ], was bei der alteingesessenen Bevölkerung auf Irritation stieß. Polnische Mehrheiten in gewählten kirchlichen Gremien wurden ignoriert oder sabotiert. Etablierte kirchliche Vereine sperrten sich gegen die Aufnahme von fremdsprachigen Neubürger:innen. Auch deswegen entstand bald ein spezifisch polnisches Vereinswesen im Umfeld der Kirchen. Als Präses amtierte dort aber der deutsche Ortspfarrer oder sein Kaplan. [ . ]
Zu einem zentralen Konfliktfeld entwickelte sich die Verwendung der polnischen Sprache im Gottesdienst. Zunächst erfolgte die geistliche Versorgung im Ruhrgebiet durch Weltpriester polnischer Nationalität, die aus den preußischen Ostprovinzen angeworben wurden. Sie residierten im Bochumer Redemptoristenkloster, aus dem die deutschen Patres im Zuge des preußischen Kulturkamps 1873 ausgewiesen worden waren [ . ], und besuchten von dort aus die einzelnen Pfarrgemeinden. Höhepunkt dieser Seelsorge waren mehrtägige polnische „Volksmissionen“, mit einem breitgefächerten Angebot an Messfeiern, Beichtehören und religiöser Unterweisung.
Besonders rührig wirkte Franciszek Liss seit 1890 im östlichen Ruhrgebiet, der hier u.a. die populäre Zeitung „Wiarus Polski“ gründete. Der umtriebige Pastor geriet aber bald – nicht ganz zu Unrecht – in den Verdacht, im nationalpolnischen Interesse zu agitieren, so dass die preußischen Behörden 1894 beim Bischof von Paderborn seine Abberufung durchsetzen. Danach erfolgte die regionale Ruhrpolen-Seelsorge eine Zeitlang durch oberschlesische Patres aus dem Dortmunder Franziskanerkloster [ . ], nach 1900 verstärkt durch deutsche Weltpriester, die sich die notwendigen Sprachkenntnisse erst aneignen mussten. Diese Kleriker gerieten leicht in den Verdacht, die polnischen Gläubigen im Auftrag des Staates mit Hilfe der Seelsorge germanisieren zu wollen, und stießen daher häufig auf Misstrauen und Ablehnung.
Trotz dieser Konfliktsituation engagierten sich polnische Gemeindemitglieder und Polen-Vereine vielfach für den Bau und die Ausstattung von Kirchen im Ruhrgebiet. Dokumentiert sind finanzielle Zuwendungen u.a. für Dortmund (Franziskanerkloster, Dreifaltigkeitskirche), Gelsenkirchen-Schalke und Recklinghausen-Bruch. In Bottrop-Eigen und Bottrop-Batenbrock unterstützten polnische Gemeindemitglieder solche Projekte auch durch ihre Arbeitskraft: Rentner schafften Ziegel und Sand heran, Bergleute halfen nach der Schicht tatkräftig auf dem Bau.
Zur Ausstattung von Gotteshäusern stifteten ruhrpolnische Gemeindemitglieder oder Vereine mehrfach Altäre, u.a. für Kirchen in Dortmund-Eving (St. Barbara), Herne (St. Bonifatius), Duisburg-Laar (St. Ewaldi) und Castrop-Rauxel-Schwerin (St. Franziskus). Die Stiftung von Beichtstühlen erfolgte wohl meistens aus Anlass einer ruhrpolnischen Mission. Beispiele sind u.a. für Dortmund (St. Aposteln), Dortmund-Marten (Heilige Familie), Herne-Börnig (St. Peter und Paul), Oberhausen-Osterfeld (St. Pankratius) und Duisburg-Meiderich (St. Michael) belegt. Diese Beichtstühle wurden nach der Volksmission auch weiterhin von polnischen Seelsorgern und Gläubigen benutzt.
Zur Erinnerung an solche Ereignisse wurden gelegentlich Missionskreuze mit polnischer Inschrift gestiftet, u.a. in Gelsenkirchen-Bismarck (St. Franziskus), Recklinghausen-Hillerheide (St. Gertrudis) und Dortmund-Nette (St. Josef). Einzelne Priester, denen sich die polnischen Gemeindemitglieder besonders verbunden fühlten, erhielten liturgisches Gerät als Geschenk, z.B. Messkelche oder Hostiengefäße in Witten (Liebfrauenkirche) und Dortmund (St. Anna, Dreifaltigkeitskirche). Von solchen Stiftungen ist im Ruhrgebiet nur noch wenig vorhanden. Diese Objekte werden weiter unten vorgestellt. [ ., ., ., ., ., . ]