IZAIZA. Kreativität zwischen Grafik-Design und Kunst

Izabela Krzyscik (IZAIZA) © Kim Zoe Spix, 2025
Izabela Krzyscik (IZAIZA)

Zawadzkie ist ein ländlicher Flecken im Powiat Strzelecki (ehem. Kreis Groß Strehlitz), der von 1936 bis 1945 Andreashütte hieß und nach der Teilung Oberschlesiens bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs am äußersten Rande des Deutschen Reiches lag. Der Ort zählt heute keine 10.000 Einwohner, spielte aber in der Blütezeit des oberschlesischen Eisenhüttenwesens im 19. Jahrhundert eine Rolle als Industriestandort. Auch noch im 20. Jahrhundert wurde in Zawadzkie ein Stahlwerk betrieben. Izabela Krzysciks Oma mütterlicherseits arbeitete dort als Kranführerin, die Mutter selbst als technische Zeichnerin. Zu Hause sprach die Familie oft Deutsch, zum Beispiel, wenn Izabela und ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester etwas nicht verstehen sollten. Ja, die Oma war 1929 hier geboren und betrachtete sich als Deutsche. Als Zawadzkie wie das übrige Schlesien 1945 gemäß den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz Polen zugeteilt wurde, wäre die Urgroßmutter gerne nach Deutschland ausgewandert. Aber als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern wagte sie den Umzug nicht und blieb in der Gegend, die nun polnisch war. Izabela Krzysciks Großeltern mütterlicherseits blieben zwar ebenfalls als Erwachsene in Polen, identifizierten sich aber keinesfalls mit dem durch sowjetischen Einfluss etablierten Sozialismus. Der Opa äußerte sich so kritisch, dass er als politischer Gefangener zu zehn Jahren in der berüchtigten Haftanstalt Wronki verurteilt wurde. Zwar wurde ernach acht Jahren begnadigt, eine Ausreise war für die Familie Krzyscik nun aber erst recht verboten. 

Am 22.12.1987 verließ Izabela als gerade Zwölfjährige mit Mutter und Schwester dann aber doch das Land und brach nach Hamburg auf. Der Vater war bereits ein Jahr früher dorthin aufgebrochen, angeblich zu einem zweiwöchigen Besuch, von dem er aber wie geplant und abgesprochen nicht zurückkehrte. Nun sollte der Rest der Familie endlich nachkommen. Für die Ausreise nutzten Frau Krzyscik und ihre zwölf und zehn Jahre alten Töchter ein kleines privates Logistikunternehmens, das üblicherweise Pakete auslieferte, manchmal aber auch im PKW Passagiere über die Landesgrenzen brachte. Viel Gepäck passte dort nicht hinein, deshalb ließ die Mutter Holzkisten anfertigen, die sie gut gefüllt mit weiteren Habseligkeiten per Bahn nach Hamburg bringen ließ. Izabela erinnert sich noch gut an die Grenze zur DDR: „Alles wirkte grau, trist, gruselig. Sie hatten da Schäferhunde und Männer in Uniform, die unser Auto durchsuchten.“ Den Neubeginn in Deutschland beschreibt Izabela Krzyscik deutlich positiver: „Ich hatte mir zurechtfantasiert, dass in Deutschland an den Bäumen Süßigkeiten wachsen. Das war zwar nicht so, aber mir gefiel es in Hamburg von Anfang an gut. Es gab einfach viele gute Sachen.“ Sie erzählt auch, dass sie als Kind den Geruch von Shampoos und Waschpulver liebte, die ihre Tante aus Deutschland mitbrachte, eben jene Tante, bei der der Vater erstmal untergekommen war. Als Izabela mit Mutter und Schwester in Hamburg ankam, konnte der Vater sie bereits in einer eigenen Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Bahrenfeld empfangen. 

Izabelas Mutter fand schnell eine Anstellung in der Verwaltung des Krankenhauses Altona, später arbeitete sie bis zu Rente bei der städtischen Polizei. Es half sicher sehr, dass sie bereits gut Deutsch sprach. Izabela lernte die zumindest vom Hören her vertraute Sprache schnell: „Ich war sechs Monate in so einer integrativen Klasse“, sagt sie. „Und es war für mich als polnisches Landei sehr aufregend, weil ich plötzlich mit Kindern aus allen möglichen Ländern zusammenlernte: mit Türkinnen, Indonesiern, Afghanen.“ Auch wenn Izabela Krzyscik ihre Kindheit in Zawadzkie keineswegs als unglücklich beschreibt: Heimweh hatte sie nicht. „Vermutlich war es das Alter“, sagt sie. „Und all die neuen Eindrücke und Möglichkeiten. Ich habe einfach nicht zurückgeschaut.“ Die Schule fiel ihr nicht schwer. Sie hätte durchaus Abitur machen können. Aber die Idee, schon mit 16 Jahren in einer Ausbildung eigenes Geld zu verdienen, fand sie verlockender. Auch weil sie möglichst bald unabhängig sein wollte und sich schon auf eine eigene Wohnung freute. Die Eltern unterstützten dieses Vorhaben: Warum Abitur machen und studieren, wenn man es auf kürzerem und sicherem Weg in Deutschland zu etwas bringen kann? Weil Izabela Krzyscik an der Schule in Chemie, Mathe und Physik gut gewesen war, bewarb sie sich für eine Ausbildung zur Chemikantin bei Beiersdorf. Der weltweit agierende Konsumgüter-Konzern mit Hauptsitz in Hamburg hatte einen guten Ruf. Izabela Krzyscik schloss die Ausbildung ab, bekam eine Festanstellung und – fand die Arbeit in der Nivea-Produktion bald langweilig. Auch hatte sie nicht das Gefühl, dass sie in den Betrieb passte. Während ihre meist älteren Kollegen von Haus und Auto, bezahltem Urlaub und Familiengründung träumten, konnte Izabela mit all diesen Zielen damals wenig anfangen. „Ich habe mich im Team wie ein Alien gefühlt“, sagt sie. „Nicht nur, weil ich die einzige Frau war, sondern auch verglichen mit den anderen ein Paradiesvogel.“ 

Izabela Krzyscik entdeckte in Hamburg ihre Liebe zu elektronischer Musik, ging in ihrer Freizeit gerne auf Technoparties und lernte dort in einer wild durchtanzten Nacht eine junge Frau kennen, mit der sie sich sofort anfreundete. Diese Freundin studierte Grafik-Design, und was sie darüber erzählte, klang zu verlockend. Izabela schaute sich zusammen mit ihrer Freundin einen Tag lang die Hochschule und den Unterricht an und wusste schnell: Das ist, was ich machen will. Gezeichnet hatte sie schon als Kind. Gerne einfach irgendwelche Muster, gerne schwarz-weiß. Jetzt wollte sie das Handwerk dazu lernen. Sie hatte genug Geld gespart, um ihre Anstellung bei Beiersdorf zu kündigen und ein Grafik-Design-Studium zu beginnen. In den Semesterferien konnte sie weiter im alten Betrieb jobben. „Das war absolut die richtige Entscheidung“, sagt Izabela Krzyscik. „Es hat sich von Anfang an gut angefühlt und ich habe es bis zum Abschluss nicht bereut.“ Nach dem Studium bekommt sie gleich eine Festanstellung in einer Agentur. Insgesamt arbeitet Izabela Krzyscik fünf Jahre in verschiedenen Werbeagenturen, darunter Publicis und Scholz & Friends.

Allerdings stellte sie bald fest, dass sie sich im Arbeitsalltag klassischer Großagenturen sowohl inhaltlich als auch künstlerisch deplatziert fühlte. Eine eigene Handschrift ist nicht erwünscht, und was große Firmen schließlich als Corporate Design in Auftrag geben oft ein mittelmäßiger Kompromiss. Der Plan reift langsam, aber dann geht es eigentlich schnell. Izabela Krzyscik macht sich mit 33 Jahren selbständig. Sie schreibt einen Businessplan, erhält einen Gründungszuschuss, kann sich nach und nach einen Kundenstamm aufbauen. Dabei hilft es ihr anfangs, dass sie auch für ihre ehemaligen Arbeitgeber hin und wieder als freie Mitarbeiterin gebucht wird. Die kreative Seite ihrer Selbständigkeit fällt Krzyscik leichter als die geschäftliche. Akquise, Buchhaltung, Honorarverhandlungen – all das muss sie erst teils mühsam lernen. „Das kreative Talent wurde mir hingegen in die Wiege gelegt“, sagt Krzyscik. „Meine Mutter konnte ja nicht nur sehr akkurat zeichnen, sie war auch ausgebildete Schneiderin.“ Sie erinnert sich daran, wie sie als Kind manchmal im Büro der Mutter stand und deren großformatige technische Zeichnungen in schwarz-weiß bewunderte: „Ich war vollkommen hin und weg von diesen klaren schwarzen Linien auf Weiß. Ich hätte so gerne eine der originalen Zeichnungen meiner Mutter. Auch wenn das nur Maschinenteile waren, für mich waren es damals Kunstwerke die mich nachhaltig geprägt haben.“ Auch ihren Opa erwähnt Krzyscik als kreativen Einfluss. Sie erzählt von seiner kleinen Werkstatt in Zawadzkie, in der er Dinge des Alltags herstellte: Lampen, Kerzenständer, Schmuckkästchen, in die er Muster gravierte. „Bei uns zu Hause gab’s neben gekaufter Standardware viel Handgefertigtes“, erinnert sich Izabela Krzyscik. „Dinge zum zweiten oder dritten Mal zu verwerten, nennt sich heute in Hamburg ‚nachhaltig‘, ‚vintage‘ oder ‚Upcycling‘. Bei uns in Polen war das damals einfach normal, weil es an vielem mangelte, Kreativität war daher ständig gefragt.“ 

Nach und nach wurde Izabela Krzyscik als Grafik-Designerin, Künstlerin und Illustratorin gefragter. Schließlich gab sie sich 2010 den Künstlernamen IZAIZA, auch als Protest gegen die stillschweigend vorgenommene Eindeutschung ihres Namens: „Eine Sachbearbeiterin beim Amt in Hamburg hat meinen Eltern empfohlen, mich von Izabela in Isabella umzubenennen, damit es zu keinen Komplikationen kommt. Und meine Eltern wollten keine Komplikationen. Jetzt ist das ‚Z‘ wieder da!“ Als freiberufliche Grafikerin übernimmt IZAIZA eine breite Palette an Aufträgen. So wurde sie zum Beispiel schon früh für die Gestaltung von Plattencovern angefragt. Solche Jobs liegen ihr sehr, denn hier kann sie ihren Ideen freien Lauf lassen. Außerdem ist Musik ein wichtiger Teil ihres Alltags und ihres kreativen Prozesses. „Bei der Arbeit höre ich eigentlich immer Musik“, sagt sie. Und so entstehen Cover für Künstler:innen wie Magit Cacoon, La Fleur oder John Tejada. Für eine DJ-Tour gestaltet sie die Plakate, Tickets und anderes Werbematerial. Die kamen so gut an, dass die Grafik-Designerin die DJs auf Tour begleiten und eventbezogene Ausstellungen ihrer Kunst zeigen durfte. Diese Tour führte die Künstlerin unter anderem ins hippe Viertel Shibuya in der japanischen Metropole Tokio.

Andere Projekte, die die Bandbreite von IZAIZA andeuten, sind die Kooperation mit einer Goldschmiedin, die ausgehend von Izabelas Illustrationen eine Schmuckkollektion entwarf. Oder aber die Gestaltung der Etiketten für Ylumi, eine Firma, die hochwertige Nahrungsergänzungsmittel in Zusammenarbeit mit Expert:innen für Traditionelle Chinesische Medizin anbietet. Die minimalistischen und doch leicht verspielten Grafiken von Izabela Krzyscik machen sich auf diesen Produkten ausgezeichnet. Das gilt auch für die Etiketten der beiden „Somersault“-Weine (ein Weißwein und ein Rosé) des Weinguts Bergdolt-Reif & Nett sowie der Moderatorin Nova Meierhenrich. Jüngere Arbeiten von IZAIZA finden sich etwa in einer kleinen Kooperation mit Bang & Olufsen. Und dann sind da die Monster, mit denen die Künstlerin jüngst ein Zimmer – den artroom 906 – der Villa Viva im Hamburger Münzviertel dekorieren durfte. „Mit dem Malen dieser Monster habe ich in der Corona-Zeit angefangen“, sagt IZAIZA. „Es ist für mich eine richtige Liebe daraus geworden.“ Die Künstlerin mag das Einfache, Schlichte, Unperfekte. Das heißt allerdings nicht, dass nicht viel Mühe und Expertise hinter den Logos, Skizzen und characters abstrakten Porträts steckt, die anfangs wie die Bauzeichnungen der Mutter in schwarz-weiß gehalten waren, heute aber oft auch farbig sind. 

Nach Polen fährt Izabela Krzyscik etwa zwei- bis dreimal im Jahr. Und fast immer nach Mrzeżyno. In dem kleinen Fischerort an der Ostsee hat ihre Mutter ein Ferienhäuschen. Die fest in Hamburg verwurzelte Grafik-Designerin interessiert sich aber nicht nur im Urlaub für Polen. Mit Begeisterung verfolgt sie die Erfolge polnischer Designer wie zum Beispiel Krzysztof Łukasik, der von Chanel im Mai 2025 zum neuen Design Director für kleine Lederwaren und Brillen ernannt wurde. Auch liebt sie die Arbeiten polnischer Designerinnen wie Gosia Baczyńska oder Magda Butrym. Für Izabela Krzyscik stehen diese Namen für eine größere Entwicklung. Sie formuliert es so: „Ich beobachte mit Freude dieses gewachsene Selbstbewusstsein der jungen Polinnen und Polen. Die gucken längst nicht mehr ehrfürchtig oder unsicher nach Deutschland. Die gehen ihren eigenen, weltgewandten Weg!“ 

 

Anselm Neft, August 2025

 

Ein umfangreiches Archiv mit aktuellen und früheren Arbeiten von IZAIZA findet sich auf Instagram

Die Künstlerin im Netz: https://www.izaiza.org 

Mediathek
  • Izabela Krzyscik (IZAIZA)

    2025
  • Von IZAIZA gestalteter Raum in der Villa Viva

    Ausschnitt, 2025
  • IZAIZA – Kurzporträt

    Video: Kay Tennemann, Musik "Silk": @koltbach, 2021