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Hirzenhain. Zwangsarbeit, Massenerschießung und Erinnerung

Foto von der Zeremonie zur Enthüllung des Denkmals in Hirzenhain. Die Polnische Delegation steht am Denkmal, Oktober 1945.

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  • Abb. 1: Annahmebefehl von Władysława H.  - „Wohnort: Außenstelle Hirzenhain“, 12.8.1943
  • Abb. 2: Schreiben der Gestapo Darmstadt bezüglich Anna G. 
 - Entlassung aus Hirzenhain und Überstellung an die Gestapo, 9.9.1943
  • Abb. 3: Poesiealbum von Maria F. aus dem AEL 
 - Mit Einträgen polnischer Häftlingsfrauen
  • Abb. 4: Poesiealbum von Maria F. aus dem AEL - Eintrag einer Leidensgenossin aus Hirzenhain, 1.10.1944
  • Abb. 5: Poesiealbum von Maria F. aus dem AEL - „Traurig verbrachte Momente“, 1.10.1944
  • Abb. 6: Poesiealbum von Maria F. aus dem AEL - „Erinnere dich an unser gemeinsames Leid in Hirzenhain“, November 1944
  • Abb. 7: Polnische zivile Zwangsarbeitskräfte in Hirzenhain - Im Hintergrund das „freie“ Lagerleben
  • Abb. 8: Polnische zivile Zwangsarbeiterinnen - Im Lager der Breuer-Werke durften sich die Häftlinge frei bewegen und Ausflüge unternehmen.
  • Abb 9: „Zur Erinnerung an die Zeit in den Sammelbaracken in Hirzenhain“ - Widmung einer Fotografie, 6.9.1944
  • Abb. 10: Polnische zivile Zwangsarbeiterinnen - Vor einer Wohnbaracke im Zwangsarbeitslager der Breuer-Werke
  • Abb. 11: „Ich schenke meiner lieben Mama mein Foto. Die Stieftochter“  - Widmung der Fotografie (Abb. 10) 

  • Abb. 12: Topografie der Lager, gez. 1948  - Das AEL und das Zwangsarbeitslager befanden sich in unmittelbarer Nähe zueinander.
  • Abb. 13: Zeitzeugenbericht vom Juli 1950 - Während des Massakers drei Tage lang eingesperrt…
  • Abb. 14: Prozess gegen Emil Fritsch - Zeitungsausschnitt vom 17.1.1951, Gießener Anzeiger
  • Abb. 15: Ein Zeuge gibt den genauen Zeitpunkt der Exekution an - Zeitungsausschnitt vom 20.1.1951
  • Abb. 16: Zeugenaussagen zum Massengrab - Zeitungsausschnitt
  • Abb. 17: Überraschende Wendung in der Aussage des Angeklagten Fritsch - Zeitungsausschnitt vom 26.1.1951, Gießener Anzeiger
  • Abb. 18: Der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil - Zeitungsausschnitt vom 6.7.1951, Freie Presse
  • Abb. 19: Foto der Exhumierung, Hirzenhain, Mai 1945 - Massengrab am Waldrand
  • Abb. 20: Foto der Exhumierung, Hirzenhain, Mai 1945 - Im Hintergrund amerikanische Soldaten
  • Abb. 21: Foto der Exhumierung, Hirzenhain, Mai 1945 - Massengrab am Waldrand
  • Abb. 22: Das Denkmal in Hirzenhain, Oktober 1945 - Foto von der Zeremonie zur Enthüllung mit Gedenktafeln in vier Sprachen
  • Abb. 23: Foto von der Zeremonie zur Enthüllung des Denkmals in Hirzenhain - Die Polnische Delegation steht am Denkmal. Oktober 1945
  • Abb. 24: Foto von der Zeremonie zur Enthüllung des Denkmals in Hirzenhain - Die 3. Person links des Denkmals ist Jan F. in einer Pfadfinderuniform. Oktober 1945
  • Abb. 25: US-Bericht vom 23.6.1947 - Information über die Exhumierung und Hinrichtung von 9 Männern und 78 Frauen in Hirzenhain
Foto von der Zeremonie zur Enthüllung des Denkmals in Hirzenhain. Die Polnische Delegation steht am Denkmal, Oktober 1945. © IPN BU 3695/325
Foto von der Zeremonie zur Enthüllung des Denkmals in Hirzenhain. Die Polnische Delegation steht am Denkmal, Oktober 1945.

Gedenken
 

Als die Amerikaner am 30. März 1945 in Hirzenhain einmarschierten, war das AEL bereits liquidiert. Gerüchte über ein Massengrab verbreiteten sich rasch im Ort und veranlassten manche Einwohner, nachzuforschen. Zunächst fühlte sich niemand verpflichtet, die Leichen zu bergen, da man davon ausging, dass sich das Massengrab außerhalb der Gemeinde, in der Steinberger Gemarkung, befinde. Anfang Mai ordneten jedoch die amerikanischen Behörden an, die Leichen zu exhumieren und zunächst auf dem Friedhof in Särge zu legen. Die Exhumierungsarbeiten wurden von deutschen Einwohnern unter Aufsicht polnischer Militärdienste durchgeführt (Abb. 19–21 . ). Unter den befreiten polnischen Zwangsarbeitskräften herrschte damals die Meinung vor, nur ihre Landsleute seien ermordet worden.[24]

Anfang Oktober 1945 wurde auf dem Friedhof in Hirzenhain ein Denkmal für ermordete Häftlinge enthüllt. Das Denkmal hatte die Form eines Kreuzes und war mit Gedenktafeln in polnischer, deutscher, französischer und englischer Sprache versehen. Die Inschrift in deutscher Sprache lautete: 

„Hier ruhen in Frieden diejenigen, die die Schrecken der Konzentrationslager erlebt haben. Sie fielen unter den Hieben der Henker am 3.4.1945. Es war ihnen nicht vergönnt, das Licht der Freiheit aufleuchten zu sehen. Ehre ihrem Andenken! Die polnischen Soldaten des Lagers Warszawa in Hirzenhain 1945“. 

Unmittelbar nach der Enthüllung des Denkmals versammelte sich eine wohl überwiegend polnische Gruppe, um der Opfer zu gedenken. Die Gedenkstunde wurde mit Fotos dokumentiert. Jan F., ein Teilnehmer der Zeremonie, überreichte dem oben erwähntem Antoni K. im DP-Lager „Gniezno“ in Niederlahnstein diese drei Fotos (Abb. 22–24 . ).

Die Opfer des Massakers fanden schließlich ihre ewige Ruhe auf dem Kriegsopferfriedhof im Kloster Arnsburg, der 1959/60 nach dem Kriegsgräbergesetz eingerichtet wurde. Sein Zweck war es, eine würdige Bestattung für Einzel- und Massenkriegsopfer aus drei hessischen Landkreisen zu schaffen. Entgegen der bisherigen Praxis wurden Kriegsopfer unterschiedlicher Nationalitäten nebeneinander bestattet. Im Jahr 1959 fand die Umbettung der Gräber von Hirzenhain statt. Besonderes Interesse galt den sechs angeblich männlichen Opfern, da unter den Bewohnern Hirzenhain Gerüchte kursierten, es handele sich um die Leichen von SS-Männern, die erschossen worden waren, weil sie sich geweigert hätten, an der Hinrichtung teilzunehmen. Erst die Einsicht in die Prozessakten von 1951 ermöglichte es, die tatsächlichen Umstände aufzuklären und die Leichen eindeutig als ehemalige Lagerhäftlinge zu identifizieren.

1960 veröffentlichte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Sonderbroschüre „Kriegsopferfriedhof Kloster Arnsburg in Oberhessen“. Darin wurden auch Informationen über sechs männliche Leichen bekannt gegeben, die als „Opfer der politischen Gewalt“ galten.[25] 1996 wurden die Gräber mit zwei Gedenktafeln gekennzeichnet, die über das Verbrechen und seine Opfer informierten. Lediglich die Namen zweier Ermordeter konnten dank Nachforschungen der Familienangehörigen ermittelt werden. Bis 2017 ging man davon aus, dass 81 Frauen und sechs Männer in Hirzenhain massenhaft erschossen wurden. Detaillierte Recherchen ergaben jedoch, dass es sich um 76 Frauen und elf Männer handelte.[26] Bemerkenswert ist, dass amerikanische Daten aus dem Jahr 1947 78 Frauen und neun Männer als Opfer auflisten (Abb. 25 . ).[27] Zuletzt wurden neue Informationstafeln konzipiert, so dass die Gedenkstätte auch als ein Lernort fungieren kann.

Nachdem die Gräber in den Jahren 1959/1960 in das Kloster Arnsburg überführt worden waren, verblieb das 1945 gestiftetes Denkmalkreuz auf dem Friedhof in Hirzenhain. 1990 wurde dieses Kreuz an den Ort des Massakers gebracht, wo es sich bis heute befindet. Hier finden regelmäßig Gedenkfeiern statt. Darüber hinaus wird das Verbrechen demnächst Gegenstand einer Graphic Novel sein, die eine Auseinandersetzung mit dem Thema bietet.[28]

 

Katarzyna Woniak, November 2025

 

[24] Frank, Pötter (Hrsg.): Massenmord der SS in Hirzenhain in Arnsburg vergessen, Bund der Antifaschisten Gießen, Gießen 1980, S. 22. 

[25] Bundesarchiv Berlin, Abteilung Ludwigsburg, B162/16911.

[26] Hartmann Götz: Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg, URL: https://hessen.volksbund.de/aktuell/projekte/artikel/kriegsgraeberstaette-kloster-arnsburg (Stand: 15.01.2024).

[28] Vor 80 Jahren: Erinnerung an Massenmord am Waldrand zwischen Hirzenhain und Steinberg: https://www.fnp.de/lokales/wetteraukreis/vor-80-jahren-erinnerung-an-massenmord-am-waldrand-zwischen-hirzenhain-und-steinberg-93652147.html (zuletzt aufgerufen am: 25.10.2025).