Hirzenhain. Zwangsarbeit, Massenerschießung und Erinnerung
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Gedenken
Als die Amerikaner am 30. März 1945 in Hirzenhain einmarschierten, war das AEL bereits liquidiert. Gerüchte über ein Massengrab verbreiteten sich rasch im Ort und veranlassten manche Einwohner, nachzuforschen. Zunächst fühlte sich niemand verpflichtet, die Leichen zu bergen, da man davon ausging, dass sich das Massengrab außerhalb der Gemeinde, in der Steinberger Gemarkung, befinde. Anfang Mai ordneten jedoch die amerikanischen Behörden an, die Leichen zu exhumieren und zunächst auf dem Friedhof in Särge zu legen. Die Exhumierungsarbeiten wurden von deutschen Einwohnern unter Aufsicht polnischer Militärdienste durchgeführt (Abb. 19–21 . ). Unter den befreiten polnischen Zwangsarbeitskräften herrschte damals die Meinung vor, nur ihre Landsleute seien ermordet worden.[24]
Anfang Oktober 1945 wurde auf dem Friedhof in Hirzenhain ein Denkmal für ermordete Häftlinge enthüllt. Das Denkmal hatte die Form eines Kreuzes und war mit Gedenktafeln in polnischer, deutscher, französischer und englischer Sprache versehen. Die Inschrift in deutscher Sprache lautete:
„Hier ruhen in Frieden diejenigen, die die Schrecken der Konzentrationslager erlebt haben. Sie fielen unter den Hieben der Henker am 3.4.1945. Es war ihnen nicht vergönnt, das Licht der Freiheit aufleuchten zu sehen. Ehre ihrem Andenken! Die polnischen Soldaten des Lagers Warszawa in Hirzenhain 1945“.
Unmittelbar nach der Enthüllung des Denkmals versammelte sich eine wohl überwiegend polnische Gruppe, um der Opfer zu gedenken. Die Gedenkstunde wurde mit Fotos dokumentiert. Jan F., ein Teilnehmer der Zeremonie, überreichte dem oben erwähntem Antoni K. im DP-Lager „Gniezno“ in Niederlahnstein diese drei Fotos (Abb. 22–24 . ).
Die Opfer des Massakers fanden schließlich ihre ewige Ruhe auf dem Kriegsopferfriedhof im Kloster Arnsburg, der 1959/60 nach dem Kriegsgräbergesetz eingerichtet wurde. Sein Zweck war es, eine würdige Bestattung für Einzel- und Massenkriegsopfer aus drei hessischen Landkreisen zu schaffen. Entgegen der bisherigen Praxis wurden Kriegsopfer unterschiedlicher Nationalitäten nebeneinander bestattet. Im Jahr 1959 fand die Umbettung der Gräber von Hirzenhain statt. Besonderes Interesse galt den sechs angeblich männlichen Opfern, da unter den Bewohnern Hirzenhain Gerüchte kursierten, es handele sich um die Leichen von SS-Männern, die erschossen worden waren, weil sie sich geweigert hätten, an der Hinrichtung teilzunehmen. Erst die Einsicht in die Prozessakten von 1951 ermöglichte es, die tatsächlichen Umstände aufzuklären und die Leichen eindeutig als ehemalige Lagerhäftlinge zu identifizieren.
1960 veröffentlichte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Sonderbroschüre „Kriegsopferfriedhof Kloster Arnsburg in Oberhessen“. Darin wurden auch Informationen über sechs männliche Leichen bekannt gegeben, die als „Opfer der politischen Gewalt“ galten.[25] 1996 wurden die Gräber mit zwei Gedenktafeln gekennzeichnet, die über das Verbrechen und seine Opfer informierten. Lediglich die Namen zweier Ermordeter konnten dank Nachforschungen der Familienangehörigen ermittelt werden. Bis 2017 ging man davon aus, dass 81 Frauen und sechs Männer in Hirzenhain massenhaft erschossen wurden. Detaillierte Recherchen ergaben jedoch, dass es sich um 76 Frauen und elf Männer handelte.[26] Bemerkenswert ist, dass amerikanische Daten aus dem Jahr 1947 78 Frauen und neun Männer als Opfer auflisten (Abb. 25 . ).[27] Zuletzt wurden neue Informationstafeln konzipiert, so dass die Gedenkstätte auch als ein Lernort fungieren kann.
Nachdem die Gräber in den Jahren 1959/1960 in das Kloster Arnsburg überführt worden waren, verblieb das 1945 gestiftetes Denkmalkreuz auf dem Friedhof in Hirzenhain. 1990 wurde dieses Kreuz an den Ort des Massakers gebracht, wo es sich bis heute befindet. Hier finden regelmäßig Gedenkfeiern statt. Darüber hinaus wird das Verbrechen demnächst Gegenstand einer Graphic Novel sein, die eine Auseinandersetzung mit dem Thema bietet.[28]
Katarzyna Woniak, November 2025
[24] Frank, Pötter (Hrsg.): Massenmord der SS in Hirzenhain in Arnsburg vergessen, Bund der Antifaschisten Gießen, Gießen 1980, S. 22.
[25] Bundesarchiv Berlin, Abteilung Ludwigsburg, B162/16911.
[26] Hartmann Götz: Kriegsgräberstätte Kloster Arnsburg, URL: https://hessen.volksbund.de/aktuell/projekte/artikel/kriegsgraeberstaette-kloster-arnsburg (Stand: 15.01.2024).
[27] Arolsen Archives, 1.1.0.7 / 87767392: https://collections.arolsen-archives.org/de/document/87767392.
[28] Vor 80 Jahren: Erinnerung an Massenmord am Waldrand zwischen Hirzenhain und Steinberg: https://www.fnp.de/lokales/wetteraukreis/vor-80-jahren-erinnerung-an-massenmord-am-waldrand-zwischen-hirzenhain-und-steinberg-93652147.html (zuletzt aufgerufen am: 25.10.2025).