Hirzenhain. Zwangsarbeit, Massenerschießung und Erinnerung
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Arbeitserziehungslager
Das im Sommer 1944 eingerichtete Arbeitserziehungslager (AEL), das nicht der Justiz, sondern der Geheimpolizei unterstellt war, hatte eine andere Struktur. Es wurde wahrscheinlich zur Beseitigung von Schäden nach Luftangriffen auf die Arbeitsstätten eingerichtet, als der Bedarf an Arbeitskräften in dieser kleinen Gemeinde weiter anstieg und die Rüstungsproduktion nicht eingestellt werden durfte.[14] Eine andere Version besagt, dass das AEL nach Luftangriffen auf das Polizeigefängnis in Frankfurt am Main gegründet wurde. Daraufhin sollte es an einen sicheren Ort verlegt werden.[15] In einem Zeitzeugenbericht wird jedoch die Umfunktionierung des Justizstraflagers in ein AEL erwähnt.[16]
Das Lager wird allgemein als AEL bezeichnet, offiziell wurde es jedoch als „erweitertes Frauengefängnis“ mit einer Kapazität von 250–300 Personen geführt. In diesem Polizeigefängnis für Frauen befanden sich auch etwa ein Dutzend männliche Häftlinge, die bei diversen Baumaßnahmen beschäftigt waren. Das AEL wurde von etwa 30 Wärtern beaufsichtigt. Einige Aufseherinnen übten Gewalt gegen die Gefangenen aus. Das Lager unterstand der Sicherheitspolizei in Wiesbaden und der Gestapo in Frankfurt. Entscheidungen über Gefangennahme und Entlassung wurden in Frankfurt getroffen. Das AEL war von der lokalen Bevölkerung getrennt, und der Zutritt war verboten. Es wurden hauptsächlich Frauen aus Polen und Osteuropa festgehalten, aber auch deutsche Frauen, die mit der Gestapo in Konflikt geraten waren, wurden inhaftiert. Im AEL wurde Gefängniskleidung getragen, teilweise mit AEL-Abzeichen. Insassen arbeitete in einer überwachten Kolonne bei den Breuer-Werken. Die Haftdauer im AEL betrug in der Regel 56 Tage, doch auch danach blieben Frauen im Lager und arbeiteten weiterhin als angelernte Arbeitskräfte für die Breuer-Werke.
Zwangsarbeitslager
Neben dem Straf- und dem Polizeilager gab es in Hirzenhain ein Zivillager für ausländische Frauen und Männer, das in 1942 auf dem Firmengelände errichteten Baracken untergebracht war. Im März 1944 lebten dort 62 polnische Zivilisten. Ein großer Teil der Personen im Lager waren „Ostarbeiter“ – 564 im Januar 1945.[17] Im Lager befand sich auch der 23-jährige Antoni K., der 1983 vor den polnischen Ermittlungsbehörden über das Verbrechen in Hirzenhain aussagte. Ihm zufolge lag das Zivillager direkt neben dem Straflager. Er sah oft, wie die weiblichen polnischen Häftlinge des Straflagers bei jedem Wetter lange Appelle in ihrem Lager aushalten mussten.[18] Die Insassen des Zivillagers durften sich frei bewegen, wie die erhaltenen Fotos polnischer Zwangsarbeiterinnen zeigen (Abb. 7–11 . ).
Die drei erwähnten Lager waren nicht institutionell miteinander verbunden, befanden sich aber in unmittelbarer Nähe zueinander (Abb. 12 . ). Gemeinsam war ihnen die Arbeit in den Breuer-Werken, wo insgesamt ca. 1.100 ausländische Zwangsarbeitskräfte beschäftigt waren. Die Bewohner der Lager beobachteten sich teilweise gegenseitig, durften aber nicht miteinander sprechen. Nur in den Produktionshallen gingen sie aneinander vorbei und warfen sich gegenseitig geheime Briefe mit der Bitte um Hilfe zu.