Die polnische Diaspora im Elsass. In Fotografien festgehalten
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Die polnische Diaspora im Elsass in Fotografien – historischer Kontext
Die Geschichte der polnischen Migrant:innen, die sich im elsässischen Kalirevier (Bassin Potassique) niederließen, ist ein faszinierendes Beispiel für Wirtschaftsmigration. In der Forschung zu diesem Thema spielen Fotografien als kostbare Quellen historischen Wissens eine entscheidende Rolle. Obwohl es sich bei den Aufnahmen der polnischen Diaspora im Elsass vorwiegend um Gruppenbilder und Genreszenen handelt, so bergen sie doch weitere Informationen in sich. Die Analyse dieser Fotografien sollte sich jedoch nicht auf oberflächliche Beschreibungen wie z. B. „eine Gruppe von Personen mit Gebäuden im Hintergrund“ beschränken, sondern erfordert eine geschichtswissenschaftliche Interpretation. Andernfalls wären die Fotografien lediglich visuelle Artefakte ohne tieferen Sinn. Deshalb sind die Bemühungen von Forscher:innen und Archivar:innen um die korrekte Lesart der Aufnahmen im historischen Kontext von besonderer Bedeutung.
Viele Pol:innen fassten den Entschluss, ins Elsass zu ziehen, aus der Not heraus. Besondere Beachtung verdienen dabei die Erinnerungen der ersten Migrant:innen. Ihnen wurden zwar Unterkünfte zur Verfügung gestellt, doch die Ausstattung erwies sich als bescheiden. Eine kurze Beschreibung davon lautet: „(…) zwei Betten, eine Matratze, zwei Decken, ein Schrank. In der Küche – eine kleine Kommode, ein Tisch, zwei Stühle und ein Hocker, ein gusseiserner Ofen, fünfundzwanzig Kilogramm Kohle und drei Holzscheite.“ Besonders interessant ist, wie detailliert die Umgebung geschildert wird. Den polnischen Migrant:innen ist alles sehr genau in Erinnerung geblieben, da gerade für sie, die buchstäblich mit leeren Händen ankamen, jedes Detail von größter Bedeutung war. Aus den Berichten geht hervor, dass sie zunächst 25 Franken für grundlegende Bedürfnisse – „Brot, Salz und Schmalz“ – erhielten. Ein ehemaliger Bergarbeiter zählt die später erhaltenen Summen mit geradezu buchhalterischer Präzision auf: „Diese 25 Franken mussten vom 4. bis zum 15. ausreichen. Am 15. erhielten wir einen Vorschuss in Höhe von 108 Franken...“[10]
Der Anfang war besonders schwer. Die neuen Werkzeuge und Arbeitsmethoden sowie die fremde Kultur stellten die Bergleute vor große Herausforderungen. Ohne jegliche Einweisung, nur mit kurzen, barschen Befehlen in einer ihnen unbekannten Sprache, mussten sie sich ihren neuen Aufgaben stellen.
Die Verwaltung des Kalibergwerks führte ein Lohnabzugssystem für die Instandhaltung der Unterkünfte ein. Wies ein Haus nach einem Jahr keine Schäden auf, wurde den Bewohner:innen das Geld zurückerstattet. Trotz Zugang zu allen damals verfügbaren „Errungenschaften der Zivilisation“ war das Leben der Migrant:innen oft alles andere als komfortabel. In den Bergwerken herrschte eine Temperatur von 40–50 Grad Celsius, was zu Ohnmachtsanfällen führte. Am Anfang galt die größte Sorge der Bergleute noch dem Unfallrisiko, doch mit der Zeit begannen sie, sich vor allem auf den Kampf gegen die unerträgliche Hitze zu konzentrieren.[11] Nach Ende ihrer Schicht im Bergwerk halfen viele polnische Bergarbeiter noch den lokalen Landwirten bei der Kartoffel-, Getreide- oder Heuernte sowie bei der Weinlese aus. Dort wurde insbesondere ihr geschickter Umgang mit der Sense geschätzt. Ihren Lohn erhielten sie oft in Naturalien, in Form von Lebensmitteln, von denen sie sich und ihre Familien ernähren konnten. Dieser Nebenerwerb war insbesondere während der Krise der 1930er Jahre von größter Bedeutung.[12]
Die Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren hatte dramatische Folgen für die polnische Diaspora. Tausende Migrant:innen verloren ihre Arbeitsplätze. In den Jahren 1934–1935 kam es zu einer Massenmigration zurück nach Polen. Die Tatsache, dass die französischen Bergleute sich dem Schicksal ihrer polnischen Kollegen gegenüber gleichgültig zeigten und manchmal sogar erfreut waren, ihre zurückgelassenen Möbel günstig erwerben zu können, hinterließ ein tiefes Gefühl der Isolation und Enttäuschung.[13]
Die Beziehungen zwischen den polnischen Migrant:innen und den französischen Bergleuten waren oft angespannt. Die kulturellen und wirtschaftlichen Differenzen erzeugten eine starke Rivalität. „Sie hatten sich ihre Bauernhöfe schon erarbeitet, wir dagegen waren arm und hatten keine Wahl“, kommentierte ein polnischer Bergarbeiter. Echte Freundschaften zwischen Pol:innen und Elsässer:innen gab es nur selten, Mischehen kamen so gut wie nie vor. Selbst am Barbarafest nahmen Elsässer:innen nur dann teil, wenn sie eng mit Pol:innen befreundet waren. In den Beziehungen zwischen den polnischen und den französischen Bergleuten war die Unterscheidung in „wir“ und „die anderen“ deutlich spürbar. Es gab eine klare Grenze zwischen Einheimischen und Zugewanderten – denjenigen, die bereits Teil der elsässischen Gesellschaft waren, und denjenigen, die sich ihren Platz darin erst erkämpfen mussten. Die älteren Bergarbeiter reagierten auf diese Ablehnung und Feindseligkeit oft gleichgültig. Ihre Familien jedoch, insbesondere Ehefrauen und Kinder, litten oft sehr darunter. Konflikte mit den französischen Bergleuten, die nun die Minderheit in den Bergwerken bildeten, waren vorprogrammiert. Die polnischen Bergarbeiter wurden gezwungen, die schwersten Arbeiten zu verrichten; daher strebten sie eine Beförderung an, um für ihre Arbeit besser entlohnt zu werden.[14]
Die Integration im Arbeitsumfeld äußerte sich oft in einer Art „familiärer Ironie“. Ein Zeichen dafür, dass man in seinem Umfeld angekommen war, war die Vergabe von Spitznamen, die zudem die Individualität der betreffenden Personen betonten. So erhielt ein Bergarbeiter, der ein Schaf bei einer Lotterie gewonnen hatte, den Spitznamen „Bé“. Ein anderer hingegen, der stolz darauf war, 1919 bei der polnischen Luftwaffe gedient zu haben, wurde „Awiator“ genannt.[15]
Sprachkenntnisse spielten eine entscheidende Rolle für den Aufbau zwischenmenschlicher Beziehungen. Viele polnische Bergleute beherrschten die französische Sprache selbst nach vielen Jahren in Frankreich nicht ausreichend. In den Bergwerken wurde vorwiegend Polnisch oder Elsässisch gesprochen; viele Unternehmer:innen eigneten sich sogar Polnischkenntnisse an, um polnische Klientel anzulocken. Diese sprachliche Isolation erschwerte einerseits die Integration, doch andererseits stärkte sie das Zugehörigkeitsgefühl innerhalb der eigenen Gemeinschaft.[16] In dieser Hinsicht spielten polnischsprachige Zeitungen eine wichtige Rolle für den Erhalt der nationalen Identität. Viele Migrant:innen betrachteten die polnischsprachige Presse nicht nur als Informationsquelle, sondern auch als Mittel, ihre Verbindung zur polnischen Kultur aufrechtzuerhalten.[17]
Außerhalb der Arbeit spielte sich das Leben der polnischen Migrant:innen vorwiegend in geschlossenen Enklaven ab – jede Nation lebte in einer eigenen „Kolonie“. Die einzige belegte Ausnahme bildete ein italienischer Einwanderer, der sich in einem polnischen Viertel niederließ. Diese soziale Segregation wurde jedoch durch die religiösen Praktiken etwas abgemildert. Sie fungierten als eine Art Bindemittel, das die Pol:innen in der Fremde zusammenhielt. Viele Bergleute schöpften aus dem katholischen Glauben, der regelmäßigen Teilnahme an Gottesdiensten und Wallfahrten Kraft, Trost und das Gefühl der Zugehörigkeit. Die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergleute, wurde als ständige Begleiterin gesehen, die für ihre Sicherheit sorgte. Den polnischen Geistlichen kam nicht nur im religiösen, sondern auch im sozialen Leben eine Schlüsselrolle zu. Sie vermittelten bei Konflikten, berieten ihre Gemeindemitglieder in familiären Angelegenheiten und organisierten das Leben der Diaspora. In schwierigen Zeiten waren sie unersetzlich und im Alltag trug ihre Autorität zur Aufrechterhaltung eines harmonischen Miteinanders bei. Zu den wichtigsten Ereignissen innerhalb der polnischen Community gehörte die jährliche Wallfahrt zur Basilika Unsere Liebe Frau von Thierenbach. Sie war mehr als nur ein religiöser Akt, da sie die Gelegenheit bot, Landsleuten zu begegnen, die im ganzen Elsass und in Lothringen verstreut lebten. Die gemeinsamen Feierlichkeiten waren zugleich eine Manifestation der polnischen Identität, eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und Verbindungen zur Heimat.[18]
Robert Czarnowski, September 2025
[10] F. Raphaël, G. Herberich-Marx: Mémoires d’Exil. Mémoires de la «Colonie» chez les mineurs polonais du Bassin Potassique d’Alsace, in: Revue des sciences sociales de la France de l’Est 14 (1985), S. 42.
[11] Ebenda, S. 42–44.
[12] Ebenda.
[13] Ebenda, S. 44–46.
[14] Ebenda.
[15] Ebenda.
[16] Ebenda.
[17] Ebenda.
[18] Ebenda.