Die polnische Diaspora im Elsass. In Fotografien festgehalten
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Fotografien als Zeugnisse der polnischen Auswanderungsgeschichte
Als materielle Zeugnisse des Lebens der polnischen Diaspora bilden Fotografien einen wichtigen Teil der Bestände des Archivs der Polnischen Katholischen Mission in Frankreich. Betrachten wir Fotografien als Zeugnisse der Vergangenheit, so erweist sich die Dokumentation über die polnische Diaspora im Elsass und das Schicksal der polnischen Migrant:innen im Bassin Potassique als ein besonders interessanter Fall. Diese Aufnahmen stellen eine Informationsquelle von unschätzbarem Wert dar; eine eingehende Erforschung, die sowohl ihren technischen wie auch historischen Wert berücksichtigt, steht jedoch noch aus. Eine solche Analyse der Fotografien erfordert eine methodisch differenzierte Herangehensweise. Im Hinblick auf den Inhalt können sie in fünf Kategorien eingeteilt werden: Kunst-, Reportage-, Dokumentations-, Wissenschafts- und Familienfotografien. Jede dieser Kategorien erfordert unterschiedliche Forschungswerkzeuge sowie einen individuellen Analyseansatz, sodass Forschende ihre Methoden stets an die Spezifik des jeweiligen Bestands anpassen müssen. Die Fotografien, die das Schicksal der polnischen Migrant:innen im elsässischen Kalirevier dokumentieren, liefern uns unschätzbares Wissen über das Leben dieser. Die Analyse dieser Materialien erfordert jedoch nicht nur umfangreiche Geschichtskenntnisse, sondern auch ein gewisses Gespür für den soziokulturellen Kontext. Dadurch wird es uns möglich, zu verstehen, wie sich die Identität der polnischen Diaspora im Elsass herausbildete und welche Herausforderungen die Integration in die lokale Community begleiteten.[5]
Der Verfasser des vorliegenden Artikels hat zudem selbst eine erhebliche Anzahl an Studien über die Bedeutung von Fotografien der polnischen Diaspora, die polnische Auswanderungsgeschichte und die polnische Seelsorge im Ausland durchgeführt, deren Ergebnisse in zahlreichen Publikationen nachzulesen sind.[6]
Inhalte der Fotografien
Das Leben der polnischen Diaspora in Frankreich wurde in zahlreichen Fotografien festgehalten, die die Aktivitäten von polnischen Verbänden dokumentieren. Der Ursprung dieser Verbände und ihre spontane, geradezu dynamische Entwicklung sind typisch für etliche Zentren der polnische Migration in Frankreich. Aus den Archivdokumenten geht hervor, dass ihre Entstehung und Entwicklung durch eine ganze Reihe von Faktoren begünstigt wurde, insbesondere in der ersten Phase nach der Einwanderung. Die völlig fremde Umgebung, die fehlenden Sprachkenntnisse, die die Kontaktaufnahme zur lokalen Bevölkerung erschwerten, sowie die große Anzahl der in Frankreich lebenden Pol:innen, erzeugten bei den Zugezogenen das Bedürfnis, sich mit ihren Landsleuten zusammenzutun, um gewissermaßen ein Stück Heimat in der Fremde zu erschaffen. Zudem boten die Verbände moralische sowie konkrete Unterstützung bei allen möglichen Problemen, die den frisch Angekommenen in ihrer neuen Umgebung begegneten. So gesehen war ihre Entstehung eine Reaktion auf die durchaus realen, starken sozialen Bedürfnisse der polnischen Diaspora. Im Archiv der Polnischen Katholischen Mission befinden sich Fotografien von sogenannten patriotisch-religiösen Feierlichkeiten, die innerhalb der polnischen Community in Frankreich veranstaltet wurden. Ein separater Bestand dokumentiert polnische Gemeindebezirke sowie Kirchen und Kapellen in Frankreich. Einen Teil dieser Dokumentation bilden Fotografien von Sakralbauten.[7]
Eine weitere Aktengruppe innerhalb der fotografischen Dokumentation bilden Aufnahmen von Pol:innen, die nach 1919 aus wirtschaftlichen Gründen nach Frankreich auswanderten. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wurden in Frankreich, insbesondere im Bergbau, händeringend Arbeitskräfte gesucht. Daher wurde die Suche nach diesen auch ins Ausland ausgeweitet, darunter in das gerade wieder unabhängig gewordene Polen und nach Westfalen, wo zu dem Zeitpunkt viele sogenannte Ruhrpolen lebten. Quellen belegen, dass viele Pol:innen dem Aufruf aus Frankreich folgten. In Archivdokumenten heißt es dazu: „Sie packten ihr bescheidenes Hab und Gut in eine kleine Holzkiste, gingen vor der langen Reise ins Unbekannte zur Beichte, nahmen Abschied von Zuhause und fuhren los… Sie fuhren zur Arbeit, um ihre Existenz zu sichern, um etwas mehr Geld zu verdienen und ein paar Jahre später in die Heimat zurückzukehren.“[8]
Beschäftigt man sich mit den Fotografien der polnischen Community in Frankreich, so führt kein Weg an Kasimir Zgorecki (1904–1980) vorbei. Besondere Beachtung verdient hierbei ein Buch, das vom Musée du Louvre-Lens im Anschluss an eine Ausstellung seiner Werke herausgegeben wurde. Der im westfälischen Recklinghausen geborene Kasimir Zgorecki wanderte 1922 mit seiner Familie aus dem Ruhrgebiet nach Frankreich aus, um im Kohlerevier Pas-de-Calais zu arbeiten. Er war damals 18 Jahre alt. 1924 übernahm er das Fotoatelier seines Schwagers in Rouvroy und wurde in der polnischen Diaspora in Nordfrankreich unternehmerisch tätig. Er nahm diverse Aufträge an: von Passbildern bis hin zu Fotografien von Veranstaltungen und Feierlichkeiten innerhalb der polnischen Community. Diese Aufnahmen, die erst vor Kurzem von der Familie des Künstlers wiederentdeckt wurden, stellen ein einmaliges Zeugnis des Lebens der polnischen Diaspora dar.[9]
[5] A. Barzycka: Fotografia jako źródło historyczne. Wybrane problemy, in: Historyka. Studia metodologiczne 36 (2006), S. 105–117; P. Gut: Nauki pomocnicze historii XIX i XX w. w warsztacie archiwisty, in: W. Chorążyczewski, K. Stryjkowski (Hrsg.): Archiwa bez granic. Pamiętnik VII Powszechnego Zjazdu Archiwistów Polskich, Kielce, 20.–21. September 2017, Warszawa 2019, S. 171–180; M. Michałowska: Miejsce fotografii-dokumentu w procesie historiograficznym, in: V. Julkowska (Hrsg.): Foto-historia. Fotografia w przedstawianiu przeszłości, Poznań 2012, S. 13–26; D. Skotarczak: Co to jest historia wizualna?, in: Ebenda, S. 175–180; D. Skotarczak: Kilka uwag o historii wizualnej, in: Klio Polska. Studia i Materiały z Dziejów Historiografii Polskiej 8 (2016), S. 117–130; P. Witek: Metodologiczne problemy historii wizualnej, in: Res Historica (2014) 37, S. 157–176.
[6] Vgl. R. Czarnowski: Fotografie Polonijne jako historyczne dziedzictwo archiwalne Polskiej Misji Katolickiej we Francji, in: Archiwa, Biblioteki i Muzea Kościelne 117 (2021), S. 29–48; R. Czarnowski: Stulecie wspólnot polonijnych we Francji w dokumentacji Polskiej Misji Katolickiej, in: E. T. Kowalska (Hrsg.): Materiały XLI Stałej Konferencji Muzeów, Archiwów i Bibliotek Polskich na Zachodzie. 100-lecie niepodległości Polski z perspektywy zbiorów i działalności instytucji zrzeszonych w MAB, Londyn/Warszawa 2023, S. 89–118; R. Czarnowski: Duszpasterstwo rodzin polskich we Francji w kontekście historyczno-pastoralnym, in: G. Koszałka, J. Młyński (Hrsg.): Budowanie więzi w małżeństwie i w rodzinie a emigracja. Teoria i praktyka, Instytut Papieża Jana Pawła II, Warszawa 2018, S. 25–35; R. Czarnowski: Duszpasterstwo polskie we Francji i jego rola w podtrzymywaniu tożsamości narodowej w latach 1918–1939, in: XL Sesja Stałej Konferencji Muzeów, Archiwów i bibliotek Polskich na Zachodzie, Paris/Warszawa 2019, S. 31–50.
[7] APMK, Bestand Nr. 1, Sig. F.XII: Duszpasterstwo, jego organizacja i życie religijne wiernych w polskojęzycznych ośrodkach duszpasterskich, 1926–1993. Vgl. G. Garçon: Struktura Polskiej Misji Katolickiej w XX-ym wieku, in: 175-lecie Polskiej Misji Katolickiej we Francji. Akta kolokwiów, Paris 2013, S. 48–76.
[8] APMK, Bestand Nr. 50: Zbiór fotografii PMK we Francji; APMK, laufender Bestand, ohne Signatur. Übersetzung aus dem Polnischen.
[9] Vgl. Kasimir Zgorecki: Photographier la Petite Pologne (1924–1939), Lens 2019.