Die polnische Diaspora im Elsass. In Fotografien festgehalten
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Nach der Übergabe seiner Sammlung an das Archiv der Polnischen Katholischen Mission (Archiwum Polskiej Misji Katolickiej, APMK) in Frankreich stimmte Jean Chęciński auch der öffentlichen Verbreitung der Fotografien zu. Am 13. August 2021 schrieb er:
„Was meine Privatsammlung angeht, so erteile ich Ihnen die Erlaubnis, sämtliche Fotografien und Postkarten, die sich nun in Ihrem Besitz befinden, sowie die dazugehörigen Unterschriften und Erläuterungen zu verwenden. (…) Darüber hinaus werde ich versuchen, noch weitere Dokumente über die polnische Einwanderung im Kalirevier in Mulhouse ausfindig zu machen und lasse sie Ihnen anschließend zukommen.“[1]
Ausgangspunkt: Feldforschung
Im Rahmen einer in den Jahren 2020–2022 durchgeführten Feldforschung zur Erschließung und zum Schutz von Archivdokumenten aus der polnischen Community wurde eine umfangreiche Fotografie-Sammlung gefunden. Am 16. Juni 2020 wurden von der polnischen Diaspora in Mulhouse-Rixheim mehrere Fotoalben, Gemeindechroniken, Korrespondenzen, Informationsbroschüren sowie diverse weitere Materialien zur Verfügung gestellt, die die Aktivitäten der lokalen Community dokumentieren. Ein besonders wichtiger Bestandteil dieser Dokumentation ist ein Album, das nicht nur von den religiösen Aktivitäten der polnischen Migrant:innen zeugt, sondern auch von ihren Bemühungen, in der Fremde polnische Kultur und Traditionen zu pflegen. Zu den erschlossenen Materialien zählen auch Dokumente zum Jubiläumsjahr 2000, darunter ein Goldenes Buch, sowie zahlreiche Sammelalben mit Briefen, Rechnungen, Satzungen von Polonia-Organisationen und Informationsbroschüren.
Von erheblicher Bedeutung ist auch die Chronik der Pfarrei Rixheim – eine kostbare Informationsquelle zum religiösen und sozialen Leben der regionalen polnischen Community. Am 17. Juni 2020 fand ein Treffen von Vertreter:innen lokaler Polonia-Verbände statt. Unter den Anwesenden befand sich u. a. Antoine Jurczyk, der eine Reihe wertvoller Dokumente an das Archiv übergab: eine Gedenkbroschüre zum 50. Jahrestag der Kirchweihe von Notre-Dame du Rosaire, das Protokollbuch des Vereins Sainte-Barbe aus Wittelsheim sowie mehrere Aufnahmen aus der Zeit, als die ersten Pol:innen ins Elsass kamen. Trotz ihrer geringen Zahl sind diese Fotografien als Zeugnisse des Alltags, der Kultur und der Traditionen der polnischen Diaspora im Bassin Potassique von unschätzbarem Wert. Bei den Aufnahmen handelt es sich nämlich nicht nur um Portraits von Einzelpersonen, sondern auch um Gruppenbilder, die bei Veranstaltungen und Feierlichkeiten innerhalb der Community aufgenommen wurden. Diese visuellen Dokumente ermöglichen es uns, die Atmosphäre längst vergangener Zeiten nachzuempfinden und ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich die polnischen Migrant:innen in die lokale Gemeinschaft integrierten, ohne dabei ihr nationales Erbe aus den Augen zu verlieren.[2]
Am 6. Juli 2020 fand im Gemeindesaal der Église Saint-Jean in Pulversheim ein Treffen statt, das sich für die Forschung zur Geschichte der polnischen Diaspora im Elsass als bahnbrechend erwies. Ermöglicht wurde dies durch die freundliche Unterstützung von Herrn Alfred Kałużyński, dem Vorsitzenden des Polnischen Kulturvereins (Polski Związek Kulturalny, PZK) im Elsass. An dem Treffen nahmen Vertreter:innen lokaler Verbände, Historiker:innen sowie weitere Personen teil, die sich für den Erhalt des polnischen Erbes im Bassin Potassique einsetzen.[3]
Bei dem Treffen übergab Alfred Kałużyński eine Reihe kostbarer Dokumente ans Archiv, die wichtige Informationen über das Leben der polnischen Community im Elsass liefern. Dazu gehörten ein Goldenes Buch, das in Erinnerung an die Heimsuchung der Familien durch eine Kopie des Gnadenbildes der Schwarzen Madonna von Tschenstochau im Jahre 1983 entstand, sowie zahlreiche Aktenordner mit Protokollen von Versammlungen des PZK, Satzungen und Presseberichten über die Aktivitäten von polnischen Folklorevereinen, Chören, Pfadfindergruppen sowie über die jährlichen Wallfahrten. Darüber hinaus übergab Anna Senne, Vorsitzende des Chors „Róża Leśna“, dem Archiv weitere wertvolle Unterlagen, darunter 17 Fotografien von diversen Veranstaltungen der polnischen Diaspora. Auch weitere namhafte Mitglieder der lokalen Community waren bei dem Treffen zugegen, u. a. Wiktor Krzemiński, Vorsitzender des Chors „Lutnia“, Prof. Jean Chęciński, Historiker und Vorsitzender des Vereins „Société d’histoire de Kingersheim”, sowie Serge Buett, Vorsitzender des Musikensembles „Polonia“. Letzterer übergab dem Archiv der Polnischen Katholischen Mission eine Reihe von Dokumenten, darunter die Satzung des Ensembles, Unterlagen über dessen Auftritte, CDs mit Musikaufnahmen sowie digitale Materialien zur Gala, die anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Ensembles veranstaltet wurde. Zudem wurde Kontakt zu weiteren Akteuren aufgenommen: Tomasz Wiśniewski, Pfadfinderleiter und Vorsitzender der Pfadfindergruppe Elsass, sowie Patrice Dudaczyk, Vorsitzender des Chors „Orzeł Biały“. Es wurde zudem vorgeschlagen, Kontakt zu René Giovanetti, dem ehemaligen Direktor des lokalen „Bergbauarchivs“, aufzunehmen. Zu den wichtigsten Ergebnissen der Feldforschung gehörte letztlich die Erschließung von Fotografien, die das Leben der polnischen Community im Elsass dokumentieren. Sie stellen ein einmaliges Zeugnis des Alltags, der Kultur und der Traditionen der polnischen Migrant:innen dar. Die in diesen Fotografien festgehaltenen Ereignisse, u. a. Chorauftritte, Vereinssitzungen und Feierlichkeiten zu polnischen Nationalfeiertagen, helfen uns, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie sich die polnische Diaspora in die lokale Community integrierte, ohne dabei die eigene Identität einzubüßen.
Die Feldforschung in Pulversheim erwies sich als ein wichtiger Schritt in der Erschließung der Dokumentation der polnischen Diaspora im Elsass. Die so zusammengetragenen Materialien, darunter Fotografien, Dokumente und Presseausschnitte, liefern kostbares Wissen über das Leben der polnischen Community im Bassin Potassique. Es ist dem Einsatz von lokalen Vereinigungen sowie Privatpersonen zu verdanken, dass diese einzigartigen Archivmaterialien erhalten geblieben sind.[4]
[1] Originaltext: „Concernant ma collection privée, je vous autorise à illustrer toutes les photos et C.P. en votre possession, ainsi que les textes et légendes qui les accompagnent. (…) Par ailleurs je chercherai pour trouver encore quelques documents sur l’immigration Polonaise dans le B.P. à Mulhouse, puis je les envoie“. Vgl. Briefe von Jean Chęciński an den Leiter des Archivs der Polnischen Katholischen Mission in Frankreich.
[2] APMK, laufender Aktenbestand, Sprawozdanie z kwerendy terenowej 2020 r., ohne Signatur.
[3] Ebenda.
[4] Ebenda.