Die Haft als Zwischenstation. Polnische Zivilgefangene in Göttingen während des Zweiten Weltkriegs
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Im selben Transport wie sie selbst befanden sich einige andere junge Frauen aus der Region Kowel, darunter Barbara Krycka und deren zweieinhalb Jahre jüngere Schwester Jadwiga. Sie kamen zur Zwangsarbeit in die Poltewerke Duderstadt, eine große Munitionsfabrik im Aufbau, ein Zweigwerk der Poltewerke Magdeburg.[36]
„Als wir nach Duderstadt kamen, wurden wir in einem Lager neben der Fabrik untergebracht. Wir sind fotografiert worden. Unsere Fingerabdrücke wurden genommen und jeder hat eine eigene Nummer erhalten. Es gab keine Namen, nur Nummern. [Abb. 36 . ]
Das Lager bestand aus einigen Baracken. In einem Raum waren 24 Personen untergebracht. […]
In der Fabrik gab es 54 Produktionshallen. [Abb. 37 . ] Ich habe in der Halle, wo man Hülsen herstellte, gearbeitet. Ich stellte Hülsen her, machte dann Schießpulver und musste einen dünnen Draht aufspulen. Mit mir zusammen haben gearbeitet: A. Sapieja, B. und J. Krycka, A. Bartnikowska. Es gab Schichtarbeit, jeweils 12 Stunden. 15 Minuten Frühstückspause und halbe Stunde Mittagspause.“
Die Krycka-Schwestern waren denselben Lebensbedingungen ausgesetzt wie Leokadia Adamkiewicz: Anweisungen, Bewachung und Kontrolle bei der Arbeit durch den Meister, der bisweilen auch Schläge austeilte; wenig Essen, infolgedessen Hunger, der auch von dem Viertellaib Brot, den sie sich für ihren Monatslohn von elf Reichsmark kaufen konnten, nicht gestillt wurde; Holzschuhe und mitgebrachte Kleidung und nur einmal Rock und Jacke vom Werk; ständige Kontrolle durch die Kennzeichnung mit dem „OST“-Abzeichen – hier wurden sie als „Russinnen“ eingeordnet – und ihre Nummer. Leokadia Adamkiewicz kennt auch den Grund der Verhaftung ihrer Gefährtin:
„Barbara Krycka war drei Monate im Straflager, weil sie sagte: ‚Wann wird endlich dieser verdammte Krieg zu Ende gehen?‘ Das ist in Duderstadt passiert.“
Barbara Krycka überlebte den Aufenthalt im AEL Watenstedt, musste zu den Poltewerken Duderstadt zurückkehren und heiratete dort nach ihrer Befreiung am 14. Mai 1945 den Arbeiter Feliks Murdza aus Polen.[37] (Abb. 38 . )
Helena und Jan Ciździel, Mutter und Sohn, waren zu verschiedenen Zeiten ebenfalls im Gerichtsgefängnis Göttingen interniert: Jan saß 1940 wegen Arbeitsverweigerung in Untersuchungshaft, bis er am 13. Dezember von der Polizei abgeholt wurde, seine Mutter wurde gute zwei Jahre darauf von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen und am 13. Januar 1943 in das AEL Watenstedt überstellt.[38] Ihre Geschichte ist in umfangreichen Prozess- und anderen Akten überliefert und kann hier nur extrem gerafft wiedergegeben werden:[39]
Helena Ciździel kam 39-jährig mit drei Kindern (ein viertes brachte sie 1944 zur Welt) aus ihrer polnischen Heimat auf die Domäne Himmigerode (bei Sattenhausen). Hier arbeiteten während des Krieges nahezu ausschließlich polnische Zwangsarbeiter:innen. Der Domänenpächter Waldemar Wissemann rühmte sich, ein Nationalsozialist der ersten Stunde zu sein und die Partei auch in der Zeit ihrer Illegalität mit Waffen und Aktivitäten unterstützt zu haben. Auf der Domäne lebte er seinen Rassismus als „Herr im Hause“ ungehindert aus. Er misshandelte die polnischen Zwangsarbeiter:innen so sehr, dass sogar der im Ort ansonsten gefürchtete Polizeigendarm Krömke Partei für sie ergriff. Nach einem solchen Vorfall (Abb. 39 . ) floh der erst 15 Jahre alte Jan Ciździel von der Domäne, wurde aufgegriffen, verhaftet und am 28. September 1940 in das Gerichtsgefängnis Northeim gesperrt. Nach zwei Wochen wurde er ins Göttinger Gefängnis überstellt. Am 6. Dezember stellte der Reichstreuhänder der Arbeit das Verfahren gegen Jan Ciździel ein und eine Woche darauf schickte die Polizei ihn wieder auf die Domäne.
Währenddessen zeigten die Polen Wissemann beim Gendarm Krömke an. Wissemann erhielt eine Anklage von der Justiz und wurde zunächst tatsächlich schuldig gesprochen, bis Reichsjustizminister Thierack das Verfahren niederschlug. Danach rächte sich Wissemann an den Polen. Im Zentrum seines Zorns standen der junge Jan und seine Mutter Helena Ciździel, obwohl beide seit Ende 1942 nicht mehr in Himmigerode, sondern auf dem benachbarten Rittergut Riekenrode Zwangsarbeit leisteten. Wissemann sorgte für die Verhaftung der beiden. Jan Ciździel kam einige Tage ins Polizeigefängnis in Göttingen und anschließend wahrscheinlich in ein AEL oder ein KZ, während seine Mutter fünf Wochen im AEL Watenstedt überstehen musste. Bisher unbestätigten Hinweisen zufolge sollen beide Ciździels noch 1943 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert worden sein. Bei ihrer Rückkehr nach Riekenrode hätten die zurückgelassenen kleinen Geschwister Jans ihn und die Mutter zunächst nicht wiedererkannt, so sehr seien sie vom Lager gezeichnet gewesen. (Abb. 40 . )
Wenige Tage nach der Befreiung, am 17. April 1945, wurde Jan Ciździel während einer Unterhaltung mit einem anderen befreiten Zwangsarbeiter in der Nähe der Domäne Himmigerode, vor der Tönniesmühle (Abb. 41 . ), aus der Ferne von einem Unbekannten erschossen. Es spricht vieles dafür, dass die Überzeugung seiner Geschwister zutrifft und Waldemar Wissemann finale Rache an Jan Ciździel verübte. Der Mord wurde gerichtlich nie verfolgt, die lokale Entlastungslegende besagte: „Dzizdizel [sic] soll in der Tönniesmühle beim Bandenkampf erschossen worden sein.“[5] Am 23. April 1945 bestattete man Jan Ciździels Leichnam auf dem Friedhof Seulingen, ohne dass seine Angehörigen, die zu dieser Zeit acht Kilometer entfernt im DP-Camp Duderstadt lebten, an der Zeremonie hätten teilnehmen können.[40] (Abb. 42–44 . )
Diese exemplarischen Schlaglichter auf sechs Menschen, die aus Polen nach Südniedersachsen deportiert und hier zur Arbeit für die feindlichen Besatzer ihrer Heimat gezwungen wurden, geben eine Vorstellung von den Anlässen und Kontexten einer Inhaftierung im Gerichtsgefängnis Göttingen. Allen ist gemeinsam, dass sie noch Lücken aufweisen, Fragen offenlassen und auch neue Fragen aufwerfen. Umso mehr gilt dies für die vielen Inhaftierten, über die gegenwärtig so gut wie gar nichts bekannt ist. Hier für Aufklärung zu sorgen, bleibt eine ethische Verpflichtung und eine wichtige Aufgabe für die polnische wie die deutsche Gesellschaft.
Günther Siedbürger, Juni 2026
[36] Vgl. Siedbürger, Günther: Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen 1939–1945, S. 255–265; Hütt, Götz: Das Außenkommando des KZ Buchenwald in Duderstadt. Ungarische Jüdinnen im Rüstungsbetrieb Polte, Norderstedt 2005.
[37] Arolsen Archives, 2.2.2.2, Signatur 02020202 445, Registrierung… Teil 445: Ordner „0445“, DocID 76819668. Die Abschrift der Heiratsurkunde enthält ein abweichendes Geburtsdatum Barbara Kryckas (20. März 1924).
[38] Arolsen Archives, 1.2.2.1, Signatur 8183000, Land Niedersachsen - 1. Haftanstalt Emden und Aurich - 2. Gerichtsgefängnis Eschershausen - 3. Gerichtsgefängnis Gifhorn - 4. Landgerichtsgefängnis Göttingen, DocID 11337472. (Jan Ciździel wird hier als „Janek“ geführt).
[39] Eine ausführliche, aber durch spätere Recherchen in neu freigegebenen Akten stellenweise zu ergänzende Darstellung findet sich in meinem Buch: Siedbürger, Günther: Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen 1939–1945, S. 419–461. Dagmar Wittmers hat in ihrem Fernsehfilm „Als Zwangsarbeiter auf dem Land schufteten“ (Reihe „Unsere Geschichte“, NDR 2015) u. a. die Geschichte Jan Ciździels und seiner Familie mit Zygmunt Ciździel, einem Bruder Jans, geschildert.
[40] Arolsen Archives, [ITS/]ARCH/LK Duderstadt O. 205, S. 93.
[41] NLA HA Nds. 721 Gö 99/81 Nr. 5; Arolsen Archives, 2.1.2.1, Signatur NI 026 11 POL ZM, Registrierung… Ursprüngliche Erhebung, DocID 70633207; StadtA GOE Pol.Dir. Fach 8 Nr. 9 Bl. 461; KreisA GOE, Fragebogen Mieczysława Krzyżostaniak.