Die Haft als Zwischenstation. Polnische Zivilgefangene in Göttingen während des Zweiten Weltkriegs
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Polnische Zwangsarbeiter:innen im Gerichtsgefängnis Göttingen
49 % der ausländischen Gefangenen des Gerichtsgefängnisses waren polnischer Nationalität. Diese größte Gruppe soll im Folgenden genauer aufgeschlüsselt werden.[12] Die 389 analysierten Datensätze beziehen sich auf 363 Personen polnischer Herkunft.[13]
Etwas mehr als die Hälfte der polnischen Gefangenen (52,8 %) war männlichen Geschlechts. (Abb. 15 . ) Damit war der Anteil der Polinnen im Gerichtsgefängnis höher als ihr genereller Anteil in Südniedersachsen (Abb. 16 . ), es kamen also vergleichsweise mehr Frauen aus Polen in Haft, als nach ihrer Verteilung zu erwarten gewesen wäre. Auch im Vergleich zu anderen Gruppen lag der Anteil der Polinnen unter den Häftlingen im Gerichtsgefängnis über dem Schnitt. Frauen aus Polen waren offenbar in besonderem Maße von Repression und Verfolgung betroffen. (Abb. 17 . )
Ein Blick auf die Geburtsdaten zeigt einen deutlichen Schwerpunkt bei den jüngeren Zwangsarbeiter:innen: Über drei Viertel aller polnischen Gefangenen gehörten den Geburtsjahrgängen 1910 bis 1919 oder 1920 bis 1928 an.[14] (Abb. 18 . ) Im Vergleich zum Alter ausländischer Zwangsarbeiter:innen aller Nationalitäten in Südniedersachsen zeigt sich eine grundsätzliche Übereinstimmung der Altersstruktur mit dem kleinen Unterschied, dass der Schwerpunkt auf den Jahrgängen 1914 bis 1923 bei den Gefangenen noch markanter ist. (Abb. 19 . )
Nur minimale Unterschiede liegen hingegen in der Altersstruktur der polnischen Gefangenen des Gerichtsgefängnisses Göttingen verglichen mit derjenigen der erkrankten ausländischen Zwangsarbeiter:innen aller Nationalitäten (zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung in eine Institution der Gesundheitsversorgung) vor. (Abb. 20 . ) Zwangsarbeiter:innen eines bestimmten Alters, insbesondere wenn sie aus Polen kamen, waren offenbar in gleichem Maße durch Verfolgung und Krankheit gefährdet.
Setzt man das Alter der polnischen Gefangenen in Bezug zu ihrem Geschlecht, zeigt sich, dass die weiblichen Gefangenen einen Schwerpunkt in den Geburtsjahrgängen 1921 bis 1925 haben, während dieser bei den männlichen Gefangenen auf den Jahrgängen 1916 bis 1920 liegt. (Abb. 21 . ) Dementsprechend liegt der Anteil derjenigen Gefangenen, die bei ihrer Einlieferung zwischen 18 und 21 Jahren alt waren, bei den Frauen aus Polen deutlich höher als bei den Männern. (Abb. 22 . ) Polnische Zwangsarbeiterinnen waren also nicht nur der Repression durch deutsche Verfolgungsinstanzen stärker ausgesetzt als andere Gruppen, es traf sie auch besonders oft in jugendlichem bis jungem Alter.
Leider liegen nur für 67 der 389 Datensätze Angaben zur Ankunft im Gerichtsgefängnis vor. Um zu untersuchen, in welchem Jahr die Verfolgung polnischer Zwangsarbeiter:innen ihren Höhepunkt erreichte, ist es daher unumgänglich, die Angaben zu den Abgängen zu betrachten.[15] Hier zeigt sich, dass die Repression mit dem Eintreffen einer nennenswerten Zahl von Polinnen und Polen in Südniedersachsen im Jahr 1940 in die Höhe schoss, sich im darauffolgenden Jahr noch einmal erheblich steigerte und anschließend auf diesem hohen Niveau verharrte, bevor sie in den letzten beiden Kriegsjahren deutlich abfiel: (Abb. 23 . ) Nun nahmen Erhalt und Ausnutzung der Arbeitskraft an Bedeutung zu und es griff vielleicht auch schon eine gewisse Sorge vor Bestrafung durch die Alliierten im absehbaren Fall der Kriegsniederlage um sich.
[12] In die folgende Analyse flossen neben den 380 Einträgen aus den Listen der Arolsen Archives neun weitere Datensätze ein: Drei finden sich im einzigen erhaltenen Gefangenenbuch, sind aber nicht auf den Nachkriegslisten vermerkt. (Die Zuordnung zur polnischen Nationalität ergab sich hier in zwei Fällen durch den Abgleich mit meiner Datenbank, im anderen Fall erfolgte sie aufgrund des Namens und des Geburtsortes.) Die sechs weiteren Datensätze erhielten Vermerke über die Haft im Gerichtsgefängnis Göttingen in anderen Quellen (Meldedaten, Krankenversichertenkarten, Angaben zu Häftlingstransporten etc.).
[13] Über 18 Personen lagen zwei, über vier Personen sogar drei Einträge vor.
[14] Aus dem Jahrgang 1929 und jüngeren Jahrgängen gab es keine polnischen Insassen im Gerichtsgefängnisses Göttingen.
[15] Hier liegen Angaben für 384 von 389 Datensätzen vor, in zwei Fällen fehlt allerdings die Jahreszahl.