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Die Haft als Zwischenstation. Polnische Zivilgefangene in Göttingen während des Zweiten Weltkriegs

Staatsanwaltschaft und Gerichtsgefängnis Göttingen am Waageplatz in der Zeit der NS-Herrschaft. In den beiden Seitenflügeln und dem westl. Quergebäude (rechts) befand sich bis 2007 die JVA Göttingen, früher Gerichtsgefängnis.

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  • Abb. 1: Aufteilung Polens 1939 - Übersichtskarte
  • Abb. 2: Deportationen der polnischen Bevölkerung zur Zwangsarbeit - Übersichtskarte
  • Abb. 3: Auszug Reichsgesetzblatt: Polizeiverordnung vom 8.3.1940 - Mit dieser „Polizeiverordnung“ werden die polnischen Zwangsarbeiter:innen als erste Gruppe auf dem Gebiet des Deutschen Reiches verpflichtet, ein Abzeichen offen zu tragen.
  • Abb. 4: Anlage zur Polizeiverordnung vom 8.3.1940 (§1 Abs. 2): P-Abzeichen - Die Anlage legt Aussehen, Maße und Farbe des stigmatisierenden P(olen)-Abzeichens detailliert fest.
  • Abb. 5: „Pflichten der Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen polnischen Volkstums“ - Merkblatt zu den sogenannten Polen-Erlassen vom 8. März 1940
  • Abb. 6: Artikel „Keine Tischgemeinschaft mit Polen“ vom 21.8.1941 - Rassistische Hetzartikel wie dieser verweisen auf die Intensität, mit der die Ausgrenzung polnischer Arbeitskräfte, egal ob Kriegsgefangene oder Zivilisten, betrieben wurde.
  • Abb. 7: Staatsanwaltschaft und Gerichtsgefängnis Göttingen am Waageplatz in der Zeit der NS-Herrschaft - In den beiden Seitenflügeln und dem westl. Quergebäude (rechts) befand sich bis 2007 die JVA Göttingen, früher Gerichtsgefängnis. Auf dem Dach ist die Hakenkreuzfahne gehisst.
  • Abb. 8: Ehemaliges „Stadthaus“ mit Polizeigefängnis in den 1970er Jahren - Im Keller des Stadthauses an der Ecke Paulinerstraße/Gotmarstraße befand sich das Polizeigefängnis.
  • Abb. 9: Das Gefangenenbuch des Gerichtsgefängnisses Göttingen für das Jahr 1943 - Einband
  • Abb. 10: Auszugsliste ausländischer Gefangener des Gerichtsgefängnisses Göttingen mit der Nationalitätenangabe „Polish Mixed“, die viele Ukrainer einschließt - Deckblatt des ITS, ca. 1949
  • Abb. 11: Eine Seite aus der Nachkriegsliste, ca. 1949 - Auflistung ausländischer Gefangener des Gerichtsgefängnisses Göttingen mit der Nationalitätenangabe „Polish“
  • Abb. 12: Nationalität der Häftlinge - Diagramm
  • Abb. 13: Nationalitätenverteilung im Vergleich Gefängnis / „draußen“ - Diagramm
  • Abb. 14: Nationalitätenverteilung im Vergleich Gesundheitseinrichtungen / „draußen“ - Diagramm
  • Abb. 15: Geschlecht der polnischen Häftlinge - Diagramm
  • Abb. 16: Geschlechterverteilung Polen in Südniedersachsen - Diagramm
  • Abb. 17: Geschlechterverteilung Ausländer - Diagramm
  • Abb. 18: Alter der polnischen Häftlinge - Diagramm
  • Abb. 19: Altersverteilung im Vergleich Gefängnis / „draußen“ (Polen) - Diagramm
  • Abb. 20: Altersverteilung im Vergleich Gefängnis (Polen) / Gesundheitseinrichtungen (alle) - Diagramm
  • Abb. 21: Relation Alter/Geschlecht der polnischen Häftlinge - Diagramm
  • Abb. 22: Altersverteilung polnischer Gefangener bei Einlieferung - Diagramm
  • Abb. 23: Verteilung Abgänge polnischer Gefangener  - Diagramm
  • Abb. 24: Aufenthaltsdauer polnischer Gefangener - Diagramm
  • Abb. 25: Aufenthaltsdauer der polnischen Häftlinge im Vergleich - Diagramm
  • Abb. 26: Haftarten/Urteile bei polnischen Häftlingen - Diagramm
  • Abb. 27: Entlassungsorte/-institutionen polnischer Häftlinge - Diagramm
  • Abb. 28: Vorwürfe gegen polnische Häftlinge - Diagramm
  • Abb. 29: Vergleich Vorwürfe gegen polnische / alle Gefangenen - Diagramm
  • Abb. 30: Listeneintrag für Barbara „Stempien“ im Gerichtsgefängnis Göttingen (mit abweichendem Geburtsdatum 4.9.1924) - Notiert sind Ankunft am 12.2. und Abgang zur Gestapo am 14.2.1944. Liste des ITS Arolsen, ca. 1949
  • Abb. 31: Sterbeurkunde für Bronisław Mazurek - Ausgestellt am 6. Mai 1946
  • Abb. 32: Landes-Heil- und Pflegeanstalt Göttingen - Ansicht um 1926
  • Abb. 33: Landes-Heil- und Pflegeanstalt Göttingen - Ansicht um 1926
  • Abb. 34: Liste ausländischer Patientinnen in der Niedersächsischen Heil- und Pflegeanstalt Göttingen - Während der Zeit vom 1.9.1939 bis 8.5.1945
  • Abb. 35: Deportationszug mit Menschen, Kowel - Zug mit Zwangsarbeiter:innen am Bahnhof Kowel (Wolhynien, Ukraine), Mai 1942
  • Abb. 36: Porträt von Leokadia Adamkiewicz - Leokadia Adamkiewicz, „Ostarbeiterin“ Nr. 8207 bei den Polte-Werken, nach ihrer Ankunft in Duderstadt im April 1942. Zu diesem Zeitpunkt war sie 16 Jahre alt.
  • Abb. 37: Baracken des „Steinhoff-Lagers“, im Hintergrund ein Teil der 54 Produktionsgebäude der Poltewerke in Duderstadt, unmittelbar nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen - Hier mussten bis zu 350 zivile Zwangsarbeiter:innen aus verschiedenen Ländern und ab November 1944 750 ungarische und slowakische Jüdinnen aus dem KZ Auschwitz leben. Aufnahme vom 10.4.1945
  • Abb. 38: Heiratsurkunde von Barbara Krycka und Feliks Murdza, beide „zur Zeit in Duderstadt“ - Ausgestellt am 3.5.1946 durch das Standesamt Duderstadt
  • Abb. 39: Fotos von Jan Ciździel in der Wohnung seines Bruders Zygmunt - 2015
  • Abb. 40: Porträt von Jan Ciździel - Der 1924 geborene Jan Ciździel im Alter von etwa 20 Jahren nach Monaten der Gefangenschaft in Gefängnissen und Straflagern
  • Abb. 41: Jan Ciździels jüngerer Bruder Zygmunt auf dem Gelände der früheren Tönniesmühle, 2015 - Hier wurde Jan eine Woche nach der Befreiung der Zwangsarbeiter:innen in Südniedersachsen am 17. April 1945 ermordet.
  • Abb. 42: Liste mit Gräbern der ausländischen Toten, die auf dem Friedhof in Seulingen bestattet wurden - Im Sommer 1949 erstellte der Leiter des Friedhofsamtes Seulingen auf Anforderung des ITS jene Liste. Im standesamtlichen Sterbebuch war der Sterbefall Jan Ciździel nicht eingetragen.
  • Abb. 43: Sterbeurkunde von Jan Ciździel (mit falsch geschriebenem Nachnamen) von 1949 - Erst 4,5 Jahre später, wohl nach Anforderung von Gräberlisten durch die Alliierten, ausgestellt. Es war nicht einmal bekannt, dass er zuletzt in Riekenrode „gewohnt“ hatte und wer seine Eltern waren.
  • Abb. 44: Gedenkstein Olczyk / Ciździel (mit falsch geschriebenem Nachnamen) - Gedenkstein für die polnischen Zwangsarbeiter „Franz“ Olczyk und Jan „Dzizdizel“ auf dem Friedhof Seulingen. Ihre ursprünglichen Gräber existieren seit Jahrzehnten nicht mehr.
Staatsanwaltschaft und Gerichtsgefängnis Göttingen am Waageplatz in der Zeit der NS-Herrschaft. In den beiden Seitenflügeln und dem westl. Quergebäude (rechts) befand sich bis 2007 die JVA Göttingen, früher Gerichtsgefängnis.
Staatsanwaltschaft und Gerichtsgefängnis Göttingen am Waageplatz in der Zeit der NS-Herrschaft. In den beiden Seitenflügeln und dem westl. Quergebäude (rechts) befand sich bis 2007 die JVA Göttingen, früher Gerichtsgefängnis.

Polnische Zwangsarbeiter:innen im Gerichtsgefängnis Göttingen
 

49 % der ausländischen Gefangenen des Gerichtsgefängnisses waren polnischer Nationalität. Diese größte Gruppe soll im Folgenden genauer aufgeschlüsselt werden.[12] Die 389 analysierten Datensätze beziehen sich auf 363 Personen polnischer Herkunft.[13]

Etwas mehr als die Hälfte der polnischen Gefangenen (52,8 %) war männlichen Geschlechts. (Abb. 15 . ) Damit war der Anteil der Polinnen im Gerichtsgefängnis höher als ihr genereller Anteil in Südniedersachsen (Abb. 16 . ), es kamen also vergleichsweise mehr Frauen aus Polen in Haft, als nach ihrer Verteilung zu erwarten gewesen wäre. Auch im Vergleich zu anderen Gruppen lag der Anteil der Polinnen unter den Häftlingen im Gerichtsgefängnis über dem Schnitt. Frauen aus Polen waren offenbar in besonderem Maße von Repression und Verfolgung betroffen. (Abb. 17 . )

Ein Blick auf die Geburtsdaten zeigt einen deutlichen Schwerpunkt bei den jüngeren Zwangsarbeiter:innen: Über drei Viertel aller polnischen Gefangenen gehörten den Geburtsjahrgängen 1910 bis 1919 oder 1920 bis 1928 an.[14] (Abb. 18 . ) Im Vergleich zum Alter ausländischer Zwangsarbeiter:innen aller Nationalitäten in Südniedersachsen zeigt sich eine grundsätzliche Übereinstimmung der Altersstruktur mit dem kleinen Unterschied, dass der Schwerpunkt auf den Jahrgängen 1914 bis 1923 bei den Gefangenen noch markanter ist. (Abb. 19 . )

Nur minimale Unterschiede liegen hingegen in der Altersstruktur der polnischen Gefangenen des Gerichtsgefängnisses Göttingen verglichen mit derjenigen der erkrankten ausländischen Zwangsarbeiter:innen aller Nationalitäten (zum Zeitpunkt ihrer Einlieferung in eine Institution der Gesundheitsversorgung) vor. (Abb. 20 . ) Zwangsarbeiter:innen eines bestimmten Alters, insbesondere wenn sie aus Polen kamen, waren offenbar in gleichem Maße durch Verfolgung und Krankheit gefährdet.

Setzt man das Alter der polnischen Gefangenen in Bezug zu ihrem Geschlecht, zeigt sich, dass die weiblichen Gefangenen einen Schwerpunkt in den Geburtsjahrgängen 1921 bis 1925 haben, während dieser bei den männlichen Gefangenen auf den Jahrgängen 1916 bis 1920 liegt. (Abb. 21 . ) Dementsprechend liegt der Anteil derjenigen Gefangenen, die bei ihrer Einlieferung zwischen 18 und 21 Jahren alt waren, bei den Frauen aus Polen deutlich höher als bei den Männern. (Abb. 22 . ) Polnische Zwangsarbeiterinnen waren also nicht nur der Repression durch deutsche Verfolgungsinstanzen stärker ausgesetzt als andere Gruppen, es traf sie auch besonders oft in jugendlichem bis jungem Alter.

Leider liegen nur für 67 der 389 Datensätze Angaben zur Ankunft im Gerichtsgefängnis vor. Um zu untersuchen, in welchem Jahr die Verfolgung polnischer Zwangsarbeiter:innen ihren Höhepunkt erreichte, ist es daher unumgänglich, die Angaben zu den Abgängen zu betrachten.[15] Hier zeigt sich, dass die Repression mit dem Eintreffen einer nennenswerten Zahl von Polinnen und Polen in Südniedersachsen im Jahr 1940 in die Höhe schoss, sich im darauffolgenden Jahr noch einmal erheblich steigerte und anschließend auf diesem hohen Niveau verharrte, bevor sie in den letzten beiden Kriegsjahren deutlich abfiel: (Abb. 23 . ) Nun nahmen Erhalt und Ausnutzung der Arbeitskraft an Bedeutung zu und es griff vielleicht auch schon eine gewisse Sorge vor Bestrafung durch die Alliierten im absehbaren Fall der Kriegsniederlage um sich.

 

[12] In die folgende Analyse flossen neben den 380 Einträgen aus den Listen der Arolsen Archives neun weitere Datensätze ein: Drei finden sich im einzigen erhaltenen Gefangenenbuch, sind aber nicht auf den Nachkriegslisten vermerkt. (Die Zuordnung zur polnischen Nationalität ergab sich hier in zwei Fällen durch den Abgleich mit meiner Datenbank, im anderen Fall erfolgte sie aufgrund des Namens und des Geburtsortes.) Die sechs weiteren Datensätze erhielten Vermerke über die Haft im Gerichtsgefängnis Göttingen in anderen Quellen (Meldedaten, Krankenversichertenkarten, Angaben zu Häftlingstransporten etc.).

[13] Über 18 Personen lagen zwei, über vier Personen sogar drei Einträge vor.

[14] Aus dem Jahrgang 1929 und jüngeren Jahrgängen gab es keine polnischen Insassen im Gerichtsgefängnisses Göttingen.

[15] Hier liegen Angaben für 384 von 389 Datensätzen vor, in zwei Fällen fehlt allerdings die Jahreszahl.