Die Haft als Zwischenstation. Polnische Zivilgefangene in Göttingen während des Zweiten Weltkriegs
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Das Gerichtsgefängnis Göttingen und ausländische Zwangsarbeiter:innen
Das Gerichtsgefängnis Göttingen befand sich am Rande der Innenstadt auf der Rückseite der Staatsanwaltschaft an der Ecke Obere-Masch-Straße/Waageplatz. (Abb. 7 . ) Nur 450 Meter entfernt, in unmittelbarer Nähe des Alten Rathauses im Stadtkern, existierte mit dem Polizeigefängnis im Keller des Stadthauses in der Gotmarstraße ein weiteres Gefängnis, in dem während des Krieges viele vorwiegend osteuropäische Zwangsarbeiter:innen einsaßen. (Abb. 8 . )
Für das Gerichtsgefängnis ist aus den Kriegsjahren 1939 bis 1945 das Gefangenenbuch für das Abrechnungsjahr 1943 (1. April 1943 bis 31. März 1944) erhalten.[6] (Abb. 9 . ) Die Gefangenenbücher für die anderen Kriegsjahre sind nicht auffindbar. Allerdings liegen in den Arolsen Archives, dem weltweit umfassendsten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus, listenmäßige Aufstellungen der ausländischen Gefangenen des Gerichtsgefängnisses Göttingen vor.[7] Dabei handelt es sich um maschinengeschriebene Kopien mit dem Titel Extract of Prison Register (Auszug aus dem Gefangenenbuch, Abb. 10 . ), die 1949 offenbar auf der Grundlage der Gefangenenbücher der Kriegsjahre auf Anforderung der alliierten Siegermächte angefertigt wurden. Sie enthalten insgesamt 784 Einträge mit Namen und weiteren Daten, die listenmäßig nach Nationalitäten und innerhalb dieser grob alphabetisch und/oder nach Datum der „Annahme“ sortiert sind. (Abb. 11 . ) Einige Personen tauchen mehrfach und mitunter in abweichenden Schreibweisen auf. Auf welcher Grundlage die Zuordnung der Gefangenen zu den Nationalitäten erfolgte, ist völlig unklar; die ursprünglichen Gefangenenbücher weisen, wie das erhaltene Buch für das Abrechnungsjahr 1943 zeigt, keine entsprechenden Angaben auf.[8]
Den Angaben dieser Listen zufolge waren fast drei Viertel der ausländischen Gefangenen des Gerichtsgefängnisses osteuropäischer Herkunft. (Abb. 12 . ) Allein die polnischen Gefangenen machten knapp die Hälfte der ausländischen Insass:innen aus. Vergleicht man diese Angaben mit den vorliegenden – unvollständigen – Zahlen zu ausländischen Zwangsarbeiter:innen in Südniedersachsen,[9] zeigen sich neben einigen Übereinstimmungen auch augenfällige Unterschiede. Dies gilt insbesondere für die Zwangsarbeiter:innen polnischer Herkunft, die prozentual im Gerichtsgefängnis fast doppelt so häufig anzutreffen waren wie „draußen“ – ein deutlicher Hinweis auf das Ausmaß der Repression, das polnische „Zivilarbeiter“ traf. Demgegenüber sind die Zwangsarbeiter:innen aus der Sowjetunion, die noch schärferen Strafvorschriften unterlagen, im Gerichtsgefängnis unterrepräsentiert. (Abb. 13 . ) Ein fast identisches Bild ergibt sich, wenn man die Nationalität von Zwangsarbeiter:innen, die als Patient:innen in südniedersächsische Einrichtungen der Gesundheitsversorgung eingeliefert wurden, mit der Verteilung aller Zwangsarbeiter:innen in der Region vergleicht.[10] (Abb. 14 . )
Ein Blick auf die Gründe für diese bemerkenswerte Übereinstimmung in den Diskrepanzen führt etwas tiefer in die Situation der zur Zwangsarbeit verpflichteten Menschen aus Osteuropa im Reich ein. In Bezug auf die polnischen Zwangsarbeiter:innen ist es hier wichtig, sich die Chronologie des Zwangsarbeitseinsatzes im Deutschen Reich zu vergegenwärtigen. Polinnen und Polen mussten im Schnitt deutlich länger Zwangsarbeit leisten als Personen aus der Sowjetunion; die Gefahr, während des unfreiwilligen Aufenthalts festgenommen zu werden, war entsprechend größer. Außerdem bildeten polnische Zwangsarbeiter:innen die Personengruppe, die als erste dem neu geschaffenen Sonderstrafrecht ausgesetzt war. Damit waren sie sowohl in ihrer persönlichen Sicherheit als auch in ihrer Gesundheit – welche zudem in Wechselwirkung miteinander standen – stärker gefährdet als andere. In der ersten Kriegsphase ging es auch darum, das Regime verschärfter Repression gegen „Slawen“ kompromisslos zu etablieren. Der Nachschub an Arbeitskräften aus den besetzten Ländern schien unbegrenzt, das Deutsche Reich schien Europa auf Dauer zu beherrschen, Rücksicht auf die Arbeitskrafterhaltung der ins Reich gelockten und deportierten „Untermenschen“ schien unnötig. Erst mit dem für Nazideutschland zunehmend ungünstigeren Kriegsverlauf bekam die Erhaltung der Arbeitskraft auch in Bezug auf die osteuropäischen Zwangsarbeiter:innen mehr Gewicht, manche drastischen Regelungen erfuhren leichte Abmilderungen.
Die Unterrepräsentation von Zwangsarbeiter:innen aus der Sowjetunion im Gerichtsgefängnis Göttingen dürfte hingegen andere Ursachen haben als ihr im Vergleich zum allgemeinen Einsatz niedrigerer Anteil an Patient:innen in den südniedersächsischen Einrichtungen der gesundheitlichen Versorgung. Sowjetische Zwangsarbeiter:innen galten bei den deutschen Unternehmen – ob zu Recht oder zu Unrecht – als arbeitswillig und leicht zu führen.[11] Möglicherweise boten sie den überwachenden Instanzen einfach weniger Anlass einzugreifen. Ihr Zugang zur deutschen Gesundheitsversorgung hingegen war infolge ihrer generellen Diskriminierung und aus finanziellen Gründen deutlich erschwert, so dass sie hier eher selten erschienen.
[6] NLA HA Hann 86a Göttingen acc 75/85 Nr. 1, online unter https://collections.arolsen-archives.org/de/search/topic/1-2-2-1_4392000?s=G%C3%B6ttingen (zuletzt aufgerufen 27.08.2025). Das Buch enthält neben den Namen der Gefangenen eine laufende Nummer, Tag und Uhrzeit der „Annahme“ und des „Austritts“ der Personen, zum „Austritt“ auch dessen Grund, sowie Angaben zu Geburtstag und -ort, zur Vollstreckungsbehörde, zur Strafart und sehr selten zu Instanz und Datum der Strafentscheidung.
[7] Scans dieser Listen sind online verfügbar unter https://collections.arolsen-archives.org/de/search/topic/1-2-2-1_8183000?s=gerichtsgef%C3%A4ngnis%20g%C3%B6ttingen (zuletzt aufgerufen 28.08.2025). Es handelt sich um 196 Scans (einschließlich Rückseiten; S. 14–20).
[8] Bei den 199 als „Russian“ (Russen) gelisteten Personen erfolgte in 131 Fällen eine nachträgliche handschriftliche Eintragung, der diese Personen als „Ukrainian“ (Ukrainer) auswies. Weitere Angaben zu den Gefangenen enthalten neben der laufenden Nummer Einträge zu Geburtstag und -ort, Gefangenennummer, (sehr selten) nächsten Angehörigen, Strafart oder -dauer, Datum der Ankunft, Datum des Abgangs und Zielort sowie gelegentlich zur einliefernden Institution, zum Strafvorwurf oder im Feld „Remarks“ (Bemerkungen) zu Sonstigem.
[9] Grundlage hierfür ist eine vom Autor erstellte personenbezogene Datenbank zu NS-Zwangsarbeit in Südniedersachsen mit aktuell 18.643 Datensätzen, ergänzt um die Zahlen bei Tollmien, Cordula: „In Göttingen befinden sich etwa 6.000 ausländische Arbeiter“ – NS-Zwangsarbeiter in der Stadt Göttingen, in: Zimmermann, Volker (Hrsg.): „Leiden verwehrt Vergessen“ – Zwangsarbeiter in Göttingen und ihre medizinische Versorgung in den Universitätskliniken, Göttingen 2007, S. 81–117, hier: S. 107. Die Datenbank umfasst Personendaten aus einer Vielzahl verschiedener serieller und nichtserieller Quellen, darunter Meldebücher, Krankenversicherungsunterlagen, Nachkriegslisten usw. Aufgrund vieler Lücken im Quellenmaterial und auch wegen Zugangsbeschränkungen und -verweigerungen kann sie nicht den Anspruch erheben, die geschätzten 60.000 bis 75.000 Zwangsarbeiter:innen der Region vollständig oder repräsentativ zu erfassen, bietet aber immerhin ein aussagefähiges Datensample.
[10] Vgl. Siedbürger, Günther: Zwangsarbeit im Gesundheitswesen. Historische und ethische Probleme am Beispiel Niedersachsen (1939–1945), (Göttinger Forschungen zur Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Bd. 1), Göttingen 2023, S. 186–189.
[11] Siehe beispielsweise den Eintrag des Rüstungskommandos Hannover im Kriegstagebuch für das 1. Quartal 1944, S. 32: „Die Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen werden seitens der Betriebe mit Vorliebe beschäftigt, da sie meistens eine gute Körperkonstitution besitzen, geschickt, arbeitswillig und bedürfnislos sind.“ BArch-MA RW 21-27/6.