Brygida Wróbel-Kulik. Kunst, Räume, Lebenswelten
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Geboren wurde Brygida Wróbel-Kulik 1952 in Chorzów (Königshütte). Ihr Studium der künstlerischen Druckgrafik mit Schwerpunkt auf der malerischsten Tiefdrucktechnik, der Aquatinta, absolvierte sie bei Prof. Mieczysław Wejman an der Akademie der Bildenden Künste in Krakau (Akademia Sztuk Pięknych w Krakowie). Ein zweites Diplom im Bereich der angewandten Grafik (Plakat) errang sie unter der Leitung von Prof. Stefan Maciej Makarewicz. 1971 lernte sie ihren späteren Ehemann, den Künstler Irek Kulik, kennen. 1977 ließen sich beide in Kattowitz (Katowice) nieder. Ihre Wohnung entwickelte sich rasch zu einem offenen, lebendigen Ort – zu einem künstlerischen Haus, das Menschen zusammenbrachte, Verbindungen schuf und stärkte.
Seit den 1980er Jahren reiste das Ehepaar Kulik ins Ausland: zunächst auf Einladung befreundeter Künstler nach Griechenland, verbunden mit einer Ausstellung in Thessaloniki (1981), später nach Paris. Von einer dieser Reisen kehrten sie nicht mehr nach Polen zurück. Ihr Weg führte sie nach Aachen, wo Wróbel-Kulik bald deutliche Brüche und Spannungen innerhalb der lokalen Kunstszene wahrnahm. Diese Erfahrung bewegte und beunruhigte sie zutiefst. Zugleich war sie der Impuls, zu handeln. In Polen hatte sie, trotz der politisch schwierigen Umstände, ein künstlerisches Umfeld erlebt, das von Zusammenhalt, Solidarität und gegenseitiger Unterstützung geprägt war.
Noch bevor das feministische Künstlerinnenkollektiv Grenzfrauen formal entsteht, markierte ein früher, entscheidender Moment ihren Weg: die 1985 mit dem Förderpreis der Stadt Aachen gewürdigte Ausstellung „Grenzzustände“. Die dort präsentierten Zeichnungen thematisieren Grenzen in vielfältiger Hinsicht – territoriale, mentale, emotionale und existenzielle. Erfahrungen des Grenzübertritts, der An- und Abreise, der bis heute anhaltenden Sehnsucht sowie von Spannung und Frustration verdichten sich in einer Reihe von großformatigen, monochromen Zeichnungen. Im Umfeld genau dieser Ausstellung beginnt sich eine Gruppe von 16 Künstlerinnen zu formieren, die wenig später den Namen Grenzfrauen annimmt. Eine schönere Würdigung ist kaum vorstellbar.
Wie so oft im Leben greifen familiäre Konstellationen in den weiteren Werdegang ein. Aufgrund der beruflichen Tätigkeit von Irek Kulik und seines pädagogischen Engagements zieht das Ehepaar nach Düsseldorf. Im Zeitraum von 1984 bis 1985 studierte Wróbel-Kulik an der Kunstakademie Düsseldorf bei Prof. Günther Uecker. Kurz darauf, im Jahr 1986, wurde ihre Tochter Miriam geboren. Von diesem Zeitpunkt an folgte Wróbel-Kulik bewusst einem Prinzip, das bis heute als Leitmotiv ihres Arbeitens gilt: Nulla dies sine linea – für sie bedeutete dies, keinen Tag ohne künstlerische Handlung zu lassen. Morgens bringt sie ihre Tochter in die Kita, anschließend geht sie ins Atelier. Über Jahre hinweg hält sie enge Verbindungen nach Aachen aufrecht, bis sich ihr künstlerischer Weg mit dem Einzug in ein Atelier im Düsseldorfer Salzmannbau dauerhaft mit dieser Stadt verbindet.
Das Werk von Wróbel-Kulik ist in hohem Maße autobiografisch und zugleich ökologisch ausgerichtet. Wiederkehrende Motive sind Flüsse, Grenzen, Gärten als Metapher der Welt bis hin zu den von der Künstlerin definierten „besonderen Orten“. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit dem Raum, den Möglichkeiten seiner Darstellung, der Identität von Orten und deren Symbolik. Natur und Biografie sind hier untrennbar miteinander verwoben. Ein häufig auftretendes Motiv sind Pilze, die mit dem tragischen Tod der Großmutter der Künstlerin verbunden sind, die an einer Pilzvergiftung starb. Zugleich sind sie eine Rückkehr zur Kindheit und zur Beziehung mit dem Vater, der sie in die Welt der Wald- und Wiesenpflanzen einführte, in ihre Sinnbildlichkeit und praktische Anwendung – vom Löwenzahn bis hin zur Kräuterheilkunde. Technisch arbeitet sie vor allem mit den Prozessen des Zu- und Abschichtens sowie mit feinen Überlagerungen von Papier, Wachs, Säure, Farbe und anderen Materialien. Mithilfe dieser Collagetechnik entstehen vielschichtige Strukturen und räumliche Tiefe. Wróbel-Kulik definiert sich keinesfalls ausschließlich über die Zweidimensionalität. Sie schafft Künstlerbücher, Installationen und sphärische Objekte. Ihre Arbeiten treten häufig in die dritte Dimension und bringen Bewegung ins Spiel.
Einen bedeutsamen Einschnitt stellt die Mutterschaft dar – auch wenn die Künstlerin betont, dass sie ihre Arbeit nicht unmittelbar verändert habe, so habe sie diese doch nachhaltig transformiert. Die Arbeit „Bibliothek für Miriam“ – eine Explosion von Farbe und Material – fungiert als Metapher für das Kostbarste, das sich an ein Kind weitergeben lässt: Wissen, Erinnerung und Erfahrung. In der Folge gewinnen bei Wróbel-Kulik Fantasie, das spielerische Erkunden der Welt und das Experimentieren zunehmend an Bedeutung – nicht nur im Hinblick auf Techniken, sondern auch auf Materialien. In den frühen Jahren war dies teilweise den begrenzten finanziellen Möglichkeiten geschuldet: Zahlreiche Arbeiten entstehen daher auf gefundenen Trägermaterialien – Papierrollen, Mustertafeln, Tapetenkatalogen, später auch auf alten Landkarten, die die Künstlerin mit einer neuen, persönlichen Bedeutung überschreibt. Was aus der Not entstand, wird zu ihrer Handschrift.
Brygida Wróbel-Kulik verwebt in ihrem Werk Intimität und Universalität, persönliche Erfahrungen und kollektive Erinnerungen zu einem feinen Geflecht. Charakteristisch für diese „Erlebnisnotizen“ ist die unmittelbare, spontane künstlerische Geste: Ein Gedanke wird rasch festgehalten, künstlerisch in ein passendes Medium umgesetzt und erhält so sofort eine eigene Stimmung, eine Präsenz zwischen Kopf und Herz.
Katarzyna Schieweck, März 2026