Birgitta M. Schulte. Auf den Spuren der Vergangenheit

Birgitta M. Schulte – © Masako Kato, 2025
Birgitta M. Schulte

Die Recherche für „Ruhrgemüse, polnisch“ verlief nicht immer einfach. Schulte erstellte eine chronologische Übersicht der (politischen) Ereignisse in der Dortmunder Nordstadt, dem Schauplatz des Romans. An dieser versuchte Schulte dann entlangzuschreiben und griff obendrein auf das Wenige zurück, das ihre Mutter ihr erzählt hatte. Sie suchte nach Expert:innen, erhielt eine individuelle Führung durch „Nordstadt-VerFührungen“, recherchierte im Dortmunder Stadtarchiv und durchforstete alte Zeitungen. Außerdem fand die Autorin sehr hilfreiche Einblicke in dem Buch „Wir Unsichtbaren. Geschichte der Polen in Deutschland“ (2014 bei C.H. Beck). Geschrieben hat es Peter Oliver Loew, über den Schulte auch auf die Internet-Plattform Porta Polonica aufmerksam wurde, eine weitere Quelle für ihre Recherchen. Trotzdem wusste die Autorin manchmal nicht weiter. „Geschichte von unten“ ist nicht leicht zu recherchieren, denn über die Lebenswirklichkeit der einfachen Arbeiter wurde nur wenig aufgeschrieben. 

Als immerhin der halbe Text schon stand, fand Schulte plötzlich ihre Großcousine väterlicherseits, und damit eine lebendige Quelle, die etliche Informationen beitragen konnte. Die Recherche nahm nun wieder richtig Fahrt auf. Außerdem lernte Schulte die Kulturreferentin des Westpreußischen Landesmuseums in Warendorf kennen und fuhr mit ihr in einer kleinen Gruppe nach Danzig und Marienburg. Auch das Staatsarchiv in Danzig zeigte sich sehr unterstützend für Schultes ambitioniertes Projekt einer fiktionalisierten, aber mit historischen Quellen angereicherten Beschreibung einer polnischen Arbeiterfamilie im Dortmund zwischen den Jahren 1893 und 1931. 

Schließlich fand „Ruhrgemüse, polnisch“ auch einen Verlag und wurde 2025 bei STROUX edition veröffentlicht. Die Geschichte entführt in eine weitgehend unbekannte und oft totgeschwiegene Welt. Gleichzeitig gibt Schulte in kursiv geschriebenen Passagen Einblicke in den Entstehungsprozess des Romans, ihre Suche nach den Vorfahren, und in die Fragen, die die Recherche begleitet haben. Durch die Arbeit konnte sie einen abgespaltenen Teil ihrer Familiengeschichte zurückholen und der Selbstverleugnung des 1979 an Krebs gestorbenen Vaters etwas entgegensetzen. Das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, hat Schulte dadurch zwar nicht komplett verloren, aber sie versteht sich selbst nun besser. Ihr ist klar geworden, dass sie von den Werten, Benimmregeln und Erwartungen zweier unterschiedlicher Milieus geprägt wurde. Die Mutter aus großbürgerlichen Verhältnissen, der Vater ein Bildungs- und Armuts-Migrant, der seinen Aufstieg mit rigoroser Abkehr von den eigenen Wurzeln verbunden hatte.

„Ruhrgemüse, polnisch“ ist dabei keineswegs ein therapeutischer Roman, auch wenn die Arbeit daran für Schulte durchaus heilsam gewesen ist. Vielmehr ist es eine packende Geschichte von Menschen, die an einem neuen Ort ihr Glück versuchen und sich dabei mit wenigen Ressourcen in einer Umgebung behaupten müssen, die nicht auf sie gewartet hat. Der unter anderem auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte Roman fand ein gutes Echo in der Presse, wurde strukturell mit den Buddenbrooks verglichen und als vielschichtiger Familienroman gelobt, der historische Erfahrungen mit aktuellen Fragen verbindet. Manche Leserin und mancher Leser erkannte in dem schlanken Band voller interessanter Details etwas aus der eigenen Familiengeschichte wieder und fand so Zugang zu einem bisher verborgenen Teil der eigenen Identität. 

Birgitta M. Schulte sieht ihren polnischen Hintergrund als eine Bereicherung, eine kulturelle Erweiterung. Gerade in Hinblick auf die politischen Ereignisse der letzten Jahre wünscht sie sich eine engere wirtschaftliche und militärische Kooperation von Polen und Deutschland. Sie arbeitet bereits an einem neuen Roman-Projekt. Worum es darin geht, verrät die Autorin aber noch nicht. 

 

Anselm Neft, Mai 2026

 

Die Autorin im Netz: https://www.birgittam-schulte.de/sites/de/aktuell.php

 

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  • Birgitta M. Schulte: Ruhrgemüse, polnisch, München 2025

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