Agnieszka Lessmann. Schreiben als Notwendigkeit

Agnieszka Lessmann © Annette Mück 2022
Agnieszka Lessmann

Agnieszka Lessmann hält aber auch der Lyrik die Treue, veröffentlicht immer wieder einzelne Gedichte oder ganze Bände, wie zum Beispiel „Fluchtzustand“ (Elif Verlag, 2020). Der hundertseitige Gedichtband verarbeitet Eindrücke, die Lessmann ab dem Jahr 2015 als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache gesammelt hat.

2025 erscheint dann auch ihr erster Roman im Berliner Gans-Verlag. „Aga“ ist ein autofiktionales Werk, das die Kindheit und Jugend unter traumatisierten Menschen einfühlsam und poetisch schildert und nachfühlbar macht. Hier erfährt man auch mehr über Lessmanns Vater und andere Holocaust-Überlebende, die die kindliche Agnieszka bei ihrer Ankunft in Deutschland in einem Haus der jüdischen Gemeinde erlebt.

Der Begriff „multigenerationale Traumaweitergabe“ ist im Sprechen über Literatur mittlerweile etwas abgenutzt. Aber „Aga“ ist ein herausragendes Beispiel dafür, wie man sich dem Themenkomplex nähern kann. Aus der Sicht eines Kindes erzählt, müssen wir uns auf das einlassen, was wir gerne unter schlauen Begriffen und einstudierten Betroffenheitsposen begraben würden: aufs Fühlen. Das Schweigen der Eltern bedeutet eben nicht, dass deren grauenhafte Erlebnisse damit verschwinden. Vielmehr leben sie als Atmosphären weiter, für die gerade Kinder gute Seismografen sind. Im Roman heißt es „Sie wissen nicht und verstehen nicht, dafür spüren sie. […] Es sinkt auf den Boden der Kanne, und wenn der Kaffee ausgeschenkt ist, bleibt eine schwarze Essenz übrig.“

Auch wenn Deutschland das Land der Täter (und vieler Opfer) der nationalsozialistischen Diktatur gewesen ist – in Köln fühlt sich Agnieszka Lessmann wohl und ist eng mit dem literarischen Leben der Stadt vernetzt. Die Autorin ist Mitglied in den Vereinen „Literaturszene Köln“ und „Netzwerk Lyrik“ und obendrein Mitglied im Schriftstellerverband „PEN Deutschland“. Derzeit arbeitet sie gefördert durch ein Stipendium des Deutschen Literaturfonds an einem Gedichtzyklus über das Kölner jüdische Viertel und ihre Familiengeschichte. Außerdem ist sie dabei, die Arbeit an ihrem zweiten Roman zu beenden.

Agnieszka Lessmann hat viel mehr Jahre ihres Lebens in Deutschland als in Polen verbracht. Mit dem Land ihrer Geburt verbindet sie aber mehr als die Vertreibung. Die Autorin liebt die polnische Sprache, die Literatur des Landes und auch den polnischen Film. Auch erklärt sie, dass Polen das erste Land des „Ostblocks“ war, dass sich gegen die sowjetische Diktatur gestellt hat. Sie sagt: „Es gibt den Teil der Gesellschaft, der sich ernsthaft sowohl um eine demokratische Zukunft als auch um eine Aufarbeitung der polnischen Geschichte bemüht und dabei auch den Antisemitismus nicht auslässt.“

An Deutschland schätzt sie die Bereitschaft vieler Menschen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, auch wenn es schmerzt. Vor allem aber bewundert Lessmann, dass die Deutschen es geschafft haben, eine funktionierende Demokratie aufzubauen und dass die allermeisten auch in den gegenwärtig schwierigen Zeiten darum kämpfen, sie zu erhalten und zu verteidigen. Entsprechend wünscht sie sich für die polnisch-deutschen Beziehungen, dass die Länder und Europa insgesamt noch mehr zusammenwachsen: „Denn nur so haben wir eine Chance gegen autoritäre Regime.“

 

Anselm Neft, Januar 2026

 

Die Autorin im Netz: https://agnieszkalessmann.de/

 

Mediathek
  • Bolesław und Agnieszka Lesman

    ca. 1967 in Łódź
  • Jadwiga, Bolesław und Agnieszka Lesman auf dem Weg nach Deutschland

    Aufgenommen im April 1969 in Nikosia, einem Zwischenstopp bei der Überfahrt von Haifa nach Genua
  • Jadwiga, Bolesław und Agnieszka Lessmann (!) mit Hund Berry

    Angekommen in Deutschland, ca. 1972
  • Gedenktafel am Dworzec Gdański (Danziger Bahnhof) in Warschau

    Angebracht im März 1998
  • Agnieszka Lessmann: Fluchtzustand, Nettetal 2020

    Gedichte – Buchumschlag
  • Agnieszka Lessmann: Aga, Berlin 2025

    Roman – Buchumschlag