Agnieszka Lessmann. Schreiben als Notwendigkeit

Agnieszka Lessmann © Annette Mück 2022
Agnieszka Lessmann

Es dauerte dann noch zwei Jahre, bis Bolesław Lessmann gut genug Deutsch sprach und einen Honorarvertrag beim Deutschlandfunk in Köln bekam. So wuchs Agnieszka hauptsächlich in Köln auf, der Stadt am Rhein, in der sie bis heute lebt. Ihre Mutter Jadwiga Lessmann fand dort eine Stelle als Personalreferentin in einer deutschen Behörde. Agnieszka selbst entdeckte das Schreiben für sich. Ab ihrem zwölften Lebensjahr drückte sie ihr Innenleben in Gedichten und Prosatexten aus. „Schreiben ist für mich eine Notwendigkeit“, sagt die Autorin, „ich kann nicht anders.“ Und so schreibt sie auch während ihres Studiums, wird Mitglied der Kölner Autorenwerkstatt und schickt ihre Kurzgeschichten und Gedichte an Literaturzeitschriften und Anthologien. Manche werden veröffentlicht, was der jungen Frau Mut macht, sich stärker mit ihren Texten zu zeigen. So studiert sie also nicht nur Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und Italianistik, sondern verfasst neben Gedichten und Geschichten auch Hörspiele und Radiofeatures und arbeitet schon während des Studiums als Kulturjournalistin für die Süddeutsche Zeitung, das damalige FAZ-Magazin und den Kölner Stadt-Anzeiger. Ihr literarisches Schaffen wird durch ihre Herkunft geprägt. Der Schmerz über den Verlust der Heimat und der Muttersprache durch eine antisemitische Verleumdungskampagne sitzt tief, insbesondere, da ihr Vater ein Überlebender der Konzentrationslager der Nazis war und nach dem Krieg bewusst in Polen geblieben ist. Agnieszka Lessmann sagt: „Er liebte seine polnische Heimat. Er hat sogar einen historischen Roman über seine Heimatstadt Łódz geschrieben.“ Agnieszka erinnert sich noch daran, dass sie im Kindergarten ein Gedicht über „unsere Hauptstadt“ (nasza stolica) gelernt hatte und sehr stolz darauf war. Sie erinnert sich aber auch daran, wie sich ihre Mutter geschämt hatte, Polin zu sein, als sie den Hass gegen die Juden erlebte.

„Mein Schreiben beschäftigt sich immer wieder mit Vorurteilen und Zuschreibungen“, sagt Agnieszka Lessmann. „Wo kommen sie her? Welche Folgen haben sie? Wie werden sie durch Sprache transportiert?“ Lessmanns Schreiben wird von ihrer frühen Dreisprachigkeit beeinflusst, die ihren Sinn für den Zusammenhang von Wörtern und Bedeutungen geschärft hat. Sie sagt: „Gleichzeitig ist mir die Emotionalität der Sprache, die ich als Kleinkind gelernt habe, schmerzlich bewusst. Polnische Wörter, die ich als kleines Kind gelernt habe, sind mit starken Gefühlen verbunden und rufen sofort Bilder und Gerüche in mir hervor.“

Agnieszka Lessmanns Stil ist gleichzeitig präzise und poetisch. Sie versucht, nah an den Gefühlen zu sein, formuliert dabei manchmal lakonisch, manchmal hart, manchmal, schwebend. Auf die Frage nach literarischen Vorbildern antwortet sie: „Sehr früh sehr prägend waren sicher Julian Tuwim und Jan Brzechwa, deren Gedichte meine Oma mir vorlas.“ Als Lessmann mit etwa 20 Jahren begann, das Schreiben als Beruf in Betracht zu ziehen, war Uwe Johnson ein wichtiger Autor für sie. Ohne auch nur annähernden Anspruch auf Vollständigkeit nennt Lessmann weitere Inspirationsquellen: An Jane Austen liebt sie die Ironie, Emily Brontës „Wuthering Heights“ wirkt über Jahrzehnte bei ihr nach. Auch bewundert sie Shakespeares Fähigkeit, verschiedene Teile seines Publikums auf jeweils ihrer Augenhöhe anzusprechen. Schließlich nennt sie auch Margaret Atwoods Gespür für wichtige Themen der Zukunft als etwas, das sie beeindruckt und motiviert.

Eine große Rolle in Lessmanns Arbeit nehmen Hörspiele ein. Schon während des Studiums arbeitete sie als Hörspielautorin. Ihre Magisterarbeit verfasste sie schließlich über den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Auch später blieb sie dem Format treu und arbeitete unter anderem für den Deutschlandfunk, den WDR, den SWR, den Bayrischen Rundfunk und Radio Bremen als Hörspiel- und Feature-Autorin. Es entstehen dabei Werke wie „Variationen um einen Haustürschlüssel“ (Radio Bremen, 1991), das preisgekrönte „Cobains Asche“ (SWR, 2004), der „Monolog einer hässlichen Frau“ (SWR, 2015) oder das Hörspiel „Mörder“ (Dlf/SWR 2011), das von ihrer Migration nach Deutschland erzählt. Es war die deutsche Einreichung zum Prix Europa und wurde anschließend von Polskie Radio übersetzt und in polnischer Sprache produziert. „Das war ein bisschen wie nach Hause kommen“, sagt die Autorin.

Von 2000 bis 2013 schrieb und produzierte Lessmann außerdem das Radiomagazin „Hörspielkalender“ für den Deutschlandfunk, das von ihrem Mann, Frank Olbert, moderiert wurde. Das Hörspiel hält die Autorin für eine inspirierende Form, weil es so viele Möglichkeiten bietet. Sie sagt: „Man kann es dramatisch, lyrisch oder erzählend gestalten, man kann eine O-Ton-Collage machen oder Musik den Vorrang geben. Ich habe viele Jahre fast ausschließlich Hörspiele geschrieben und werde sicher zu dieser Form gelegentlich zurückfinden.“

Mediathek
  • Bolesław und Agnieszka Lesman

    ca. 1967 in Łódź
  • Jadwiga, Bolesław und Agnieszka Lesman auf dem Weg nach Deutschland

    Aufgenommen im April 1969 in Nikosia, einem Zwischenstopp bei der Überfahrt von Haifa nach Genua
  • Jadwiga, Bolesław und Agnieszka Lessmann (!) mit Hund Berry

    Angekommen in Deutschland, ca. 1972
  • Gedenktafel am Dworzec Gdański (Danziger Bahnhof) in Warschau

    Angebracht im März 1998
  • Agnieszka Lessmann: Fluchtzustand, Nettetal 2020

    Gedichte – Buchumschlag
  • Agnieszka Lessmann: Aga, Berlin 2025

    Roman – Buchumschlag