Mark Forster und sein „Lulajże, Jezuniu“

„Für mich ist Weihnachten eine totale Konstante. An Weihnachten ist alles so, wie’s immer war.“ Mark Forster im Interview mit VOX TV, 2017
„Für mich ist Weihnachten eine totale Konstante. An Weihnachten ist alles so, wie’s immer war.“ Mark Forster im Interview mit VOX TV, 2017

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Das war die Weihnachtsüberraschung für alle Fans von Mark Forster und der Fernsehsendung „Sing meinen Song“ auf Vox-TV: Beim Weihnachts-Special am 28. November 2017 sang er auf Wunsch seiner Gesangskollegin Stefanie Kloß „Jingle Bells“, aber bei dem von ihm selbst gewählten Song überraschte er polnische ebenso wie deutsche Zuschauer mit dem auf Polnisch gesungenen Weihnachtslied „Lulajże, Jezuniu“. Es war der erste polnischsprachige Auftritt des spätestens seit 2010 erfolgreichen Solosängers und Songwriters, der 1984 unter dem Namen Mark Ćwiertnia als Sohn einer polnischen Mutter und eines deutschen Vaters in Kaiserslautern geboren wurde. „Mam nadzieję że takich piosenek będzie więcej – Ich hoffe, es wird mehr solche Lieder geben“, schreibt eine seiner Fans auf YouTube.

Mark Forster – Die Weihnachtsüberraschung 2017

 

Selbst deutsche Fans, die kein Polnisch sprechen, sind hingerissen. „versteh zwar nix aber das lied ist ein traum”, kommentiert Marion T. auf YouTube. In den Pressetexten auf vox.de und bei RTL Next ist zu lesen: "Mich hat die polnische Nummer von Mark total überrascht", so Michael Patrick Kelly. Und auch Moses Pelham ist beeindruckt von dieser Version: "Da ist so viel Liebe drin, ohne ein Wort zu verstehen."[1] Die von älteren Videosequenzen begleitete Tonaufnahme auf YouTube wurde über 80.000-mal angeklickt (Stand: 13. Dezember 2017) bis sie aus urheberrechtlichen Gründen von der Videoplattform entfernt wurde.

Eine deutsche Version von „Lulajże, Jezuniu“, dem berühmtesten polnischen Weihnachtslied, das im 17. Jahrhundert entstanden ist, hat sich in Deutschland jedoch gegen „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder gegen das amerikanische „Jingle Bells“ nie durchsetzen können. Das liegt vermutlich an den Übersetzungen, von denen keine wirklich überzeugen kann. Die wortwörtliche Übertragung, „Sei in den Schlaf gewiegt, Jesulein“, klänge ebenso altertümlich wie holprig, die Übersetzung von Grażyna Rzepka, „Schlafe, Jesulein, mein kleines Perlchen“,[2] ist im Deutschen durch die zahlreichen aus dem polnischen Original stammenden Diminutive wenig erträglich. Die neuere Übertragung von Ingeborg Bürklen macht durch das unverständliche Eingangswort „Luleise Gottessohn“[3] wenig Sinn, und auch die häufiger verbreitete englische Version von Marguerite Wilkinson, „Lullaby, little pearl, dear baby Jesu“,[4] kann das am Anfang stehende polnische Verb nur durch das englische Substantiv für „Wiegenlied“ wiedergeben, wodurch die erste Strophe grammatisch unvollständig ist. Da scheint Mark Forsters Entscheidung für das polnische Original wirklich die beste Lösung, denn die Melodie ist auch für deutsche Ohren anrührend, wie die Reaktionen belegen.

Aber so rational war die Entscheidung vermutlich gar nicht. „Es ist total egal, was überhaupt los ist bei uns in der Familie, an Weihnachten ist alles so, wie’s immer war“, sagt der Sänger in einem Interview,[5] und man würde sofort glauben, dass seine Mutter ihm früher dieses Weihnachtslied vorgesungen hat. „Lulajże, Jezuniu“, ein Wiegenlied im kreisenden Dreiertakt, ist für die Polen der Inbegriff der polnischen Weihnacht. Da die Melodie auch zur Vertonung patriotischer Texte verwendet wurde, schwingt ein nationales Gefühl für das Polentum mit. Sogar der aus Polen stammende Komponist Frédéric Chopin (1810-1849) zitierte die Melodie, deren älteste Version von 1705 im Erzbistumsarchiv in Posen/Archiwum Archidiecezjalne w Poznaniu aufbewahrt wird, rührselig, wie manche meinen, im Mittelteil seines ansonsten wilden und fieberhaften Klavier-Scherzos Nr. 1 in h-Moll op. 20.[6]

 

[6] In der 1959 im Manhattan Center in New York aufgenommenen Einspielung des polnischen Pianisten Arthur Rubinstein (1887-1982) auf YouTube

Natürlich ist es auch der persönliche und private Bezug, der Mark Forsters Version dieses Weihnachtsliedes in einer Fernsehsendung, die sonst eher schlagerähnlichen und hitverdächtigen Songs aus den Genres Pop, Rock, Folk, Reggae, Rap und anderem gewidmet ist, zur Ausnahme machte. Die Sendereihe „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ läuft in Deutschland seit April 2014 in seitdem fünf Staffeln mit jährlich acht Folgen und einer Weihnachtsausgabe auf dem Fernsehsender VOX. Jede Folge ist einem deutschsprachigen Sänger oder einer Sängerin gewidmet, sechs andere tragen ein Lied von ihm oder ihr in ihrem eigenen Stil als Cover-Version vor. Am Ende singt der Interpret oder die Interpretin des Abends einen eigenen Song. Weitere Regeln und sämtliche Sänger der Abendserie, die jeweils an einem anderen abgeschiedenen Ort irgendwo auf der Welt aufgenommen wird, und bei der unter anderem Andreas Gabablier, Sarah Connor, Roger Cicero, Xavier Naidoo, Ivonne Catterfeld, Die Prinzen, Samy Deluxe oder Anett Louisan zu Gast waren, sind im Internet vollständig nachzulesen. Die erste Folge der Staffel 2017 war im Mai Mark Forster gewidmet, der daher auch in den anderen Sendungen dieses Jahres zusammen mit dem Rapper Moses Pelham, der Pop- und Rocksängerin Stefanie Kloß, dem Folk- und Popsänger Michael Patrick Kelly, dem Reggae-Musiker Gentleman und der Berliner Band The BossHoss auftrat.

Mark Ćwiertnia alias Mark Forster, der in Diskographien als Pop-Sänger geführt wird, war schon in verschiedenen musikalischen Genres aktiv. Er wurde auf Wunsch seines Vaters auf den Namen Mark getauft, aber seine Mutter, die aus Warschau stammt, ignorierte das und nannte ihn immer Marek. „Ich kann Polnisch, aber ich habe den Wortschatz eines sehr, sehr höflichen Elfjährigen“, gesteht er in einem Interview mit dem Frankfurter Sender Hit Radio FFH.[7] Aufgewachsen ist er im pfälzischen Winnweiler. Nach einem abgebrochen Jurastudium und einem erfolgreich abgeschlossenen BWL-Studium in Berlin arbeitete er als Pianist, Sänger und Songwriter. Von 2007 bis 2010 begleitete er den Comedian Kurt Krömer in der Rolle eines polnischen Pianisten bei dessen Auftritten. 2009 war er Frontmann einer Berliner Band mit dem Namen Balboa, 2012 war er im Vorprogramm des Pop-Sängers Laith Al-Deen zu sehen. Im selben Jahr erschien sein erstes Studioalbum „Karton“ mit zwölf von ihm selbst geschriebenen Songs bei dem Musiklabel Four Music. Kooperationen mit dem Rap-Sänger Sido 2013 und dem Starproduzenten Tony Mono anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 folgten. 2015 wirkte er in der TV-Castingshow The Voice Kids auf Sat.1 als Juror mit. 2014 erreichte er mit seiner wieder zusammen mit Sido produzierten Single „Au revoir“ 645.000 verkaufte Einheiten. Seitdem gewann er bis 2017 mit 3,2 Millionen Verkäufen von Singles und Alben in Deutschland sechsmal Gold- und achtmal Platinstatus.[8]

Im September 2017 erschien das Lied „Kogong“ als Singleauskoppelung aus seinem dritten Studioalbum „TAPE“. „‚KOGONG’ ist das Geräusch, dass das Herz macht, wenn man genau hinhört. Der Song handelt von kleinen und großen Dingen, die mir mein Herz gesagt hat und die ich irgendwie nicht hören konnte. Ich hoffe sehr, dass ich in Zukunft mehr darauf hören kann – vielleicht ist dieses Lied ja mein Anfang.“ So ist es auf Mark Forsters Webseite zu lesen. Die Aufführung des polnischen Weihnachtsliedes „Lulajże, Jezuniu“ war offenbar so ein Anfang, mit dem er die Herzen seiner polnischen Fans bereits erobert hat.

Axel Feuß

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Mark Forster, 2017
Mark Forster, 2017
Pressefoto Mark Forster, 2017
Bei 1LIVE Krone, 2014
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Mark Foster beim Live-Clubkonzert „Unser Song für Österreich“ in der „Großen Freiheit 36“ in Hamburg am 19. Februar 2015
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Opel Arena, Mainz, 2016
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Mark Forster, Mai 2017
Mark Forster, Mai 2017
Mark Forster bei der Aufnahme zur 1. Folge der 4. Staffel von „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“, VOX-TV, ausgestrahlt am 23. Mai 2017