Aleksandra Sękowska, „Ola“ - vom Warschauer Aufstand 1944 nach Maczków an der Ems

Aleksandra Sękowska, "Ola", Warschau 2016

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Aleksandra Diermajer wurde 1929 in Warschau geboren. Ihr Schicksal ist für die damalige Generation dieser Jahre in der polnischen Hauptstadt mehr als bezeichnend. Nach dem frühen Tod ihres Vaters 1936 mussten sie und ihre Schwester erzwungenermaßen schneller selbstständig werden als ihre gleichaltrigen Zeitgenossen. Nach dem Überfall Polens durch Deutschland 1939 und der anschließenden Besetzung Warschaus trat sie 1943 der verbotenen polnischen Pfadfinderschaft bei. Dort, aber auch zu Hause, genoss sie die patriotische Erziehung, die durch den beschwerten und furchterregenden Alltag in der besetzten Stadt verstärkt wurde. Sie nahm an dem Warschauer Aufstand 1944 teil und wurde anschließend im Emsland inhaftiert.

Da die Warschauer sich ab September 1939 von Anfang an der Unterdrückung durch die Deutschen nicht beugen wollten, wurden sie immer wieder mit teilweise drastischen Repressalien bedacht. Jede Aktion der Widerstandsbewegung und der von der polnischen Londoner Exilregierung unterstützten Untergrundarmee Armia Krajowa (Heimatarmee) hatte standesrechtliche Straßenerschießungen und auch „łapanki“ zur Folge (das wahllose Aufgreifen von Menschen auf der Straße mit dem Ziel Konzentrationslager oder als Geiselnahme für die Erschießungen). Das für seine Brutalität berühmt- berüchtigte Gestapo-Gefängnis Pawiak auf der Szuch-Allee, heute eines der bedeutendsten polnischen nationalen Gedenkorte, ist zum Symbol des Martyriums der Warschauer unter der deutschen Besatzung geworden. Auch viele Lehrerinnen und Lehrer, die an den geheimen polnischen Schulen unterrichteten, sind dort gewesen. Im Grunde war man sich beim Verlassen der Wohnung nicht immer sicher, wieder nach Hause zurückzukehren. Unter solchen Umständen ist Aleksandra Diermajer zum Teenager geworden. In der Pfadfinderschaft ließ sie sich in den Kommunikationsdiensten ausbilden.

Ihre geplante Teilnahme am Warschauer Aufstand verschwieg sie ihrer Mutter. Am 1. August 1944, am Tag des Ausbruchs des Aufstandes, dachte Aleksandra Diermajer, gerade 15 Jahre alt, dass sie spätestens in einer oder in zwei Wochen wieder Zu Hause sein würde. Die Rückkehr nach Warschau erfolgte erst nach 3 Jahren.

Nach der Inhaftierung wurde sie zuerst in ein Frauenlager in Fallingbostel gebracht. Kurz vor der Einlieferungskontrolle vernichtete sie alle Dokumente, um nicht als Kind, sondern als Soldatin durchzukommen (Kinder wurden oft direkt in ein Konzentrationslager gebracht). Nach einigen Monaten in Bergen-Belsen wurde sie am 24. Dezember 1944 zusammen mit anderen Teilnehmerinnen am Warschauer Aufstand als Kriegsgefangene in das Lager Oberlangen in Emsland verlegt. Da die meisten Wachleute in den Nachmittagsstunden des Heiligen Abends schon nicht mehr anwesend waren und niemand eine Aufnahme machen konnte, wurden die polnischen Frauen kurzerhand im Lagergefängnis untergebracht. Am 12. April 1945 wurde das Lager durch die 1. Polnische Panzerdivision des General Maczek befreit. 

Im benachbarten Lager Niederlangen, in das sie zusammen mit einigen Mädchen verlegt wurde, lernte sie den Pfarrer Maziarski kennen. Er gehörte, wie sie selbst und einige andere Frauen zur Gruppe der Angehörigen der evangelisch-reformierten Kirche, die im Lager ungefähr ein Prozent der inhaftierten polnischen Kriegsgefangenen ausmachte, der evangelisch-reformierten Kirche an. Maziarski war Diermajer sehr behilflich und organisierte unter anderem den Besuch ihrer Mutter, die für einige Tage nach Niederlangen kam und das Leben der beiden Töchter durchorganisierte. Aleksandra wurde erst ins Krankenhaus nach Meppen geschickt und später aufs Gymnasium in das benachbarte polnische Maczków, wie der Ort Haren nach der Aussiedlung der Deutschen zu Ehren des polnischen Befreiungsgenerals mittlerweile hieß.

Dort lernte sie am 31. Dezember 1946 ihren späteren Mann Stefan Sękowski kennen. In Bezug auf Maczków berichtete sie immer wieder in zahlreichen Interviews und Gesprächen, dass es große soziale Unterscheide zwischen den Polen gab, die vor allem herkunftsbedingt waren. Die beste Lage genossen die ehemaligen Kriegsgefangenen genossen. Am schlechtesten waren die Displaced Persons dran, die nach Maczków als ehemalige Zwangsarbeiter kamen. In diesem Sinne ist ihre Aussage zu verstehen, die sie immer wieder trifft: „Ich hatte nie den Displaced-Person-Status“ (Gespräch mit Jacek Barski am 10.9.2015, Porta Polonica).

1947 verließ Aleksandra Diermajer Deutschland und kehrte nach Warschau zurück. Ende der 1970-er Jahre beteiligte sie sich zusammen mit ihrem Mann an den konspirativen Arbeiten des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter (Komitet Obrony Robotników, KOR), wofür sie beide mit massiven Repressalien seitens der kommunistischen Regierungsbehörden konfrontiert wurden. Aleksandra Sękowska lebt in Warschau und arbeitet in der Bibliothek der evangelisch-augsburgischen Kirchengemeinde. Ihr Schicksal in Deutschland 1945-1947 und allen voran ihre Zeit in Maczków an der Ems hat sie eindrucksvoll in einem Fotoalbum dokumentiert. In der Dauerausstellung der zentralen Gedenkstätte der ehemaligen Emslands-Lagern in Esterwegen befindet sich Ihr Foto.

Jacek Barski

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Uniform von Stefan Sękowski
Uniform von Stefan Sękowski mit dem Abzeichen der 1. Panzerdivision von General Maczek
Gespräch mit Jacek Barski in Warschau 2016
Gespräch mit Jacek Barski in Warschau 2016 (Polnisch mit deutschen Untertiteln).