Oper als Erinnerungsort. „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg 2017 in Gelsenkirchen

Plakatmotiv zur Aufführung von "Die Passagierin" im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier
Plakatmotiv zur Aufführung von "Die Passagierin" im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier

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Kann Auschwitz in einer Oper in Szene gesetzt werden? Würde die Darstellung der unsäglichen Grausamkeiten einer Todesfabrik in der Welt des Theaters und der Musik funktionieren? Diesen beinahe unmöglichen Versuch unternahm der seit 1939 bis zu seinem Tod 1996 im russischen Exil lebende polnisch-jüdische Komponist Mieczysław Weinberg mit seiner Oper „Die Passagierin“. Als Inspiration für die Oper und Vorlage für das hauptsächlich von Alexander Medwedew erstellte Libretto diente die 1962 in Polen erschienene gleichnamige Novelle der polnischen Schriftstellerin und Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz („Pasażerka”, Warschau 1962).

Nach der konzertanten Uraufführung 2006 in Moskau und der szenischen Uraufführung 2010 in Bregenz folgte 2015 eine Inszenierung in der Oper Frankfurt am Main. Die 2017 völlig neu konzipierte großartige Inszenierung im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen wurde zu einem der bedeutendsten Erinnerungsorte der Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland.

Location in the atlas of remembrance places

Es ist mehr als eine künstlerische Herausforderung, die Grausamkeiten der wahrscheinlich größten bewusst organisierten Vernichtungsmaschinerie in der Geschichte der Menschheit in die Ausdruckformen der Oper zu übertragen. Der Wunsch der Überlebenden, die Erinnerung an diese Gräueltaten wach zu halten und sie gleichzeitig als Mahnung gegen das Vergessen als einen lebendigen Erinnerungsort zu gestalten, waren für die Autoren jedoch offenbar gewichtiger als die Furcht vor der Problematik der literarischen und szenischen Umsetzung.

Der polnisch-jüdische Komponist Mieczysław Weinberg (polnisch: Wajnberg), ging nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 nach Russland ins Exil und lebte bis zu seinem Tod 1996 in Moskau. Auf Anraten von Dmitri Schostakowitsch wählte er als Vorlage für seine neue Oper die Novelle „Die Passagierin“ der polnischen Schriftstellerin Zofia Posmysz („Pasażerka”, Warschau 1962), deren russische Übersetzung in der Zeitschrift Inostrannaja Literatura alsbald erschienen ist. Darin wird, und möglicherweise war gerade das für Weinberg ausschlaggebend, die Erinnerung an Auschwitz aus der Perspektive der Täter dargestellt. Diese innovative Sicht hat die Novelle von Zofia Posmysz berühmt gemacht. Nach einer Verfilmung 1963 in Polen von Andrzej Munk wurde sie zur Vorlage für mehrere Opern- und Theateraufführungen.

Das mit Zustimmung, jedoch ohne Beteiligung von Posmysz entstandene Libretto von Alexander Medwedew und Juri Lukin hält sich nicht streng an die Vorlage. Walter, ein deutscher Diplomat, und seine Frau Lisa haben gerade auf einem Luxusschiff die Reise nach Brasilien angetreten. Dort soll Walter einen neuen Posten übernehmen und will gemeinsam mit Lisa ein neues glückliches Leben beginnen. Die Schiffspassage soll eine „zweite Hochzeitreise“ sein. Die Idylle wird jedoch durch die Passagierin Marta brutal zerstört. Lisa erkennt Marta als ihre ehemalige Untergebene aus dem Konzentrationslager, wo diese als Aufseherin „ihre Pflicht“ getan hat. Diese Episode aus ihrem Leben hat Lisa ihrem Mann allerdings verschwiegen. Die Erinnerungen an das KZ, die geschickt und spannungsvoll in Lisas Vermutungen und Befürchtungen über Martas vermutliche Kenntnis darüber verstrickt sind, treten auf der Bühne immer stärker hervor. Als Aufseherin – und auch das wird allmählich immer deutlicher – hatte sie zwar anfänglich gegenüber Marta menschliche Züge gezeigt. Letztendlich war sie aber, insbesondere als sie Martas Verlobten Tadeusz denunzierte, den diese zufällig im KZ getroffen hatte, mehr als „linientreu“ geblieben. Anschließend schickte sie Marta in den Todesblock.

Die Dramatik des Stücks steigert sich mit der zunehmenden Deutlichkeit und Intensität der Verbrechen. Erschütternd wirken die Musik und die auf Deutsch, Polnisch, Russisch, Französisch, Tschechisch, Jiddisch und Englisch gesungenen Partien der inhaftierten Frauen, die nacheinander ihre Erlebnisse schildern. Die vom polnischen Bariton Piotr Prochera auf Polnisch gesungenen Partien des Tadeusz wirkten auf der Gelsenkirchener Bühne besonders eindringlich und authentisch.

Wie in einem Film oder einer Dokumentation werden der grauenvolle Alltag und die tragischen Schicksale der Inhaftierten in einzelnen Szenen dargestellt. Auffallend ist, dass die emotionale Musik trotz der umfangreichen und voluminösen Instrumentierung erlaubt, jedes gesungene Wort gut zu verstehen. Texte und Übersetzungen ins Deutsche wurden laufend in Übertiteln eingeblendet. Die Musik bleibt zwar stets die treibende Kraft der Inszenierung, hält sich jedoch, meisterlich durch den Dirigenten gestaltet, gegenüber den im Gesang verbalisierten und geradezu erdrückenden Inhalten im Hintergrund.

Einer der unvergesslichen Momente ist die Partie der Russin Katja, die ohne Orchesterbegleitung ein russisches Volkslied singt. Die beeindruckende Stille im Publikum wirkte als einzig zulässige Reaktion auf das vorgetragene Lied. Ähnlich erschütternd die Szene, in der sich Tadeusz, ein Violinist, weigert, für den Lagerkommandanten einen Walzer zu spielen und stattdessen – was sein Todesurteil bedeutete – spontan die Chaconne von Johann Sebastian Bach aufführt.

Wie die Weissagungen der Kassandra wirkt der Gesang des unsichtbar positionierten Chors, der die schmerzlichen Erinnerungen betont und verdeutlicht. Der Spannungsbogen der Aufführung erreicht seinen Höhepunkt, als in den Schlussszenen deutlich wird, dass es diese Erinnerungen sind, die als einziges Mittel für die Aufarbeitung des Leids fungieren können und zugleich als Mahnung für die Zukunft notwendig sind.

Die 1923 in Krakau geborene Zofia Posmysz, die 1942 ins KZ Auschwitz-Birkenau verschleppt und 1945 im KZ Ravensbrück befreit wurde, war bei der Premiere der Oper „Die Passagierin“ am 28. Januar 2017 im Gelsenkirchener Musiktheater anwesend. Nach der Aufführung betrat sie die Bühne und wurde vom Publikum mit langen stehenden Ovationen gewürdigt. Die in ihrem Werk stets durchscheinende Absicht, die Deutschen zu verstehen und ihnen eine positive Seite abzugewinnen, schien sich in diesem Moment zu verwirklichen.

 

Jacek Barski

 

 

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen 

Die Passagierin

 

Oper in zwei Akten von Mieczysław Weinberg

Libretto von Alexander Medwedew nach der gleichnamigen Novelle von Zofia Posmysz (1962)

In deutscher, polnischer, russischer, französischer, tschechischer, jiddischer und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

 

Konzertante Uraufführung:

25. Dezember 2006, Moskau, Stanislawski- und Nemirowitsch-Dantschenko Musiktheater Moskau 

 

Szenische Uraufführung

21. Juli 2010, Bregenzer Festspiele

 

Spielzeit in Gelsenkirchen:

28. Januar – 23. April 2017

Die Aufführungen in Gelsenkirchen werden von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm begleitet, darunter zwei Ausstellungen über Zofia Posmysz, realisiert durch das Muzeum Sztuki Współczesnej in Krakau (Museum für zeitgenössische Kunst in Kraków, MOCAK). Eine der Pozmysz-Ausstellungen fand im Foyer des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen, die andere im Zentrum für verfolgte Künste im Kunstmuseum Solingen statt. 

 

Weitere Informationen über Zofia Posmysz (auf Polnisch):

http://culture.pl/pl/tworca/zofia-posmysz

 

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