Raczyński-Palais

Das Reichstagsgebäude am Königsplatz (um 1900)

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Athanasius Raczyński reichte es nicht Kunst zu sammeln und auszustellen. Der Kunstförderer studierte und beschrieb die Werke der zeitgenössischen Maler. So veröffentlichte er die bis heute sehr geschätzten Werke: “Geschichte der neueren deutschen Kunst” (1836-1841) und nach seinem Aufenthalt in Portugal  “Dictionnaire historico-artistique du Portugal” (Lexikon der portugiesischen Kunstgeschichte, 1847) und “Les arts en Portugal” (Portugiesische Kunst, 1864).

Von der Kunstsammlung des Athanasius Raczyński ist ein Gemälde in Berlin geblieben: “Madonna mit acht singenden Engeln” von Sandro Botticelli.

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

“Der Reichstag steht auf polnischem Boden” sagt der Berliner Stadtführer Tomek nicht ohne Stolz und erntet das wieder erwachte Interesse seiner Touristengruppe aus Polen. Leicht übertrieben ist der Satz dennoch, denn der Reichstag steht nicht auf polnischem Boden, sondern auf den Mauern des Raczyński-Palais. Raczyński? Viel polnischer kann ein Name nicht klingen. 

Als der polnische Graf und preußische Diplomat Athanasius Raczyński 1834 nach Berlin zog, war er mit 46 Jahren bereits ein gestandener Mann aus einer einflussreichen Posener Adelsfamilie. Als glühender Anhänger Napoleons kämpfte er auf Seiten der Franzosen für ein unabhängiges Polen. Nach dem Ende des napoleonischen Europas bekundete er seine Loyalität gegenüber dem preußischen König und warb für die polnische Kultur im preußisch regierten Teil Großpolens. Dennoch war es nicht leicht für ihn, das Vertrauen des preußischen Königs zu gewinnen. Seinen Nutzen für Preußen musste er erst einmal beweisen. Das tat er auch - als preußischer Gesandter in Kopenhagen, Madrid und Lissabon.

Um seine Position in Berlin zu stärken, kaufte er ein Haus im Zentrum der Stadt, Unter den Linden 21, wo er eine öffentlich zugängliche Galerie für seine Sammlung eröffnete. Schon seit jungen Jahren sammelte Athanasius Raczyński Kunst der alten Meister und zeitgenössischer Künstler. Er galt als großzügiger Kunstmäzen und ausgesprochener Kunstkenner. Nicht mal zehn Jahre nach seiner Ankunft in Berlin beschloss er seine Galerie auszubauen und finanzierte den Bau des neuen Raczyński-Palais am Königsplatz in der Nähe des Brandenburger Tors in Berlin. 

Das Gelände überließ ihm König Friedrich Wilhelm IV. zum Nießbrauch mit der Auflage, Raczyńskis Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und so entstand in den Jahren 1842 - 1844 das Raczyński-Palais als öffentliche Galerie für die Kunstsammlung von Athanasius Raczyński. Doch drei Jahrzehnte später brauten sich dunkle Wolken über dem Palais zusammen. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 sahen die deutschen Abgeordneten die Notwendigkeit eines großen Tagungsortes. Das Wunschgrundstück für den nun geplanten Deutschen Reichstag befand sich am östlichen Ende des Königsplatzes und war bereits mit dem Raczyński-Palais bebaut.

Mit preußischer Zielstrebigkeit, kaiserlicher Befürwortung und viel Geld ging der Plan der Abgeordneten dennoch auf. 1881, fünf Jahre nach dem Tode von Athanasius Raczyński, verkaufte sein Sohn Karol Edward das Palais dem deutschen Staat. Das Palais wurde abgerissen. Und nun steht der Deutsche Reichstag dort, wo einst ein polnischer Graf und preußischer Diplomat seine Kunstsammlung ausstellte. Seine Bildersammlung ist nach einer Berliner Zwischenstation im Jahre 1904 nach Posen transportiert worden, wo sie bis heute ausgestellt wird und einen großen Teil der ausländischen Gemälde des Nationalmuseums bildet.


 

Adam Gusowski 

 
 

 

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