Plakat von "Wiarus Polski", 1899

Plakat von "Wiarus Polski", 1899
Plakat „Aufruf an die Polen in Herne und Umgebung“ von Wiarus Polski, 1899, Karton, 40 x 27,5 cm, Stadtarchiv Bochum

Info

Das Plakat mit dem Datum 29. Juni 1899 wurde in Bochum durch Wiarus Polski herausge- geben. Wiarus Polski war eine polnische Tageszeitung, ein Verlag und eine Buchhandlung. Bereits zu diesem Zeitpunkt kann man von einem regen polnischen Leben in Bochum und den umgebenen Städten des Ruhrgebiets sprechen. Immer mehr Arbeiter waren aus den durch Preußen verwalteten polnischen Teilen Oberschlesiens und anderen östlichen Regionen im Zuge der rasch voranschreitenden Industrialisierung an die Ruhr gekommen. Die Bezeichnung „Ruhrpolen“ entstand.

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

Aus heutiger Perspektive lässt sich sagen, dass Wiarus Polski unumstritten zu den ältesten und bekanntesten und sicher zu den bedeutendsten polnischen Tageszeitungen im Ruhrgebiet zählt. Wiarus, ins Deutsche etwa übersetzbar mit „altgedienter, tapferer Soldat, Veteran, alter Krieger“, symbolisiert das Paradigma des in der Zeit der polnischen Romantik entstandenen polnischen Kämpfers, der nach den Teilungen Polens (1772–1795), vorwiegend aus dem Exil heraus, unermüdlich auf zahlreichen Schlachtfeldern und als Krieger in unterschiedlichen nationalen Armeen für die Wiedergeburt Polens kämpfte.

Diese bereits um die Jahrhundertwende 1900 legendäre Gestalt wurde durch die eben- falls im Exil beziehungsweise im Untergrund auf den geteilten Gebieten der sich entwickeln- den polnischen Moderne, bekannt unter dem Namen „Młoda Polska“ (Junges Polen), noch bedeutender. Insbesondere im Drama von Stanisław Wyspiański, einem der Hauptvertreter dieser Strömung, „Warszawianka“ (1898) und allen voran in der berühmten Zeichnung von Stanisław Wyspiański„Ludwik Solski als stary Wiarus“ von 1904 wurde sie eindrucksvoll literarisch, als Theaterfigur und als Sujet in der bildenden Kunst in Szene gesetzt. Die Gestalt des durch den berühmten polnischen Theaterschauspieler Ludwik Solski verkörperten Alten Wiarus, der wortlos die Vorgesetzten über die Niederlagen im Novemberaufstand 1931 informiert, ist auf Anhieb sehr populär geworden und hat rasch eine breite symbolische Wirkung erlangt. Sie ist einerseits zum Synonym der Niederlage um die polnische Unabhängigkeit geworden, gleichzeitig aber die unbeugsame nationale Kraftanstrengung zur Fortsetzung der Unabhängigkeitsbestrebungen. In diesem Zusammenhang wurde der Name Wiarus Polski für die damaligen polnischen Bochumer sicherlich Programm.

Wiarus Polski erschien seit September 1890 und wurde durch den aus Westpreußen ein- gewanderten Pfarrer Franiszek Liss gegründet. Das Blatt hatte zum Ziel, den sich zunehmend in Gewerkschaften und anderen Arbeiterorganisationen gruppierten polnischen Arbeitern eine religiös (römisch-katholisch) orientierte Informationsplattform zu liefern. Mit dem auf dem Plakat enthaltenen Motto „Módl się i pracuj“ (bete und arbeite, ora et labora) wies sie zunächst auch eine starke Orientierung am Benediktiner-Orden auf.

Seit der Übernahme der Zeitung durch Jan Brejski 1893, einen bekannten polnischen Journalisten, wandelte sich das Profil des Blattes. Aus den anfangs noch fast ausschließlich religiösen Inhalten wurden zunehmend national-politische Themen mit einer starken konservativen Prägung behandelt. Brejski war 1907 bis 1912 Mitglied des Reichstags des Deutschen Kaiserreichs und verhalf dem Wiarus Polski im Laufe der Zeit zur Erlangung der politischen Professionalität und folglich zu Autorität unter den Polen im Ruhrgebiet. Ein Aus- druck davon ist sicherlich das Aufruf-Plakat „an die Polen in Herne“, das angesichts der aus- gebrochenen Streiks auf den Herner Zechen die Polen in Herne und Umgebung vor allem zur Mäßigung und Ruhe aufruft. Damit ist das Plakat ein einmaliges Zeugnis sowohl der polnischen Präsenz in Bochum, aber auch eine Manifestation der Integrität dieser Gruppe im Ruhrgebiet unter der Ägide von Wiarus Polski.

Jacek Barski 

 

Das Plakat ist Bestandteil der Ausstellung des Bochumer Zentrums für Stadtgeschichte „Hundert und sieben Sachen. Bochumer Geschichte in Objekten und Archivalien“

 

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