Das „Polenlager“ in Lahde

DPAC Lahde, Camp Lahde, Ortschaft Lahde. Zwei Displaced Persons posieren vor dem „Hotel Tonne“ (im Hintergrund) für ein Erinnerungsfoto. Hier lag zunächst das Hauptquartier der UNRRA-Teams 65 und 129.
DPAC Lahde, Camp Lahde, Ortschaft Lahde. Zwei Displaced Persons posieren vor dem „Hotel Tonne“ (im Hintergrund) für ein Erinnerungsfoto. Hier lag zunächst das Hauptquartier der UNRRA-Teams 65 und 129.

Info

Seit Überschreiten des Rheins durch die alliierte 21. Armeegruppe Ende März 1945 ist eine Anzahl so genannter „Military Government Detachments“  den angreifenden Bodentruppen dichtauf gefolgt. Diese Abordnungen übernehmen im Verlaufe der Besetzung Nordwestdeutschlands unverzüglich die uneingeschränkte Gewalt auf allen Verwaltungsebenen vom Landkreis an aufwärts. Die wesentlichen Aufträge der Detachments lauten „Wiederherstellung und Bewahrung von Recht und Ordnung, Kontrolle und Fürsorge gegenüber „Displaced Persons“, Schutz von alliiertem Eigentum, Festnahme von Kriegsverbrechern, Ausrottung des NS-Gedankengutes sowie Einrichtung und Einsatz einer verlässlichen deutschen Verwaltung“. (SHAEF, Handbook for Military Government in Germany, prior to defeat or surrender, December 1944).

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

 

Die Einrichtung des Displaced Persons Assembly Centre Lahde/Weser


Die Detachments der Militärregierung stehen vor der schwierigen Aufgabe, deutsche zivile Verwaltungen zu führen, ihre Arbeit zu kontrollieren und sich unter anderem auf die Lösung der Probleme von vielen Tausend „Displaced Persons“ einzustellen. Dazu richtet das Detachment 127 ab 9.4.1945 ein Displaced Persons Assembly Centre (DPAC) am Nordrand der Ortschaft Lahde an der Weser ein. Hier treffen Tausende von befreiten Kriegsgefangene, Zwangsarbeitern und Häftlingen, aus der Kampfzone im Raum Hannover flüchtend, an der Weser ein. Für den Aufbau und die Einrichtung des Lagers werden zunächst die vorhandenen Lagerkapazitäten im Raum Lahde genutzt. Dazu zählen das ehemalige „Arbeitserziehungslager“ der Gestapo Hannover, das „Ostarbeiterlager“ für ehemalige russische Zwangsarbeiter und weitere Barackenanlagen in der Ortschaft, vor allem in der Nähe der Kraftwerk-Baustelle.

Als Ordnungsmacht werden ab 8.4.1945 Truppenteile der 3. (brit.) Infanteriedivision an der Weser stationiert. Die Kapazitäten der Barackenlager sind rasch ausgeschöpft. Bis Mitte April1945 wird der überwiegende Teil der Ortschaft Lahde, in der Folgezeit sieben weitere Ortschaften des Amtsbereiches zugunsten der Unterbringung von DPs geräumt. Die Bevölkerung sucht Notquartiere in den Nachbargemeinden auf. Auch die neu eingerichteten DP-Camps in Meerbeck, Steinhude und Loccum werden zunächst durch das Detachment 127 in Lahde betreut. Die polnischen „Displaced Persons“ stellen den höchsten Anteil im DPAC Lahde, das im Volksmund bis in die Gegenwart häufig als „Polenlager“ bezeichnet wird.  


Übernahme der Lagerverwaltung durch die UNRRA

Nach der Kapitulation übernehmen die Teams der „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“ (UNRRA) die Verwaltung der DPACs. Die Tätigkeit der UNRRA Teams in den DPACs wird durch die Detachments kontrolliert.   

In der Folgezeit wird sich herausstellen, dass die UNRRA nur begrenzt in der Lage ist, alle DPACs in der Britischen Besatzungszone wie ursprünglich geplant zu übernehmen. Aus diesen und anderen Gründen verbleiben einige Ausländerlager in der Britischen Besatzungszone  - wie auch das DPAC Lahde – unter der Kontrolle von speziellen „Relief“ Detachments der Militärregierung. 


Die Kriminalität im Zusammenhang mit DPACs

Im Zeitraum 1945-1946 ereignen sich im besetzten Deutschland zunehmend Racheakte und Übergriffe von DPs vieler Nationalitäten gegenüber der einheimischen Bevölkerung. Eine Anzahl von Morden, Raubüberfällen und anderen schweren Gewalttaten erschüttert auch die Weserregion im ersten Nachkriegsjahr.  Nachweislich üben auch Deutsche gemeinsam mit DPs derartige Raubzüge aus. Die Beute wird häufig in den Wohnungen von deutschen Komplizen verborgen, damit sie im DPAC nicht entdeckt werden kann.  Diese Straftaten werden im Verlaufe des Jahres 1945 ihren Höhepunkt erreichen und ab 1946 nachlassen.

Bei der Vorgehensweise der britischen Besatzungsmacht gegenüber polnischen DPs ist seinerzeit – wohl aus außenpolitischen Gründen – berücksichtigt worden, dass polnische Truppenteile von Bodentruppen und Luftstreitkräften während des 2. Weltkrieges unter alliiertem Kommando im Einsatz gegen das Deutsche Reich gekämpft hatten. Einige dieser Truppenteile stehen auch in der Nachkriegsphase noch in britischen Diensten. Auch die frisch eingerichteten zivilen Einheiten wie die Civil Mixed Labour Organisation (CMLO) oder die Mixed Service Organisation (MSO) sind Elemente der „British Army of The Rhine“ (BAOR). Hier erhalten auch polnische „Displaced Persons“ einen Arbeitsplatz.


Lagerstruktur und Lagerbetrieb im DPAC Lahde, Probleme der Repatriierung

Ab 9.5.1945 übernimmt das UNRRA Team 65 die Verantwortung für die Verwaltung des DPAC Lahde. Nach britischen Angaben liegt die Belegungsstärke Ende Mai 1945 bei etwa 20.000 „Displaced Persons“. Nach deutschen Angaben leben im DPAC Lahde bis zu seiner Auflösung zwischen 12.000 und 17.000 „heimatlosen Ausländern“. Die UNRRA-Lagerleitung, repräsentiert durch den UNRRA-Direktor und seinen Stellvertreter, wird zunächst durch britische Staatsangehörige besetzt. Mit fortschreitender Zeit wird die Stelle des UNRRA-Direktors etwa ab 1947 durch einen Angehörigen polnischer Nationalität besetzt.

Jedes Camp des DPAC Lahde, in dem der Anteil polnischer „Displaced Persons“ seit 1945 zunehmend dominiert, erhält eine individuelle Struktur mit eigenem DP-Bürgermeister, Gemeinderat und Lagerpolizei. In den Camps werden Ehen geschlossen und Kinder geboren. Die verstorbenen „Displaced Persons“ werden auf den örtlichen Friedhöfen bestattet. Für die Bewirtschaftung des DPAC Lahde erhalten die DPs die Möglichkeit für den Einsatz als Arbeitskräfte in den Camps, zum Beispiel in der Lagerverwaltung, im Management der Versorgungslager, im Schul- oder Gesundheitswesen, als Handwerker oder als ungelernte Arbeitskraft. Die Auszahlung des Arbeitslohns erfolgt nach britischer Kontrolle durch die Amtsverwaltung Lahde in deutscher Währung.  

Der Unterricht in den polnischen Schulen setzt im Camp Cammer bereits im Mai 1945 ein. Im Juli beginnt der polnische Schulunterricht in den Camps Bierde, Frille, Ilserheide, Lahde, Raderhorst und Wietersheim. Die polnischen Lehrer stehen auf der Lohnliste der UNRRA.

Die ärztliche Betreuung der „Displaced Persons“ wird durch die Einrichtung von DP-Krankenhäusern in  Lahde, Frille und Bad Hopfenberg einschließlich einer zahnärztlichen Versorgung sichergestellt. Die evangelische Kirche Lahde wird auch von den katholischen Priestern der DP-Kirchengemeinde genutzt. Die von den Westalliierten mit Russland vereinbarte priorisierte Repatriierung russischer DPs aus den westlichen Besatzungszonen setzt im Mai 1945 ein und wird bis zum September im Wesentlichen abgeschlossen.

Die von den Westalliierten vorgesehene unverzügliche Repatriierung der polnischen DPs scheitert jedoch. Die Infrastruktur Polens ist durch die deutschen Angriffsoperationen 1939 und die Rückzugsgefechte gegen Kriegsende schwer geschädigt worden. Durch die Verschiebung des polnischen Territoriums nach Westen haben ursprüngliche Anteile Polens aufgehört zu existieren. Ein Teil der polnischen DPs wird zu Staatenlosen. Die Besetzung Polens durch russische Truppen ist mit der Einführung des Kommunismus in Polen verbunden. Diese Perspektive führt insgesamt dazu, dass die Masse der polnischen „Displaced Persons“ – wie auch die baltischen DPs – eine Repatriierung ablehnt und eine Ausreise in ein fremdes Land vorzieht. Diese ablehnende Haltung wird vom Hauptquartier der Britischen Besatzungszone akzeptiert. Die Bewirtschaftung von DPACs wird sich demnach noch eine Weile hinziehen.

Ab Sommer 1945 ist vorauszusehen, dass sich die Versorgungslage für die „Displaced Persons“ und die deutsche Bevölkerung ab Oktober dramatisch verschlechtern wird. Diese Erkenntnis führt ab Juni 1945 zu einer zügigen Entlassung deutscher Kriegsgefangener aus britischem Gewahrsam, um Arbeitskräfte für die bevorstehende Ernte und für die Wiederaufnahme der Kohleförderung im Ruhrgebiet zu gewinnen. Im Ruhrgebiet werden aus diesem Grunde DP-Camps aufgelöst und die „Displaced Persons“ auf andere Lager in Westfalen verteilt.

Im August 1945 bricht im Amtsbezirk Lahde eine Typhusepidemie aus, deren Bekämpfung erst einige Wochen später erfolgreich abgeschlossen werden kann und unter anderem zu einer strengeren Überwachung der hygienischen Bedingungen im DPAC Lahde führt. Aufgrund von akutem Brennstoffmangel im strengen Winter 1945/1946 setzt in den Camps des DPAC Lahde eine Demontage von Wohngebäuden und Höfen ein, in deren Verlauf entbehrliche Holzelemente wie Mobiliar, Treppen oder Dachsparren für die Beheizung von Räumen und die Zubereitung von Mahlzeiten verwendet wurden. Durch improvisiertes Anlegen von Feuerstellen und elektrischen Kocheinrichtungen brennen einige Höfe in den Camps bis auf die Grundmauern nieder.

Die Militärregierung hat ursprünglich beabsichtigt, die Übergabe der letzten DP-Camps an die UNRRA bis Ende 1946 durchzuführen. Im August 1946 verwaltet die UNRRA bereits 127 DP-Lager in der Britischen Besatzungszone. Die Lage entwickelt sich jedoch gegenläufig. Nach der Bildung von „UNRRA Area Teams“ mit ihrer Zuständigkeit für mehrere Ausländerlager wird die Verantwortung für die DPACs zunächst formal an die Militärregierung übergeben. Ende Juni 1947 wird die UNRRA aufgelöst. Ihre Tätigkeit soll durch die International Refugee Organization (IRO) übernommen werden. Ab Juli 1947 übergibt die Militärregierung der westlichen Besatzungszonen die Verantwortung für die DPACs an die neu aufgestellten „IRO Area Teams“.  In der Folgezeit lockern die von den „Displaced Persons“ begehrten Staaten des Commonwealth of Nations wie auch die USA die Einreisebedingungen für ein „Resettlement“ von nicht repatriierungswilligen oder nicht repatriierungsfähigen DPs. Ein Teil von ihnen wird in der Bundesrepublik Deutschland eigene Wege gehen. Die Lage in des DPACs entspannt sich aufgrund der sinkenden Belegungszahlen.

Mit der Auflösung des Camps Päpinghausen im Frühjahr 1948 setzt der Rückbau des DPAC Lahde ein, der im September 1949 mit der Auflösung des Camps Lahde abgeschlossen wird. Die einheimische Bevölkerung kehrt in ihre Ortschaften zurück. Der Wiederaufbau setzt unverzüglich ein.

Hermann Kleinebenne


Quellen:

The National Archives, London, Dokumente von Foreign Office, War Office

Kommunalarchiv Stadt Petershagen, Dokumente des Amtsbezirks Lahde zum Ausländerlager Lahde

Archiv Kevin Irla

Archiv Russell Panczenko

Archiv Anna Young

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