Archivbestand des Bundes der Polen „Zgoda“ in der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Vereinsfahne des Bundes der Polen „Zgoda“ in der Bundesrepublik Deutschland e.V.
Vereinsfahne des Bundes der Polen „Zgoda“ in der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Info

Nachdem sich der Bund der Polen „Zgoda“ in der Bundesrepublik Deutschland e.V. aufgelöst hatte, wurde 2015 das Archivgut der Organisation der Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland „Porta Polonica” in Bochum übergeben. Der geordnete Bestand wurde anschließend dem Archiv für soziale Bewegungen (AfsB) mit Sitz im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum übertragen und der Öffentlichkeit zu Forschungszwecken zugänglich gemacht.

Lage im Atlas der Erinnerungsorte

I. Geschichte der Organisation

 

Der Bund der Polen „Zgoda“ (Eintracht) in der Bundesrepublik Deutschland e.V. [Związek Polaków „Zgoda“ w Republice Federalnej Niemiec] wurde 1950 in Hamburg gegründet und 1952 als Kultur- und Bildungsverein in das Vereinsregister des Amtsgerichts Hamburg eingetragen. Er ging als Abspaltung aus dem Bund der Polen in Deutschland „Rodło” (BPiD „Rodło”) [Związek Polaków w Niemczech „Rodło” (ZPwN „Rodło”)] hervor, der 1922 gegründet und nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt wurde. Der Hauptgrund der Abspaltung lag in den unterschiedlichen politischen Positionen der Spitzenfunktionäre des BPiD „Rodło”, die seit der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zu verzeichnen waren und von 1950 bis 1952 weiter eskalierten. Diese Jahre entschieden über die Zukunft des BPiD „Rodło”, und sie wirkten sich über Jahrzehnte auf die in Deutschland lebenden Polen aus. Begleitet wurde der Konflikt von starkem Engagement der Konsularabteilung der Polnischen Militärmission [Wydział Konsularny Polskiej Misji Wojskowej] in Düsseldorf. Die Regierung der Volksrepublik Polen war darum bemüht, sich den Vorstand des Bundes gefügig zu machen, um ihn dazu zu bringen, die in Deutschland lebenden Polen zur Rückkehr in ihr Heimatland zu bewegen. Daraufhin bildeten sich im BPiD „Rodło” zwei Fraktionen heraus, eine national-katholische mit Michał Wesołowski an der Spitze und eine pro-polnische (als pro-kommunistisch geltende), die von Augustyn Wagner angeführt wurde. Den Wendepunkt in diesem Konflikt stellte die Hauptversammlung des BPiD „Rodło” am 26. März 1950 dar, in der Michał Wesołowski zum Vorsitzenden des Bundes gewählt wurde. Zugleich wurde Augustyn Wagner aus dem Vorstand verdrängt, da man befürchtete, dass die deutsche Seite den Bund bezichtigen könnte, seine Weltanschauung dem Kommunismus anzunähern. Die Fraktion um Wagner betrieb daraufhin die Gründung des Bundes der Polen „Zgoda“, der die polnische Regierung und die Veränderungen in der Volksrepublik Polen anders als der BPiD „Rodło” loyal unterstütze. Die neu gegründete Organisation leistete den Bemühungen der polnischen Regierung Vorschub. Beliebt war sie unter den in Deutschland lebenden Polen jedoch vor allem wegen des finanziellen Nutzens, der sich für Mitglieder aus einem verminderten Pflichtumtausch bei Polenreisen ergab. Dieser Umstand trug dem Bund der Polen „Zgoda“ bis 1990 viele neue Mitglieder ein. Als der Pflichtumtausch 1990 abgeschafft wurde, sank die Mitgliederzahl. Trotz aller Versuche, das Image zu ändern und dem Bund neue Finanzierungsquellen für seine Aktivitäten zu erschließen, setzte ein fortschreitende Niedergang ein, der 2013 zur Auflösung des Bundes der Polen „Zgoda“ e.V. in der Bundesrepublik Deutschland führte.

II. Geschichte des Archivbestands

Nachdem sich der Bund der Polen „Zgoda“ e.V. in der Bundesrepublik Deutschland aufgelöst hatte, wurde 2015 das Archivgut der Organisation der Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland „Porta Polonica” in Bochum übergeben. Der geordnete Bestand wurde anschließend dem Archiv für soziale Bewegungen (AfsB) mit Sitz im Haus der Geschichte des Ruhrgebiets in Bochum übertragen und der Öffentlichkeit zu Forschungszwecken zugänglich gemacht.

III. Charakterisierung des Archivguts

Das im AFsB befindliche Archivgut des Bundes ist nicht vollständig. Seine Qualifizierung ergab, dass die Eingangs- und Ausgangsbücher der Korrespondenz (sofern sie geführt wurden) sowie einige Jahrbücher der Rundschreiben fehlen. Die Unterlagen wurden in themenbezogenen Ordnern abgeheftet und in Karteikästen (Mitgliedschaftserklärungen und Mitglieder-Ausweise) gesammelt. Wie vollständig das erhaltene Archivgut ist, ist schwer zu sagen, wobei es sicher an die 90% sein werden. Der Erhaltungszustand ist gut. Der überwiegende Teil der Unterlagen ist in polnischer Sprache verfasst. Die einzelnen Archiveinheiten sind ebenfalls in polnischer Sprache beschriftet. Bei der Inventarisierung des Bestands wurden Titel in deutscher Sprache vergeben.

 

IV. Umfang des Archivguts

 

Die erhaltene Dokumentation erlaubt eine ganzheitliche Betrachtung der Struktur des Bundes der Polen „Zgoda“ und seiner Aktivitäten. Sie enthält Protokolle der Vorstandssitzungen, Dokumente der Hauptversammlungen (Protokolle, Tagesordnungen, Delegiertenverzeichnisse, Redetexte, Schriftverkehr mit den Regionalgruppen, Aufstellungen der Aufwendungen, die im Zusammenhang mit der Durchführung von Versammlungen anfielen) sowie Papiere des Bundesrats (Einladungen, Tagesordnungen, Protokolle, Listen der Ratsmitglieder).

Den überwiegenden Teil der Unterlagen macht der Schriftverkehr der Mitglieder mit dem Vorstand aus. Er wurde nach Regionalgruppen geordnet und betrifft verschiedene Themen. Die Korrespondenz bezog sich hauptsächlich auf Fragen der Mitgliedschaft und der Mitgliedsbeiträge, der Anträge auf Befreiung bzw. auf Senkung des Pflichtumtauschs bei Polenreisen sowie auf die Organisation von Erholungsreisen und Kuraufenthalten von Kindern und Erwachsenen in Polen. Die Dokumentation der Regionalgruppen enthält zudem den Schriftverkehr der Autoren der Artikel für das Presseorgan des Bundes „Głos Polski” („Stimme Polens“) mit den Mitarbeitern der Redaktion. Die Korrespondenz aus den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts betrifft ganz überwiegend Bitten um Finanzhilfen in Anbetracht der politisch wie wirtschaftlich schwierigen Situation während und nach der Zeit des Kriegsrecht in Polen sowie nach 1989 in Folge der Transformation.

Der Bestand enthält auch die komplette, nach Regionalgruppen (von 1 bis 113) geordnete Mitgliederkartei des Bundes der Polen „Zgoda“. Jede Karteikarte enthält alle personenbezogenen Angaben des Mitglieds (Vorname und Familienname, Geburtsdatum und Geburtsort, Beruf), das Datum der Einreise nach Deutschland sowie das Datum des Beitritts zum Bund. Ähnliche Informationen enthalten die Beitritts- und die Austrittserklärungen der Mitglieder. Diese Dokumente liegen jedoch nur rudimentär vor. Den größten Teil machen die Mitgliedsausweise aus, da sie beim Austritt aus der Organisation zurückgegeben werden mussten.

Weitere Unterlagen beziehen sich vor allem auf die satzungsgemäßen Aufgaben des Bundes, auf die damit verbundenen Kontakte mit polnischen und deutschen Behörden sowie mit Nichtregierungsorganisationen. In der Zeit der Volksrepublik überwogen Kontakte mit dem polnischen Konsulat in Köln, um Visumsangelegenheiten und Fragen des Pflichtumtauschs zu klären, sowie anlässlich der Begehung diverser Staatsfeierlichkeiten. Andere Kontakte mit Polen und polnischen Organisationen verliefen über die Gesellschaft für Verbindungen zu Auslandspolen „Polonia” [Towarzystwo Łączności z Polonią Zagraniczną „Polonia”] und über das Polonia-Zentrum [Centrum Polonijne] in Lublin. Diese Beziehungen wurden von den polnischen Behörden kontrolliert. Als die Visumspflicht und die Umtauschpflicht 1989 aufgehoben wurden, setzten sich die Kontakte zu den polnischen Konsulaten fort, allerdings beschränkt auf die Organisation von Staatsfeierlichkeiten und kulturellen Veranstaltungen sowie auf die Bemühungen des Bundes um finanzielle Unterstützung seiner satzungsgemäßen Aktivitäten. Die Finanzfragen waren auch das treibende Thema für die Kontakte zum Verband „Polnische Gemeinschaft” [Wspólnota Polska], der nach der Auflösung der Gesellschaft für Verbindungen zu Auslandspolen „Polonia” deren Funktion übernahm. In seiner aktiven Zeit arbeitete der Bund der Polen „Zgoda“ auch mit diesen Organisationen zusammen: dem Polnischen Automobilverband [Polski Związek Motorowy], der Kultur- und Bildungsgesellschaft in Oppeln [Opolskie Towarzystwo Kulturalno-Oświatowe], dem Polnischen Anglerverband [Polski Związek Wędkarski], dem Polnischen Radio [Polskie Radio], dem Polnischen Olympischen Komitee [Polski Komitet Olimpijski], dem Reisebüro Polorbis [Biuro Podróży Polorbis], dem Bund der Kriegsversehrten der Polnischen Streitkräfte [Polski Związek Inwalidów Wojennych], dem Polnischen Chor- und Orchester-Verband [Polski Związek Chórów i Orkiestr] und anderen. Diese Kooperationen sind in eigenen Archiveinheiten dokumentiert.

 

In der neuen politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit nach 1989 knüpfte der Bund der Polen „Zgoda“ vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, Kontakte zu den Organisationen von Auslandspolen. In diesem Zusammenhang sind die Kontakte mit dem BPiD „Rodło” und dem Polnischen Kongress in Deutschland [Kongres Polonii Niemieckiej] hervorzuheben.

Der Archivbestand des Bundes der Polen „Zgoda“ enthält außerdem Unterlagen über interne Angelegenheiten des Bundes und über Kulturveranstaltungen. Die wichtigsten waren die Jubiläumsfeiern der Organisation, die mit kulturellem Begleitprogram abgehalten wurden, das aus Auftritten von Chören, Tanzgruppen und dergleichen bestand. Im Archivbestand des Bundes der Polen „Zgoda“ befinden sich insofern Unterlagen über die Tanz- und Folklorefestivals [Festiwal Zespołów Tanecznych i Folklorystycznych], über Polnische Chorfestivals [Festiwal Chórów Polonijnych] und die Polnischen Kulturtagen [Dni Kultury Polskiej] in Recklinghausen.

Einen wichtigen Teil des Archivbestands stellen die „Rundschreiben” dar, darunter: Mitgliederrundschreiben, Mitteilungen aus der Arbeit des Bundes sowie Mitteilungen über geplante Maßnahmen, über Ausflüge und Erholungsaufenthalte in Polen und weitere Themen. Eine ähnliche Funktion hatte auch „Głos Polski”, das Presseorgan des Bundes, das von 1951 bis 1998 anfangs wöchentlich, später alle zwei Wochen und zum Schluss monatlich erschien. Als dann in den 1990er Jahren Schwierigkeiten mit der Finanzierung des Periodikums aufkamen, konnte es nicht mehr regelmäßig erscheinen. Von 1999 bis 2001 gab es gar keine Ausgaben. 2002 wurde die Zeitschrift als Vierteljahresschrift wiederbelebt und erschien mit einer Unterbrechung im Jahr 2006 bis 2008. Dann wurde sie endgültig eingestellt. Mit dem Archivbestand des Bundes der Polen „Zgoda“ wurden dem AFsB die Jahrgänge des „Głos Polski” von 1956 bis 2002 übergeben, also nicht die ersten Jahrgänge und im späteren Verlauf mit fehlenden Nummern, wobei ein vollständiges Register aller Ausgaben beigefügt ist. Diese Jahrgänge gelten jedoch nicht als integraler Bestandteil des Bestands.

Einen wesentlichen Teil der Archivbestands des Bundes stellen Unterlagen über den Kauf, die Renovierung, die Unterhaltung und die Arbeit des „Polnischen Hauses” [Dom Polski] in Recklinghausen dar. Das Haus wurde als Sitz der Organisation am 20.06.1980 erworben. Hier fanden die Veranstaltungen des Bundes, auch solche mit kulturellem Charakter, statt. Der Bestand enthält auch Akten über Belange der Kinder und Jugendlichen, darunter Unterlagen zum Schulwesen, zu Jugendkonferenzen und Jugendtreffen, zu Erholungsaufenthalten in Polen, zu Ausflügen nach Polen, außerdem Unterlagen über die Ausbildungsmöglichkeiten an polnischen Gymnasien und polnischen Hochschulen, die es seit den 1990er Jahren gab. Der Bund der Polen „Zgoda“ förderte auch die Aktivitäten seiner weiblichen Mitglieder. Zu diesem Themenkomplex gibt es Dokumente über Frauenkonferenzen und Frauenkongresse, beispielsweise Kongressunterlagen, Berichte über Reisen nach Polen und weiteres Material. Unter den Dokumenten, die dem AfsB übergeben wurden, befinden sich des Weiteren Haushaltsunterlagen und Jahresberichte des Bundes sowie der Redaktion von „Głos Polski”.

Einen eigenen Teil des Bestands bildet eine fotografische Sammlung, die die Arbeit und das kulturelle Engagement der Organisation, ihre Jubiläumsfeierlichkeiten, die polnischen Nationalfeiertage und Kirchenfeste, die Erholungsaufenthalte der Funktionäre und ihrer Kinder in Polen und anderes mehr dokumentieren.

 

Artur Kamiński

 

 

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